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Lokales Sachsens erste „Stolperschwelle“ wird in Leipzig-Dösen verlegt
Leipzig Lokales Sachsens erste „Stolperschwelle“ wird in Leipzig-Dösen verlegt
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07:00 13.04.2016
 Steven Wallner, Katja Mieder, Stefanie Kretzschmann – die pflegende Betreuerin – sowie Maik Tiedtke und Robert Fehrmann (v.l.) von der Stolperschwellen-Initiativgruppe bei einer Vor-Ort-Erkundung am Eingang der einstigen Dösener „Heil- und Pflegeanstalt“.
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Das gab es in Sachsen noch nie: Während vielerorts schon hunderte Stolpersteine ebenerdig vor ehemaligen Wohnstätten verlegt wurden, um an von Nazis ermordete Mitbürger zu erinnern, soll am 7. Mai erstmals eine „Stolperschwelle“ vom Kölner Projektinitiator Gunter Demnig verlegt werden: in Leipzig-Dösen. Am Eingang der dortigen, früheren „Heil- und Pflegeanstalt“. Und zwar für jene behinderten Opfer, die die Nationalsozialisten zynisch als „lebensunwert“ einstuften und im Zuge ihrer Euthanasie-Erlasse auch dort, in einer der zwei damaligen Leipziger „Kinderfachabteilungen“, töteten.

Bereits 2013 hatten daher fünf körperlich beeinträchtigte Leipziger Frauen und Männer – nachdem sie schon einen Stolperstein für das NS-Euthanasie-Opfer Arno Jörg König, einen kleinen Jungen, organisiert hatten – das Vorhaben „Stolperschwelle“ zu ihrer „Sache“ gemacht. Sie nannten ihr in Regie des Erich-Zeigner-Haus-Vereins laufendes Projekt „Initiative 551 Plus“. „Immerhin waren in der Dösener ,Heil- und Pflegeanstalt’ seinerzeit nachweislich 551 Kinder in den Tod geschickt worden. Wobei alle Unterlagen dazu noch nicht ausgewertet sind - daher das ,551 Plus’“, hatte Henry Lewkowitz vom Verein, der als Philosoph und Historiker die Gruppe inhaltlich begleitet, das Ganze damals noch erklärt. „Inzwischen wissen wir allerdings von höheren Opferzahlen und anderen Opfergruppen, wollen daher mit der Inschrift der ,Stolperschwelle’ nicht nur mahnend der NS-Kindereuthanasie gedenken, sondern alle Verfolgungsprozesse mit dem aktuellen Forschungsstand an diesem Ort dokumentieren“, so Lewkowitz.

Nicht zuletzt deshalb brauchte das Projekt dann wohl eine Weile: Zunächst verschafften sich die behinderten Akteure einen genauen Überblick über jegliche Euthanasie-Verbrechen an der Pleiße; grasten Archive ab; trugen Infos zusammen, tauschten sich bei regelmäßigen Treffen aus, wofür ihnen das Soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ seine barrierefreien Räume überließ. Historiker Ulrich Rottleb und Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator der Stadt, unterstützten den Recherchetrupp ihrerseits. Eine eigene Facebookseite hat die Initiative inzwischen auch. Nicht zuletzt wurde ein Werbeflyer erarbeitet, mit dem man sich – analog wie bei den Stolpersteinprojekten – ans Spendensammeln machte. So eine Schwelle kostet immerhin rund 1750 Euro. „Aktuell fehlen uns noch gut 300“, sagt Lewkowitz.

Fertig sei unterdessen bereits die Inschrift für Sachsens erste „Stolperschwelle“. Und die macht deutlich, wie sehr sich das mit dem Initiativnamen „551 Plus“ inzwischen überholt hat. Nunmehr wird sie wie folgt lauten:

„Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen 1933 – 1945. Ab 1934 wurden hier 604 Menschen zwangssterilisiert. 1939 – 1943 wurden hier 624 Kinder in der ‚Kinderfachabteilung’ ermordet. Juni 1940 – August 1941 wurden von hier aus 860 behinderte Menschen ‚verlegt’, ermordet in Pirna-Sonnenstein – ‚Aktion T4’“.

Vor Ort in den Boden gebracht wird das etwa einen Meter mal 30 Zentimeter messende Mahnmal am 7. Mai um 15.15 Uhr, begleitet von einem feierlichen Rahmenprogramm. Jeder ist dazu willkommen.

kontakt@erich-zeigner-haus-ev.de

Von Angelika Raulien

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