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Sein letztes großes Interview: Pfarrer Führer über Jeanswesten und die Friedliche Revolution

Sein letztes großes Interview: Pfarrer Führer über Jeanswesten und die Friedliche Revolution

Sein Name ist untrennbar mit dem 9. Oktober 1989, mit der Friedlichen Revolution, mit Friedensgebeten und Montagsdemos, mit offenen Kirchentüren für alle, mit Jeanswesten und vielen Aufklebern auf dem Aktenkoffer verbunden.

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Der ehemalige Nikolaipfarrer Christian Führer in "seiner" Kirche.

Quelle: Jens Schlüter

Leipzig. Am 2. März 2013, kurz vor seinem 70. Geburtstag, sprach Christian Führer, der einstige Pfarrer der Nikolaikirche, über Umbrüche, Ängste und ein besonderes Problem der Marktwirtschaft. Es war sein letztes großes LVZ-Interview.

Frage:

Fünf Jahre im Ruhestand: Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?

Christian Führer:

Als ich im März 2008 das Pfarramt verließ, habe ich dies ohne große Pläne für den neuen Lebensabschnitt getan. Von der gebotenen Zurückhaltung gegenüber der Nikolaigemeinde einmal abgesehen. Wie von selbst ist dann so einiges auf mich zukommen: Noch im selben Jahr bat mich der Ullstein-Verlag, ein Buch zu schreiben, das 2009 zur Leipziger Buchmesse auch pünktlich erschienen ist. In der Folge hat es viele, viele Einladungen zu Vorträgen über die Friedliche Revolution in ganz Deutschland und in Österreich gegeben, zu Predigten, zu Schülerprojekten. Die Zeit war sehr ausgefüllt, so richtig zum Ruhestand bin ich noch gar nicht gekommen. Das ist schön, weil ich ständig neuen Menschen begegne, aber auch anstrengend, denn gesundheitlich bin ich seit 2010 etwas angeschlagen. Eine Lungenkrankheit. Ich muss allmählich wirklich etwas kürzer treten.

Wenn Sie in westdeutschen Landen von der Wende in der DDR erzählen, auf wie viel Verständnis stoßen Sie? Um den deutsch-deutschen Zustand ist es ja nicht zum Besten bestellt.

Ich spreche ja nicht vor Stammtisch-Publikum, sondern vor wirklich interessierten Leuten. Und die sind neugierig und sehr wissbegierig. Vier Fünftel aller Vorträge halte ich außerhalb der neuen Bundesländer. Überall höre ich die Reaktion: „Das wussten wir ja alles gar nicht.“ Der Aufklärungsbedarf ist hoch, weil niemand unter den Zuhörern je zuvor in einer Weltanschauungsdiktatur gelebt hat. Zugleich ist das Staunen groß, wenn sie hören, wie wir uns in der DDR gewisse Freiheiten herausgenommen haben, mit „Nikolaikirche offen für alle“ durchaus offensiv nach außen aufgetreten sind. Das muss ich dem realsozialistischen Staat ja attestieren: Mit Uniformen und Waffen hat er die kirchlichen Räume und Pfarrhäuser nie betreten. Der Kampf gegen die Kirche geschah im Untergrund, durch die Stasi. Die Zersetzung sollte von innen erfolgen, möglichst lautlos und unsichtbar. Das einzige Mittel gegen die Staatssicherheit war die Offenheit. Wir wollten uns nicht in den Käfig der Angst hineindrücken lassen. Wider den vorauseilenden Gehorsam. Gesicht zeigen, um die Angst zu überwinden - das war unser Weg, das konnten die Menschen, Christen wie Nicht-Christen, in der Kirche erfahren.

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Leipzig. Der im Juni verstorbene langjährige Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer wird mit dem Leipziger Friedenspreis ausgezeichnet. Wie der Initiativkreis „Leipzig gegen den Krieg“ am Mittwoch erklärte, soll damit posthum Führers Engagement für Frieden und sozial Ausgegrenzte gewürdigt werden.

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Sie hatten in den Wochen des Herbstes ’89 und in den Jahren zuvor nie Angst?

Angst hatte ich immer. 1981 habe ich die erste Friedensdekade gehalten, ab 1982 gab es Montag für Montag Friedensgebete, 1986 habe ich den Gesprächskreis „Hoffnung für Ausreisewillige“ gegründet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind wir ins Fadenkreuz der DDR-Oberservierung geraten. Natürlich hat auch mir das große Sorgen bereitet.

Wie sah das Bedrohungsszenario aus?

Es haben sich gleich zwei Stasi-Abteilungen, die für Kirchenfragen und die für Auslandsspionage, mit mir befasst. Sie haben gedacht, mich so erledigen, ruhig stellen zu können. Krank bin ich darüber auch geworden, doch Gott hat mir immer wieder auf die Beine geholfen. Als die Stasi gemerkt hat, dass operative Vorgänge und die zehn Punkte zur Zersetzung der Persönlichkeit nicht zum Ziel führen, bin ich Ende August 1989 erst zum Staatsanwalt der Stadt Leipzig, dann, am 29. September zusammen mit meinem Pfarrerkollegen Christoph Wonneberger, zum Bezirksstaatsanwalt bestellt worden. Wir wurden minutenlang angebrüllt, uns wurde mit Verhaftung gedroht für den Fall, dass wir mit den Friedensgebeten in der Innenstadt nicht unverzüglich aufhören. Wir haben nicht aufgehört, haben uns auch nicht in die Prärie jagen lassen. Ja, und dann geschah das Wunder des 9. Oktober. Ein Wunder biblischen Ausmaßes.

An diesem Tag sind Sie als friedlicher deutscher Revolutionär in die Geschichte eingegangen. Wie stolz macht Sie das?

Weniger stolz, als vielmehr dankbar, dass diese Revolution friedlich, nach Jesu Maxime der Gewaltlosigkeit verlief. Bereits ab 1988 wurden unsere Friedensgebete immer mehr zum Zufluchtsort. Es kamen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung, gläubige und ungläubige, fast alle Kinder der Diktatur, erst die der Nazis, dann die der Realsozialisten. Sie alle haben sich auf die Seligpreisungen der Bergpredigt eingelassen. Ich habe eines der Worte Jesu einmal so formuliert: „Ihr seid das Salz der Erde, also mischt Euch ein.“ Beten und handeln gehören zusammen, drinnen und draußen, Altar und Straße. Die Botschaft des Evangeliums wurde auf den Leipziger Ring getragen, trotz der Drohgebärden des Staates, und in die beiden Worte gekleidet: „Keine Gewalt.“ Etwas Größeres habe ich nie erlebt.

Aus „Wir sind das Volk“ wurde bald „Wir sind ein Volk“. Ist der Lauf der deutschen Geschichte seit 1989 für Sie mehr Segen oder mehr Ärgernis?

Ein Ärgernis auf keinen Fall. Die Befreiung vom brutalen Gesinnungsterror, der seit 1933 auf unterschiedliche Weise in unserem Land praktiziert wurde, ist eine ungeheuer wichtige Erfahrung. Natürlich war klar, dass das Zusammengehen von Ost und West aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen, die die alte Bundesrepublik und die DDR zuvor genommen hatten, nicht leicht werden würde. Doch trotz aller Schwierigkeiten können wir froh sein, dass der Prozess der Wiedervereinigung bislang so glimpflich vonstatten gegangen ist. Etwas dürfen wir nicht vergessen: Wir einstigen DDR-Bürger tragen zwei schwere Erbstücke mit uns herum - den Gewohnheitsatheismus, ähnlich dem Wohlstandsatheismus drüben, und die Ent- mündigung durch 40 Jahre SED-Indok- trination. Das permanente Sich-Anpas- sen und Sich-Wegducken hat Haltungs- schäden verursacht. Die meisten von uns waren zunächst völlig untauglich für eine plurale, offene Gesellschaft. Wir waren zudem naiv wie die Kinder. Dass der Wohlstand des Westens das Ergebnis harter Arbeit war und der Kapitalismus sehr viel Schatten mit sich bringt, lag erst einmal außerhalb unserer Vorstellungskraft. Als wir das Kleingedruckte gelesen hatten, wurde 1990 aus dem Gesprächskreis „Hoffnung für Ausreisewillige“ der Gesprächskreis „Hoffnung für Arbeitslose“, kam es 1991 an der Nikolaikirche zur Gründung der Kirchlichen Erwerbsloseninitiative Leipzig.

Im Jahr 2009 folgte durch Sie und andere die Gründung der Stiftung „Friedliche Revolution - wir gehen weiter“. Sie sagen, die Zeit sei reif für den zweiten Teil der Revolution, die Entwicklung einer zur Demokratie passenden Wirtschaftsordnung. Wie weit sind Sie?

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Christian Führer.

Quelle: Volkmar Heinz

Meine Kapitalismus-Kritik ist Bestandteil jedes Vortrags. Ich fühle mich bei meiner Forderung nach einer solidarischen Ökonomie durch die Tatsache bestärkt, dass am Höhepunkt der Finanzkrise selbst die Bundesregierung über die Enteignung der Banken nachgedacht hat. Unsere Gesellschaft braucht die Jesus-Mentalität des Teilens. Allerdings ist der zweite Teil der Revolution schwieriger umzusetzen, weil er unter den Bedingungen des Wohlstands stattfindet. Solange es zwei Drittel der Menschen sehr gut bis gut geht und einem Drittel schlecht bis sehr schlecht, ist die Motivation geringer, über ein anderes Wachstum, eine gerechtere Weltordnung nachzudenken. Kollabieren darf das System freilich nicht, sonst fliegt uns alles um die Ohren.

Was wären erste Schritte, um der globalen Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen?

Öffentliche Gelder in die effiziente Entwicklung eines neuen Wirtschafts- und Finanzsystems zu stecken, wäre gut angelegtes Geld. Die irrsinnige Zockerei auf den Schultern derer, die am Ende der Nahrungskette stehen, muss aufhören. Diese unglaubliche Maßlosigkeit, die es möglich macht, dass Manager, die einen Bankencrash verursacht haben, trotzdem zweistellige Millionenbeträge verdienen, macht mich betroffen. Die Gier ist die Wurzelsünde des Globalka- pitalismus und gehört entlarvt. Eine große Aufgabe, nicht zuletzt für die Kirche.

Für manche Polemiker sind Sie ein unverbesserlicher Utopist, ein ewiger Sozialromantiker, ein verträumter Berufsdemonstrant. Was entgegnen Sie solchen Leuten?

Das kenne ich noch aus der Zeit vor dem 9. Oktober 1989. Damals hieß es: „Ihr denkt doch nicht, dass ihr mit euren Kerzen und Gebeten irgendetwas ändert.“ Die Geschichte hat es anders gewollt. Unverbesserlichkeit hat etwas mit Hartnäckigkeit zu tun. Die finde ich gut.

Mancher Kollege ist nach der Wende in die Politik eingestiegen. Sie könnten heute Bundespräsident sein. Warum sind Sie es nicht?

Weil ich von Beruf und Berufung her Gemeindepfarrer bin und auch nie etwas anderes sein wollte. Ich habe allerdings verstanden, dass Kollegen den Schritt in die Politik damals gegangen sind. In einem Land ohne Demokratie-Erfahrung brauchte es Kirchenleute an den Runden Tischen und in den ersten Parlamenten. Wenigstens sie kannten demokratische Strukturen.

Sie sind ein Mann des Gebetes, von einer tiefen Spiritualität und Jesus-Frömmigkeit durchdrungen. In welchen Momenten verfluchen Sie den lieben Gott?

Überhaupt nie. Ich weiß, dass ich damit die Psychologen zur Verzweiflung bringe, die mir ständig sagen, dass Zweifel wichtig sind. Tut mir leid, ich wollte ab meinem zwölften Lebensjahr Pfarrer werden. Dieser Weg war manchmal schwer und von Angst begleitet, aber ich bin ihn immer gern gegangen. Zu Jesus gehört das Kreuz. Und damit gehört das Kreuz auch zu uns Menschen. Ohne das Kreuz fehlt etwas.

Was Ihnen nie fehlte, waren Jeanswesten, die trugen Sie schon zu DDR-Zeiten, fürsorglich organisiert von Ihrer Frau Monika. Wie steht es um den Nachschub?

Sie werden es nicht glauben, aber ausgerechnet in der Marktwirtschaft gibt es Probleme. Die Weste, die ich gerade trage, ist eine Jeansjacke mit abgeschnittenen Ärmeln. Ein Geschenk meines Sohnes.

Mit anderen Worten: Sie benötigen dringend Care-Pakete, am besten zum 70. Geburtstag.

Das wird knapp, da die ja aus den USA kommen. Wenn die Lieferungen bis zum 20. Mai in Leipzig sind, würde das vollkommen reichen. An diesem Tag vor 140 Jahren hat Levi Strauss das Jeans-Patent angemeldet. Ein Grund zum Feiern (lacht).

Interview: Dominic Welters

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