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Schaurige Stätte, heute fast vergessen: Rabensteinplatz soll aus Dornröschenschlaf erwachen

Schaurige Stätte, heute fast vergessen: Rabensteinplatz soll aus Dornröschenschlaf erwachen

Der Rabensteinplatz an der Nordseite des Grassi-Museums wird wachgeküsst. Initiiert vom Johanneskirchturmverein und unterstützt von der Stadtverwaltung, hat Hobby-Historiker Manfred Wurlitzer die Geschichte des Platzes untersucht und Vorschläge für eine Neugestaltung gemacht.

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Quelle: Stadtgeschichtliches Museum

Leipzig. Denn das zwischen Dresdner Straße und Täubchenweg gelegene Areal ist weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Der 80-jährige Physiker hat die Ergebnisse seiner ehrenamtlichen Forschungen in einer 60-Seiten-Broschüre zu Papier gebracht, die von der Stadtverwaltung in 500 Exemplaren gedruckt wurde und jetzt kostenlos verteilt wird. Wer die Publikation durchblättert, erfährt Erstaunliches. Denn die Geschichte des Rabensteinplatzes ist spektakulär. In Archiven, Museen und Büchereien hat Wurlitzer zusammengetragen, dass das Areal jahrhundertelang als Hinrichtungsplatz genutzt wurde, nachdem im Jahr 1423 der Kurfürst Friedrich I. Leipzig die selbstständige Gerichtsbarkeit übertragen hatte. "Auf dem Rabensteinplatz wurde mit dem Richtschwert hingerichtet, was damals als relativ ehrenwert galt", erzählt Wurlitzer. "Denn normalerweise wurde die Todesstrafe damals durch Erhängen am Galgen vollstreckt. Leipzigs Galgen stand zu dieser Zeit am Gerichtsweg."

Wer geköpft werden "durfte", hatte nicht selten eine vornehme Abstammung oder galt als ein besonderer Fall. Denn der Rabenstein war das offizielle Obergericht - die dort durchgeführten Exekutionen wurden wegen ihrer hervorgehobenen Bedeutung als eine Art Event veranstaltet, das sollte unter anderem die Abschreckung erhöhen. Zu jeder Hinrichtung herrschte deshalb auf dem Rabensteinplatz Gedränge. "Es war Pflicht für jeden Bürger, sich solche Hinrichtungen anzuschauen", berichtet Wurlitzer. "Man wurde bestraft, wenn man nicht kam. Auch die Thomaner mussten dort singen." Die Todesstrafe gab es damals zum Beispiel für das Stehlen kirchlichen Eigentums. Aber auch Raubmörder und Kindesmörder wurden geköpft.

Während die Zuschauer meist zu Fuß zum Richtplatz kamen, wurde der Verurteilte auf einer blutigen Kuhhaut zur Richtstätte geschleift, wo sich ein etwa drei Meter hohes Podest befand. Dort schlug der Scharfrichter zu und steckte das abgeschlagene Haupt auf eine Stange, auf der es dann die Raben verunstalten durften.

Als Hinrichtungsstätten aufgegeben wurden der Rabensteinplatz und der Galgen am nicht weit entfernten Gerichtsweg erst 1822. Das Areal fiel dann in eine Art Dornröschenschlaf und die Fläche verkam zunehmend. Denn viele Leipziger mieden die ehemalige Richtstätte. 1843 kam deshalb im Stadtrat die Neugestaltung der Fläche auf die Tagesordnung. "Mehrere Ratsgärtner haben dafür Entwürfe erstellt, sind mit ihnen aber meist im Stadtrat gescheitert", hat Wurlitzer herausgefunden.

Erst 1866 wurde ein Entwurf des Ratsgärtners Carl Otto Wittenberg umgesetzt, unter anderem weil er die Geometrie des Platzes aufnahm. Als 1869 auf Initiative der Nachbarschaft ein Springbrunnen entstand, verwandelte sich die Fläche sogar in einen beliebten Aufenthaltsort. 1909 entschied der Rat dann auch noch, einen zweiten Brunnen am entgegengesetzten Ende des Platzes zu errichten. Diese anspruchsvolle Konstruktion wurde von einer Bronze-Gruppe des berühmten Leipziger Bildhauers Werner Stein geschmückt - ab 1911 wachten dort zwei Knaben und ein Frosch über die Wasserquelle. Die Reste dieses Froschbrunnens existieren noch heute; die Figuren sind allerdings während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen worden - ähnlich wie das Luther-/Melanchthon-Denkmal, das auf dem Johannisplatz stand.

Während dieses Krieges wurde unter dem Rabensteinplatz sogar ein Luftschutzbunker gebaut. Sein oberirdisches Eingangsbauwerk wich anschließend einem Kinderspielplatz. "Seitdem ist an dem Areal praktisch nichts mehr gemacht worden", sagt Wurlitzer. Zurzeit befindet sich dort eine Hundewiese.

Mit diesem Zustand ist niemand zufrieden. Im Amt für Stadtgrün und Gewässer wird darüber diskutiert, den Froschbrunnen in seinen originalen Zustand zu versetzen und dafür die eingeschmolzene Bronzegruppe nachbilden zu lassen. "Es gibt genügend Fotos und Unterlagen, die das Kunstwerk zeigen", sagt Wurlitzer. "Es wäre kein Problem, danach eine Kopie anzufertigen." Aus seiner Sicht könnten auch Schrifttafeln oder ein weiteres Kunstwerk an die Geschichte des Platzes als Richtstätte oder den Luftschutzbunker im Untergrund erinnern. Entschieden ist noch nichts.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.12.2014

Andreas Tappert

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