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Lokales Sebastian Krämers Kunst, Erwartung zu brechen
Leipzig Lokales Sebastian Krämers Kunst, Erwartung zu brechen
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13:53 22.02.2018
Blätter, die die Welt bedeuten: Sebastian Krämer bei seinem großartigen Auftritt im Central-Kabarett. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

Im Kern wird dieser Text lobhudelnd den Klavier-Chansonnier Sebastian Krämer preisen und sein Konzert „Im Glanz der Vergeblichkeit“ vom vergangenen Freitag im Leipziger Central Kabarett feiern. So weit für all jene, die immer alles schon vorher wissen wollen. Krämer hat ihnen zum Ende seines Auftritts ein Lied gewidmet. „Immer schon vorher wissen wollen“ braust darin drängend der Refrain. Warum immer schon vorher wissen wollen, wie der Urlaub wird, wer der Mörder im Krimi ist oder wie das Safe-Word lautet beim SM-Sex. Ein implizites Plädoyer für Geduld, Gelassenheit, Vertrauen schwingt mit im Crescendo. Man weiß es eben nicht vorher, meistens. Zur Ausnahme gehören Krämer-Konzerte: Sie werden gut (mit Tendenz zur Großartigkeit). Gälte es eine Krämer-Konzert-Vorhersage-App zu entwickeln, die Programmierer dürften ruckzuck durch sein.

Der Berliner Chansonnier singt im aktuellen Programm über die Puppe („Puppiduppi“), die über Nacht im Garten vergessen wurde. Über die Grundschulklasse im Planetarium. Über die prototypische „Dolores Medea Asil“ aus der dunklen Parallelwelt der Hexen-, Bondage- oder Gothic-Szene. Das lyrische Ich trifft Dolores Medea Asil nach Jahren im Bus wieder. Sie mit zwei zappeligen Kindern, die es im Zaum zu halten gilt. Früher wolltest du alles, jetzt wird dir alles zu viel, heißt es im Refrain. Da ist Krämer Dialektiker: Er entzaubert behutsam seine Figuren und unsere Wünsche, aber mit zauberhaften Worten und Klavierläufen. Er liefert die Pflaster gleich mit für die Wunden, die er zufügt, wenn „Puppiduppi“ zeigt, dass die Magie der Kindheit irgendwann vorbei ist und Dolores Medea Asil, dass das Leben mehr aus profaner Verantwortung besteht als aus Rausch.

Aber die Sehnsucht nach der Märchenwelt und erträumtem Rittermut der Kindheit erfüllt Krämer auch für einige Liedminuten, wenn er widerwillig in den Berg einsteigt, um den Drachen zu töten. Mit Höhlenplan auf dem Handy und dem Vielköpfigen auf den Fersen. Eine dieser Balladen, in denen sich seine Sprachmacht entfaltet, als habe ein antiker Mythendichter die Feder geführt.

Ließe man die Musik weg, Krämer müsste man Lyriker nennen, nicht Kabarettist. „Klavier-Kabarettist“ ist so ein Etikett, das ihm gern angeheftet wird. Aber wenn man denkt, jetzt ist es so weit, jetzt macht er auf Gesellschaftskritik und Gentrifizierungsfolgen in „Wir müssen raus“, weil er nostalgisch verklärt ein letztes Mal die gewohnten Blicke aus dem Fenster, die Geräusche aus den Nachbarwohnungen besingt, dann kommt sie auch schon, die ironische Brechung: Wir müssen raus – wir kaufen ein Haus.

Den Erwartungsbruch beherrscht Krämer auch musikalisch, wenn er Takt und Melodie pointiert gegen den Inhalt stellt oder zumindest ein doppelter Boden unter beschwingten Takten liegt. Virtuos gespielt vom Swing-Einschlag bis zur elegischen Ballade, bei einigen Liedern begleitet von Karsten Zimmermann am Waldhorn. Immer eigenständig, gern kompliziert, weit jenseits vom Drei-Akkorde-Pop.

Zwischendurch funktioniert es auch ohne Musik. Großartig sogar. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat Krämer, jetzt Anfang 40, vor drei Jahren einmal angedeutet, dass er sich vielleicht mit seiner Kindheit und Jugend auseinandersetzen müsse. Künstlerisch. Aber wenn es wahr ist, was er vorträgt, dann war die Jugend selbst schon Kunst.

Diese Erörterung aus seinem Deutsch-Leistungskurs jedenfalls über die Frage, ob Max Brod Franz Kafkas Nachlass zurecht wider dessen Willen veröffentlicht habe. Es folgt eine Antwort, die sich als kühne Abrechnung mit dem Deutschunterricht liest. Eine Arbeit, die das Wesen des späteren Schaffens vorwegnimmt: Sprachlich brillant, erzählerisch kraftvoll in der Abschweifung, souverän im Urteil und voller provokativer Komik.

Von Dimo Riess

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