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Lokales Schriftstellerin betreibt Leipzigs schrägstes Café
Leipzig Lokales Schriftstellerin betreibt Leipzigs schrägstes Café
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08:22 18.07.2016
Autorin Rebecca Salentin vor ihrem Wagen-Café, dem „ZierlichManierlich“, am Richard-Wagner-Hain. Geöffnet ist zwischen April und Oktober täglich von 10 bis 20 Uhr.  Quelle: André Kempner
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Leipzig

Rebecca Salentin lässt sich Zeit, wenn sie zum Laptop greift, um in die Welt der Sprache, ins Universum der Fantasie einzutauchen. Zum einen, weil gut’ Ding’ Weile haben will. Und zum anderen, weil sie nicht nur mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt bestreitet. Rebecca Salentins Jahr ist zweigeteilt. Im Laufe der anderen Hälfte verdient sie ihre Brötchen mit dem Verkauf von Kaffee und Kuchen, Limonade und Eis, Sandwich und Quiche. Die hochwertigen Waren des uneingeschränkten Genusses, allesamt selbst gebacken oder zubereitet, kredenzt sie im „ZierlichManierlich“, dem schrägsten Café der Stadt. Auf den umgebauten, lindgrün gestrichenen einstigen Postwagen, der zwischen April und Oktober im Richard-Wagner-Hain am Elsterbecken parkt, ist Rebecca Salentin ebenso stolz wie auf ihre beiden Söhne und die beiden ersten Bücher mit den neugierig machenden Titeln „Hintergrundwissen eines Klavierstimmers“ und „Schuld war Elvis“.

Ausflügler kehren im Open-Air-Café auf vier Rädern gern ein, ordern am Wagen und hocken sich dann auf die Wiesen nebenan. Natürlich ist das Geschäft in diesen Wochen vor allem wetterabhängig, „aber wenn es nicht gerade schifft wie aus Kübeln ist der Wagen täglich von 10 bis 20 Uhr besetzt“, sagt Rebecca Salentin. Sollte sie mal nicht selber bedienen, guckt mindestens ein Mitglied der siebenköpfigen Belegschaft aus der Durchreiche.

Montags geht die „ZierlichManierlich“-Erfinderin grundsätzlich fremd. Dann sitzt sie im Café Cantona in der Windmühlenstraße auf ihrem Stammplatz und bedient auch außerhalb der eigentlichen Schreib-Periode die Tastatur. „Ich mag den Laden“, erzählt Rebecca Salentin. „Ich bin nämlich überhaupt nicht der Typ, der sich in eine Schreibstube verkriecht und dann stundenlang in Einsamkeit über seinen Schriften brütet. Ich brauche Leben um mich herum. Dann arbeite ich am effektivsten.“ Natürlich quatscht sie zwischendurch auch mal – zum Beispiel mit den Gastro-Kollegen. Die schätzen ihre Schriftstellerin – weshalb sie umgekehrt gern den Richard-Wagner-Hain ansteuern. „Ich mag das Ambiente des ,ZierlichManierlich’, die tolle Möglichkeit, in der Natur zu sein und dabei den besten Kuchen der Stadt zu essen“, schwärmt Cantona-Servicekraft Toni. Erst unlängst ist er mit der Frau Mama aus Senftenberg zu dem alten Wagen geschlendert. „Meine Mutter war total begeistert, erwägt jetzt den sofortigen Umzug nach Leipzig“, erzählt er augenzwinkernd.

Umgezogen an die Gestaden der Weißen Elster ist Rheinländerin Salentin im Jahr 2002. Sie stammt aus einem Eifeldorf irgendwo zwischen Aachen und Bonn. Als sie die 11. Klasse des Gymnasiums besuchte, wurde sie schwanger. Mit einem zweijährigen Kind an ihrer Seite legte sie ein starkes 1,7-Abitur hin – und gebar bald darauf einen weiteren Sohn. Alleinerziehend mit zwei Kids, ohne festen Partner und soliden Beruf: Ihr Dorf hatte ein Thema. „Die Leute haben unentwegt getuschelt, sobald sie mich sahen. Und da es in der Eifel keine Krippenplätze gab, hab’ ich mir gedacht: Da kannst du auch den Schnitt machen“, schildert Rebecca Salentin.

Wohin es gehen sollte, stand schnell fest. Als Schriftstellerin in spe und Konsumentin guter Bücher war ihr nicht verborgen geblieben, dass es in Leipzig das Deutsche Literaturinstitut gibt. „Ich hab’ Koffer und Kisten gepackt und bin rüber. Und das, ohne mich am Institut zuvor beworben zu haben. Ich, ziemlich blauäugig, war felsenfest davon überzeugt, dass die mich nehmen.“ Rebecca Salentin fand ruckzuck eine schöne Wohnung und zwei tolle Kita-Plätze, feierte „meine Befreiung, obwohl ich in Leipzig damals niemanden kannte“ – und wurde am Literaturinstitut zweimal abgelehnt.

Ein Schock. „Aus purer Verzweiflung“, wie sie sagt, begann Rebecca Salentin, an der Alma Mater Lipsiensis Kunst- und Literaturwissenschaft zu studieren. Was ihr, dem praktischen Typ, vom ersten Tag an ein Graus war. „Die schlimmsten Wochen meines bisherigen Lebens: alles blanke Theorie, alles anonym. Ich empfand nur Abscheu und Langeweile.“ Der anschließende Versuch, als Azubi im Buchhandel zu landen, scheiterte, „weil ich mit zwei kleinen Kindern an den Wochenenden nicht hätte arbeiten können“.

Dann der Lichtblick: In Berlin, bei einem Wettbewerb für junge Autoren, die zuvor noch nie veröffentlicht hatten, wurden Agenten und Lektoren auf die talentierte Autodidaktin aufmerksam. „Plötzlich hatte ich meinen ersten Buchvertrag in der Tasche.“ Der Klavierstimmer erschien pünktlich zur Leipziger Buchmesse 2007 im Schöffling-Verlag. Doch Rebecca Salentins erste Euphorie fand bald ein jähes Ende. Denn der innere Druck beim Schreiben wuchs. „Dass ich fortan mit Büchern meine Familie ernähren würde, hat mich gehemmt. Ich, die rheinische Frohnatur, jeden Tag am Schreibtisch? Das ging und geht gar nicht.“ Ergo musste ein zweites berufliches Standbein her – und das hat seit 2009 vier Reifen.

Das „ZierlichManierlich“ ist für Rebecca Salentin gerade ebenso eine Herzensangelegenheit wie der alte Seefahrer Johnny aus Hamburg. Er ist der Held ihres dritten Buches, eines historischen Romans über die Matrosen in den 1920er-Jahren. Erscheinungsdatum noch offen. Denn momentan ist ja Café-Zeit. „Und am Wagen bin ich auch nur die Kaffee-Tante. Nichts anderes.“

Von Dominic Welters

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