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Lokales Samuels zweites Leben: 14-jähriger Junge bekommt in Leipzig neue Niere
Leipzig Lokales Samuels zweites Leben: 14-jähriger Junge bekommt in Leipzig neue Niere
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20:26 01.06.2018
Samuel blickt dank erfolgreicher Nierentransplantation mit Zuversicht und neuer Leichtigkeit in die Zukunft. Quelle: Winfried Mahr
Wilsdruff/Leipzig

Einfach so mit Kumpels treffen, um eine Runde auf dem Mountainbike zu drehen. Oder bloß mal ein bisschen chillen: Was für die meisten Jugendlichen normal ist, nimmt Samuel Martin seit einigen Monaten viel intensiver wahr als andere Jugendliche in seinem Alter. Denn lange Zeit hatte der 14-Jährige keine Chance auf normale und spontane Freizeitgestaltung. 2013 versagten bei dem damals Zehnjährigen aus der Kleinstadt Wilsdruff (Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) beide Nieren wegen einer genetisch bedingten Krankheit.

Behandlung war "echte Strapaze"

Ohne Nieren würde der Körper nicht mehr wachsen und auch nicht entgiftet, was ohne Dialyse zum sicheren Tode führen würde. Um das zu verhindern, musste dem Jungen die ganze Nacht hindurch über einen Katheter Dialyseflüssigkeit in die Bauchhöhle geleitet werden, die dort giftige Stoffwechselprodukte aufnahm. „Das dauerte täglich zwölf Stunden“, erinnert sich Samuels Mutter Erdmute, die als Sachbearbeiterin arbeitet und sich für diese Prozedur qualifizieren ließ. Irgendwann half aber auch das nicht mehr, und Samuel musste auf stationäre Hämodialyse (Blutwäsche) umgestellt werden. „Nach der Schule ging es dann viermal in der Woche nach Leipzig“, sagt Samuel mit ruhiger Stimme. Mehr als 3000 Autobahnkilometer pro Monat, dazu die stundenlangen Behandlungen: „Eine echte Strapaze!“

Der Grund für die weiten Touren: Das Kuratorium für Heimdialyse (KfH) unterhält mit dem Leipziger Nierenzentrum für Kinder und Jugendliche am Städtischen Klinikum St. Georg das einzige seiner Art in Sachsen. Im Schnitt werden dort 14 kleine Dialysepatienten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Ostthüringen und Süd-Brandenburg betreut. „Die Ärzte, Pfleger, Sozialpädagogen und Psychologen sind nicht nur fachlich sehr versiert“, lobt Samuels Vater Matthias Martin. „Kinder und Eltern in einer komplizierten Lebensphase werden auch emotional sehr gut betreut.“ Der dreifache Familienvater und IT-Referent engagiert sich zusammen mit anderen Eltern im Förderkreis Kinderdialyse Leipzig, wo Familientreffen, Kinderferienlager und viele andere Aktivitäten für chronisch nierenkranke Kinder und Jugendliche organisiert werden. Ziel aller Behandlungen am Nierenzentrum ist die Organtransplantation, erklärt die ärztliche Leiterin Dr. Simone Wygoda: „Mit fortschreitender Langzeitbehandlung wird auch der Kreislauf belastet, die Patienten fühlen sich körperlich schwächer.“

Lange Wartezeiten, wenig Spender

Doch die Warteliste für Organspenden ist lang. Etwa zehn Prozent aller Dialysepatienten, rund 8000 Menschen, stehen bundesweit auf der Warteliste für eine Nierentransplantation. Kinder warten im Schnitt zwei bis vier Jahre, Erwachsene doppelt so lange auf ein passendes Organ. „Es gibt dramatisch wenig Spenderorgane“, kritisiert Matthias Martin. Immer wieder muss er feststellen, dass im persönlichen Gespräch viele Menschen zur Organspende bereit sind und sich vorstellen können, nach dem Tod anderen zurück ins Leben zu verhelfen – einen Organspendeausweis hat aber nur jeder Dritte. „Es kann jeden treffen, jederzeit“, betont der Vater dreier Kinder. „Statt der jetzigen Misere mit fehlenden und schwer ausfindig zu machenden Organspendeausweisen brauchen wir eine Widerspruchsregelung.“ Das würde bedeuten, dass jeder zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. „Andere europäische Länder wie Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Österreich und die Niederlande zeigen, dass eine Widerspruchsregelung funktionieren kann“, sagt der engagierte Vereinsvorsitzende.

Sein Sohn Samuel hatte Glück: Noch während seine Eltern auf Eignung als Lebendspender getestet wurden, kam nach 16 Monaten Wartezeit der erlösende Anruf: „Am 8. März 2015 nachts um zwei Uhr klingelte das Telefon“, erinnert sich der Vater. Eine Stunde später waren die Eltern mit Samuel im Klinikum St. Georg, und nach einer weiteren Stunde wurde Samuel an der Leipziger Uniklinik auf die Transplantation vorbereitet. Sein Körper hat das fremde Organ gut angenommen. „Gott sei Dank!“, sagen die Eltern. Leben und Tod, bei Familie Martin wird darüber sehr offen gesprochen. „Was soll ich machen, ich muss mich damit auseinandersetzen“, sagt Samuel. Und geht gleich zum Scherzen über: „Jetzt habe ich sogar drei Nieren. Allerdings sind zwei davon so verkümmert, dass sie auf Ultraschallbildern kaum noch zu erkennen sind …“ Lehrer und Mitschüler hätten ihn jederzeit unterstützt, betont der Gymnasiast. Auch seine beiden Geschwister stärkten ihm den Rücken. „Vor allem auf meine Eltern kann ich mich immer verlassen.“

Leichtigkeit und Freiheit trotz Einschränkungen

Er genieße die neue Leichtigkeit, sagt der sympathische Junge mit der schmissigen Frisur. „Ich fühle mich freier und kann mehr eigene Entscheidungen treffen.“ Zwar muss Samuel mehrmals täglich etliche Medikamente nehmen, die sein Immunsystem im Zaum halten, aber die kritischste Phase scheint überstanden. Alle sechs Wochen fährt der Teenager zur Nachsorgeuntersuchung nach Leipzig. „An so viel Freizeit muss ich mich erst wieder gewöhnen“, sagt er und lächelt. Mal programmiert er einen kleinen Roboter oder konfiguriert im Netzwerk. Oft setzt er sich aus freien Stücken ans Klavier und drückt seine Lebensfreude mit passenden Melodien aus. „Nur dass ich extreme Hindernisläufe wie Parcours nie ausprobieren kann, vermisse ich irgendwie.“

Einen Beruf in der IT-Branche kann er sich später vorstellen, vielleicht Sicherheitstester für Software-Firmen oder Behörden. Viele Berufsbilder verbieten sich, da die körperliche Belastung oder hygienische Situation mit dem Krankheitsbild nicht vereinbar ist. Samuel ist schwerbehindert, die Lebensdauer seiner Spenderniere ist begrenzt. Laut Statistik reicht sie für zehn, bestenfalls 20 Jahre. „Irgendwann holt mich das Thema Dialyse und Warten auf eine Organspende wieder ein“, das ist ihm schon klar. „Aber darüber zerbreche ich mir nicht dauernd den Kopf“, sagt Samuel. Das kann warten – möglichst lange. „Jetzt heißt es erst mal: Leben!“

www.foerderkreis-kinderdialyse.de

www.kfh.de/nierenzentrum/kinderdialyse-leipzig

Von Winfried Mahr

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