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Lokales Seen der Region sollen Heizwärme für Leipzig liefern
Leipzig Lokales Seen der Region sollen Heizwärme für Leipzig liefern
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09:01 29.08.2018
Das Stadtwerke-Kraftwerk in Eutritzsch wird es laut Geschäftsführer Karsten Rogall (49) garantiert auch noch im Jahr 2030 geben. Sonst ändere sich aber viel. Quelle: Fotos: André Kempner
Leipzig

In Skandinavien laufen schon große Wärmepumpen, die Heizenergie aus Gewässern gewinnen. Etwas Ähnliches schwebt Stadtwerke-Geschäftsführer Karsten Rogall (49) auch für Leipzig vor, erklärt er im LVZ-Sommerinterview.

Wenn die Leipziger in zwölf Jahren eine Kaffeemaschine an der Steckdose anschließen: Wo kommt dann der Strom her?

Ziel der Bundesregierung bis zum Jahr 2030 ist, dass dann 65 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. In Leipzig sind wir heute schon ein Stück weiter, können drei Viertel des Bedarfs unserer Privat- und Gewerbekunden aus Wind und Biomasse beziehen. Ich denke, dass 2030 der Strom für die Kaffeemaschine komplett aus erneuerbaren Energien unserer Region stammt.

Wie sind die Stadtwerke 2030 aufgestellt?

Das Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Eutritzsch mit Kraft-Wärme-Kopplung wird es in jedem Fall weiter geben – daneben aber deutlich mehr dezentrale Blockheizkraftwerke, die ebenfalls gasbasiert sind. Nach den vier Anlagen, die wir 2017 errichten konnten, haben die Stadtwerke gerade den Zuschlag bei einer Ausschreibung für zwei weitere, aber größere Blockheizkraftwerke erhalten. Die zwei bekommen zusammen schon eine Leistung von 18 Megawatt.

18 Megawatt – wie viel ist das?

Es reicht, um einer Kleinstadt mit 10 000 Einwohnern Wärme und Strom zu liefern.

Erdgas ist kein erneuerbarer Energieträger. Wieso setzen Sie auf Gasanlagen?

Weil sich Erdgas ganz einfach austauschen lässt: zum Beispiel durch Bio-, aber auch durch künstliche Gase. Die Technologie für Power to Gas ist heute schon da. Dabei wird aus überschüssigem Strom im Sommer künstliches Methan hergestellt, das man gut speichern kann. Im Winter dient es dann zum Heizen. Wir wollen einen Großteil unserer Wärmeproduktion grundsätzlich auf dieser Technologie aufbauen. Sie schafft bei hoher Flexibilität Sicherheit. Die Versorgungssicherheit steht bei Stadtwerken an erster Stelle.

Wirtschaftlich waren Ihre Holzkraftwerke und die Windparks lange Zeit ein Flop. Wo soll die erneuerbare Energie für eines Tages 650 000 Leipziger herkommen?

Ein Teil der Probleme rührte daher, dass diese Anlagen faktisch ohne Wärmeauskopplung konzipiert wurden. Hinzu kamen unerwartete Schwankungen der Holzpreise sowie technologische Herausforderungen. Trotzdem sind auch diese Erzeugungstechnologien zukunftsfähig, wenn man aus Fehlern lernt.

Welche Fehler meinen Sie da?

Es wird künftig darum gehen, dass Bedarf und Erzeugung genau zusammenpassen. Wenn wir mit einem Biomassekraftwerk neben der Stromerzeugung auch Wärme in unser Fernwärmenetz einspeisen, wäre das viel rentabler.

Sie schauen sich also in Leipzig nach Platz für erneuerbare Energien um?

Wir scannen jede Fläche im Umkreis von 100 Kilometern, um unseren Erzeugungspark mit erneuerbaren Energien zu ergänzen. Dabei geht es vor allem um Wind, Photovoltaik, auch Solarthermie.

Sind Sie irgendwo fündig geworden?

Die ausgewiesenen Flächen für Windräder sind in Sachsen derzeit stark eingeschränkt. Sicher auch, weil man hier eine Verspargelung der Landschaft verhindern will. Photovoltaik hat den Vorteil, dass die Produktionskosten mittlerweile fast auf dem Niveau der Großhandelspreise liegen. Das ist für uns wirtschaftlich attraktiv. Für den Bereich Solarthermie sehen wir uns gerade zwei vielversprechende Großflächen in der Nähe von Leipzig ganz genau an.

Wo liegen die ganz genau?

Im Norden und im Süden dieser Stadt.

Solarthermie bedeutet, Sie wollen das von der Sonne erhitzte Wasser nutzen, um das Leipziger Fernwärmenetz zu speisen?

Im Grundsatz ja. Da laufen zurzeit noch Prüfungen, wie das am besten funktionieren könnte. Man muss dazu wissen, dass unser Fernwärmenetz derzeit noch im Sommer mit 90 Grad, im Winter mit 125 Grad arbeitet. Mittelfristig wollen wir mit der Vorlauftemperatur runter gehen.

An welche Technologien denken Sie noch?

Leipzig ist wie kaum eine zweite Großstadt von Seen umgeben. Als Angler weiß ich natürlich, dass am untersten Punkt eines Gewässers stets eine Temperatur von vier Grad Celsius herrscht. Die Temperaturdifferenz zur Oberfläche können Wärmepumpen nutzen, um Energie zu erzeugen. Das würde auch für die Gewässer ökologische Vorteile bringen. Je kühler ein See ist, desto mehr Sauerstoff bindet er. Und das ist ein Gewinn für die dort lebenden Organismen, Pflanzen, Fische.

Öko-Wärme aus dem Cossi oder Störmthaler See statt Braunkohle-Energie aus Lippendorf. Ist das die Zukunft?

Natürlich wären solche Großwärmepumpen nur ein Baustein unter mehreren. Aber ganz so abwegig ist das nicht. Die klassische Wärmepumpe in einem Eigenheim erzeugt heutzutage etwa zehn Kilowatt, in Skandinavien laufen aber schon industrielle Wärmepumpen mit 15 000 Kilowatt Leistung, das sind 15 Megawatt. Aus Lippendorf beziehen wir 60 Prozent der Leipziger Fernwärme, das sind rund 350 Megawatt.

Wann wollen Leipzigs Stadtwerke nicht mehr auf Lippendorf angewiesen sein?

So stellt sich die Frage für uns nicht. Wir sind technisch schon heute in der Lage, die Fernwärmeversorgung bei einem Ausfall von Lippendorf sicherzustellen. Das gilt für den unwahrscheinlichen Fall, dass dort beide Blöcke gleichzeitig abgeschaltet werden – etwa bei einer Havarie. Für uns ist an dieser Stelle das Thema Versorgungssicherheit und Preiswürdigkeit für unsere Kunden das Wichtigste.

Sie können aber nicht so tun, als hätte die Bundesregierung keine Kommission zum Ausstieg aus der Braunkohle eingesetzt?

Nein. Die Frage für uns ist nicht, ob Lippendorf eines Tages vom Netz geht, sondern wann. Dann müssen die Versorgungssicherheit, nachhaltige Erzeugung und vernünftige Preise trotzdem garantiert sein. Unter diesem Blickwinkel diskutieren die Stadtwerke gegenwärtig ein Zukunftskonzept für ihren eigenen Speicher- und Kraftwerkspark. Dabei berücksichtigen wir die steigende Zahl von Bürgern, Wohnungsgesellschaften und anderen Unternehmen, die zumindest Teile ihres Energiebedarfs selbst decken. Die Stadtwerke werden für sie ein 360-Grad-Energiedienstleister sein, das heißt: in allen Technologien ein kompetenter und erfahrener Partner.

Haben Sie keine Angst, durch immer mehr private Erzeuger überflüssig zu werden?

Überhaupt nicht. Viele Kunden wollen zwar ihre Energie selbst erzeugen, sich dann aber nicht mehr viel um die Anlage kümmern müssen. Einen immer größeren Geschäftsanteil bei den Stadtwerken wird daher das Bereitstellen und Warten der Technik einnehmen. Hinzu kommt: Wer sich so eine Anlage privat anschafft, erzeugt meist mehr Energie als er selbst benötigt. Oder die Energie ist nicht jederzeit verfügbar. Und auch dieser Eigentümer will natürlich Versorgungssicherheit. Stadtwerke sind der ideale Partner, um solche Probleme zu lösen und für eine intelligente Vernetzung zum gegenseitigen Nutzen zu sorgen. Ob Wärme, Strom, Gas – wir haben bereits alle Medien unter unserem Dach, die für die in der Energiewende entscheidende Sektor-Kopplung von Belang sind. Wir haben Fachleute im Blaumann, die Schäden schnell beheben, wir haben Netze vor Ort und die Speicher.

Warum sollten die großen Energie-Konzerne das nicht genau so gut können?

Es dauert vielleicht nicht mehr lange, bis auch Amazon, Google oder Apple in Deutschland Strom verkaufen wollen. Aber ich denke, die Bürger werden froh sein, wenn ein ortsansässiges Unternehmen die Energieversorgung managt.

Wieso?

Nehmen wir nur den Datenschutz. Da ist das Vertrauen in ein kommunales Unternehmen sicher höher als bei den Internet-Giganten aus Amerika. Wir Stadtwerke haben für die Einwohner ein Gesicht, sind vor Ort gewissermaßen anfassbar, wenn es Beratungsbedarf gibt oder doch mal ein Problem. Das schließt nicht aus, dass wir an einigen Stellen besser werden müssen.

Wo sind Sie noch nicht so Weltklasse?

Bei der Kundenansprache – etwa in Geschäftsbriefen oder Rechnungen – wird sehr zeitnah ein neuer Ton einziehen. Das klang bisher noch zu bürokratisch, war durch die vielen rechtlichen Vorschriften für solche Briefe mitunter nur schwer zu verstehen. Auch sollen Stadtwerke-Kunden in Zukunft Rabatte erhalten, wenn sie bestimmte andere Angebote der Leipziger Gruppe nutzen. Seit Langem gibt es kein anderes Unternehmen in Leipzig, das mehr Geld für Sponsoring zur Unterstützung von Sport, Soziales und Kultur aufwendet. Nur reden wir darüber noch zu selten. Auch diesen Vorteil für die Einwohner der Messestadt wollen wir künftig mehr betonen.

Liegt vor Ihnen nicht ein gigantischer Markt, wenn bald massenhaft Elektro-Autos in Leipzig Strom tanken?

Wir betreiben schon etwa 170 öffentliche Ladepunkte im Stadtgebiet. Damit daraus ein Geschäft werden kann, müsste zunächst der Gesetzgeber wichtige Punkte regeln. Im Moment gibt es zum Beispiel viel zu viele verschiedene Modelle bei den Ladesteckern. Zeitnah sehen wir das Potenzial deshalb eher bei den vielen Neubauten oder sogar ganz neuen Stadtvierteln, die in Leipzig geplant sind. Wer heute eine Tiefgarage baut, sollte vorsorgen, dass dort in Zukunft auch Elektrofahrzeuge geladen werden können.

Von Jens Rometsch und Björn Meine

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