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Lokales Schnellere Hilfe für psychisch Kranke
Leipzig Lokales Schnellere Hilfe für psychisch Kranke
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23:17 16.03.2017
Menschen in Not erhalten künftig einen leichteren Zugang zur Psychotherapie. (Symbolfoto) Quelle: epd
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Leipzig

 Ab 1. April soll es leichter werden, einen Termin beim Psychotherapeuten zu bekommen. Andrea Mrazek, Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, spricht im Interview über Chancen, Risiken und die Fachtagung am kommenden Wochenende in Leipzig.

Nach drei Jahren findet in Leipzig wieder der Ostdeutsche Psychotherapeutentag in Leipzig statt. Das Motto lautet „Wohin entwickelt sich die Psychotherapie?“. Wie lautet Ihre Antwort?

Sie entwickelt sich weg von der Einzeltherapie, weg vom traditionellen Termin einmal in der Woche. Stattdessen steht sie in immer mehr Bereichen zur Verfügung, beispielsweise im Allgemeinkrankenhaus, zum Beispiel in der Onkologie und der Kardiologie, und gleichzeitig viel differenzierter. Es gibt nicht nur einen Weg. Die Psychotherapie wird flexibler. Es ist alles in allem erfreulich, dass Patienten mehr von dem bekommen, was fachlich möglich ist. Das finde ich toll.

Ab 1. April soll die psychotherapeutische Sprechstunde eingeführt werden. Was passiert da genau?

Die psychotherapeutische Sprechstunde bietet Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen einen direkten, uneingeschränkten und schnelleren ersten Kontakt zum Psychotherapeuten. Dies kann man sich ähnlich den Sprechstunden der Fachärzte vorstellen. In ihnen stellen sich die Patienten dem Psychotherapeuten vor und es wird abgeklärt, ob und wie eine Weiterbehandlung erfolgen soll. Das ist so völlig neu.

Nun sind Psychotherapeuten naturgemäß oft im Gespräch und schwer erreichbar.

 Außerdem gibt es feste Zeiten, in denen die Praxen für Terminvereinbarungen zur Sprechstunde nun telefonisch erreichbar sind. Diese telefonische Erreichbarkeit ist über die Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu erfahren. Patienten können sich ab dem 1. April telefonisch in den psychotherapeutischen Praxen melden und für die Sprechstunde anmelden. Wenn dies nicht gelingt, ist auch der Weg über die Terminservicestelle der KV eine Möglichkeit in die psychotherapeutische Sprechstunde.

Warum ist die Sprechstunde so wichtig?

 Ein entscheidender Fakt ist, dass ab 2018 die Sprechstunde die Voraussetzung dafür sein wird, dass Patienten überhaupt psychotherapeutisch behandelt werden dürfen. Wir befinden uns bis dahin in einer Übergangsregelung und es ist damit zu rechnen, dass nicht sofort alles reibungslos funktioniert. Die Psychotherapeuten sind auch auf die Kooperation und Informiertheit der verschiedenen Krankenkassen angewiesen. Wir hoffen, alle Beteiligten sind sich ihrer Verantwortung für die Behandlung psychisch erkrankter Menschen bewusst.

Was ist mit akuten Fällen?

Es gibt ab dem 1. April eine weitere neue Leistung in der psychotherapeutischen Versorgung. Das ist die Akutbehandlung. Diese Akutbehandlung kann zeitnah im Anschluss an die Sprechstunde beginnen. Sie ist für psychisch kranke Menschen gedacht, die rasch psychotherapeutische Hilfe benötigen und ohne diese möglicherweise schwerer erkranken würden, nicht mehr arbeiten oder zur Schule gehen könnten oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssten. Sie ist vor allem für die Stabilisierung in akuten psychischen Krisen gedacht.

Das klingt nach sehr viel mehr Arbeit.

Wir sind in der Kammer sehr besorgt darüber, dass noch immer nicht feststeht, wie diese wichtige Leistung ohne zu große Einschränkungen der regulären Psychotherapien erbracht werden kann. Möglicherweise wird es trotz großen Engagements der Kolleginnen und Kollegen regional zu Engpässen kommen, über die die KV Sachsen als zuständige Stelle umgehend informiert werden sollte. Psychotherapeuten und Patienten müssen sich wie gesagt auf eine Umstellungsphase einstellen.

Psychotherapeuten mit einem ganzen Praxissitz müssen dann mindestens 100 Minuten in der Woche für diese Sprechstunde aufwenden. Verlängert sich nicht dadurch die Wartezeit auf eine Therapie noch mehr?

Natürlich ist diese Sprechstundenzeit von der Zeit für Therapie abzuziehen. Das war immer der Kritikpunkt. Wenn sich herausstellt, dass die Inanspruchnahme der Sprechstunde zu groß ist und hinterher zu wenig Anschlussbehandlungen zur Verfügung stehen, dann wäre darüber zu diskutieren, ob die Kapazitäten reichen. Aber bis jetzt weiß kein Mensch, wie hoch der Bedarf tatsächlich ist.

Es werden ja nicht mehr Psychotherapeuten.

Im Augenblick jedenfalls nicht. Der Gesetzgeber hat jedoch für die Psychotherapie für 2017 eine Reform der Bedarfsplanung gefordert. Die OPK beteiligt sich mit anderen Kammern an der Entwicklung einer Datensammlung, die wir dazu auswerten werden. Die Niederlassungsmöglichkeiten für ambulant tätige Kollegen müssen neu überdacht werden, auch im Hinblick auf die Versorgung im ländlichen Raum.

Was können Patienten, die in die Sprechstunde kommen, tun, damit sie anschließend nicht zu lange warten müssen?

Das liegt nicht wirklich in der Hand der Patienten. Mit der Einführung der Sprechstunde ist für uns Psychotherapeuten eine deutlich größere Verantwortung verbunden, zu entscheiden, welche Versorgungsangebote notwendig sind – etwa eine Klinikeinweisung oder eine tagesklinische Behandlung oder eine psychosomatische Fachklinik. Das können auch Empfehlungen für eine Beratungsstelle oder eine geeignete Selbsthilfegruppe sein, bis hin zu Kollegen, die einen Therapieplatz für eine sofortige Behandlung frei haben. Dann sind die regionalen Versorgungsstrukturen und die medizinischen Netzwerken entscheidend.

Wird das Verfahren für die Praxen dann auch unbürokratischer?

Nein, einfacher wird es dadurch nicht. Die Antragstellungen sind vielmehr hoch kompliziert geworden. Da entsteht ein höherer Aufwand in den Praxen. Das ist der Pferdefuß an der Sache.

Wie sehr schlägt ins Kontor, dass Psychotherapeuten künftig mindestens 200 Minuten in der Woche telefonisch erreichbar sein müssen?

Wenig. Da geht es um die Terminvereinbarung für die Sprechstunde. Das kann vom Praxispersonal übernommen werden. Das müssen Psychotherapeuten nicht selbst tun.

Was haben die Leipziger vom Psychotherapeutentag?

Es gibt am Sonnabend, 15 Uhr, im Audimax der Leipziger Universität einen sehr spannenden öffentlichen Vortrag mit Diskussion von Professor Günter Esser von der Uni Potsdam zum Thema ADHS als Modediagnose mit fatalen Folgen. Da geht es um Fragen: Wie sieht eine seriöse ADHS-Diagnose aus? Ab welchem Alter des Kindes ist das überhaupt diagnostizierbar? Muss man wirklich Tonnen an Medikamenten an Kinder verfüttern? Welche alternativen Behandlungsmethoden gibt es noch zu ADHS? Das ist ein absolut brennendes Thema und der Eintritt ist natürlich frei.

Von Roland Herold

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