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Seit 38 Jahren trifft sich der Stammtisch der "Alten Gastronomen"

Lebendige Leipziger Kneipengeschichte Seit 38 Jahren trifft sich der Stammtisch der "Alten Gastronomen"

Wenn "Alte Gastronomen" zum Stammtisch kommen, wird Kneipengeschichte lebendig. Seit 38 Jahren steht für die Mitglieder der losen Runde der dritte Mittwoch im Monat fest im Kalender. Zwar wurde mehrfach der Treffpunkt gewechselt, aber nie der Rhythmus unterbrochen.

In Feierlaune: „Alte Gastronomen" in Zill’s Tunnel bei ihrem 450. Stammtisch. Gründer Hans Seig, Chronist Herbert Pilz, Bernd Kretzschmar, Gunter Groß und Günter Fritsche (von rechts) im Kreise ehemaliger Kolleginnen und Kollegen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Gegründet am 3. November 1977 in Auerbachs Keller, hat der Kollegenkreis zwar mehrfach seinen Treffpunkt gewechselt, aber nie den Rhythmus unterbrochen. In dieser Woche wurde auf den 450. Stammtisch und 15 Jahre freundliche Beherbergung in Zill's Tunnel angestoßen.

Wer weiß noch, wo die Bodega war? Seit wann gab es hier eine Milchbar? Schlief Franz Josef Strauß seinerzeit eigentlich im Gästehaus des Ministerrats? Warum hatte nur die Messegaststätte gebrannt? Wie viele Gaststätten waren zuletzt im Bestand der volkseigenen Handelsorganisation HO? - Wo andere erst ihre gesammelten Werke aufschlagen oder im Internet mühsam nach Antwort suchen, da sprudelt es aus den Stammtischlern nur so heraus. "Das ist doch unser erlebtes Berufsleben", meint Bernd Kretzschmar.

Hans Seig, geistiger Vater des Stammtischs, Renate Kluge und Herbert Pilz sind von Anfang an dabei, wenn über das Leben im Allgemeinen und die hiesige Gastlichkeit im Besonderen gefachsimpelt wird. "Es kommen meist so 25 Damen und Herren aus Küche und Service", sagt Seig, 92, und mittlerweile Ehrenpräsident. "1977 galt Leipzig als gastronomische Hauptstadt der DDR. Da war es ein Bedürfnis, Gedanken auszutauschen und uns mit der Branche zu beschäftigen." Leipziger Gastronomie sei immer etwas Besonderes gewesen. "Sie hat irgendwie einen anderen Rhythmus, ist quirlig. Das zu beobachten, machte und macht viel Spaß."

450 Stammtische. Gibt's denn da immer noch Gesprächsstoff? "Klar, der geht uns nie aus", meint Monika Pfefferkorn (61) vom Seaside Parkhotel. Angesichts der schnelllebigen Zeit sei es wichtig, Erinnerungen wachzuhalten. "Wie oft fragt man sich: Was war hier noch?", sagt die Zweite Vorsitzende des Internationalen Kochkunstvereins zu Leipzig 1884.

Nie um eine Antwort verlegen ist Herbert Pilz. Der 84-jährige frühere Fachschullehrer, der jetzt die Fäden der Runde zusammenhält, kennt Leipzigs Lokale, Wirte, Spezialitäten aus dem Effeff und bietet aus gegebenem Anlass einen Exkurs in die Vergangenheit. "Rückblickend wird ja oft über Mangel gesprochen. Aber zuweilen gab es auch zu viel - Pflaumen, Blumenkohl, Gurken, Weißkohl, Geflügel. Dann hieß es: Nimm ein Ei mehr! oder: Trinke nicht wahllos, greife zum Wein!", kramt Pilz in der Erinnerung. Wegen eines "Wein-Meers" sei die Bodega in der Messehofpassage entstanden, wo dann Importe ausgeschenkt und verkauft wurden. Oder: Sofort ein Renner, die erste Milchbar der DDR,1954 auf der Agra eröffnet, war sie stets überfüllt -

Wie "seine" Messegaststätte 1977 Opfer von Flammen wurde, weiß Günter Fritsche (76), der später die Geschicke des Restaurants Stadt Kiew leitete, noch genau. "Die Ursache wurde nie richtig aufgeklärt. Ich komme gerne zum Stammtisch, treffe mich auch mit den Küchenmeistern. Ist schön, in diesem Kreis noch mal ein Wort zu wechseln!"

Bernd Kretzschmar, der seit den 1970ern im Gästehaus am Park arbeitete, zeigt eine Silbermünze und Autogrammkarte. Sie erinnern den 69-Jährigen, wie er Mitte der 1980er-Jahre Franz Josef Strauß bekochte. Der Bayer war zur Frühjahrsmesse gekommen, um mit den DDR-Oberen den "Milliardenkredit" für die DDR auszuhandeln. "Strauß schlief allerdings im Gästehaus des Rates des Bezirkes, dem heutigen US-Konsulat", betont er.

Die bewegten Jahre der Nachwendezeit hat Gunter Groß noch vor Augen. 1990 war der heute 68-Jährige für ein Vierteljahr amtierender Direktor der HO-Gaststätten. "Ziel war, den Bestand von etwa 250 Gaststätten mit rund 4000 Mitarbeitern umzuwandeln, in GmbHs, zu verpachten oder zu verkaufen. Es war wie bei den Tarifverhandlungen heutzutage - nach stundenlangen Beratungsnächten öffneten sich frühmorgens erst die Türen." Nach 15 Dienstjahren in München freut sich Groß, am Stammtisch den Kontakt mit ehemaligen Kollegen aufzufrischen. "Ich bin froh, dass wir hier die Erinnerung an die Gastronomie, die wir einmal gemacht haben, bewahren können."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.05.2015
Cornelia Lachmann

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