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Lokales "Sind wir nun eine weltoffene Stadt oder nicht?": Propst Lothar Vierhock geht nach Hongkong
Leipzig Lokales "Sind wir nun eine weltoffene Stadt oder nicht?": Propst Lothar Vierhock geht nach Hongkong
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23:59 05.01.2015
Die Fertigstellung der Probsteikirche wird Lothar Vierhock nicht mehr miterleben. (Archivfoto) Quelle: André Kempner

Erst mit einem Gottesdienst in der Kirche St. Trinitatis am Rosental, anschließend mit einem Empfang im Gemeindesaal. Lothar Vierhock, Pfarrer von gegenwärtig etwa 4700 Propstei-Christen und höchster Repräsentant der katholischen Kirche in Leipzig und Umgebung, wechselt im Februar nach Hongkong (die LVZ berichtete). Dort übernimmt der gebürtige Geraer die Leitung der deutschsprachigen katholischen Gemeinde, der rund 3000 Deutsche, 800 Schweizer, 800 Österreicher, einige Liechtensteiner und Südtiroler angehören. Der 58-Jährige übers Säen und Ernten, übers Wünschen und Hoffen.

Wie gefällt Ihnen die neue Propsteikirche am Martin-Luther-Ring/Ecke Peterssteinweg?

Immer besser. Als ich den Entwurf damals sah, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie dieses Gebäude einmal wirken wird. Als der Baukörper dann allmählich wuchs und wuchs, bin ich - durchaus mit einer gewissen Erleichterung - zu dem Schluss gekommen, dass das Projekt, allen Unkenrufen zum Trotz, ein gutes wird. Seit die Gerüste gefallen sind, ist die Kirche ein Hingucker. Die Fassade aus Rochlitzer Porphyr zieht die Blicke an.

Wenn Ihnen der Bau doch so gut gefällt, warum ziehen Sie dann am 9. Mai 2015 nicht mit ein?

Es hat sich im vergangenen Jahr eine neue Perspektive aufgetan, ich musste den Kairos, den rechten Zeitpunkt, ergreifen. Ich hatte bereits vorher mit dem Gedanken gespielt, mich zu verändern, hierüber schon mit dem emeritierten Bischof Joachim Reinelt, dem Vorgänger unseres jetzigen Dresden-Meißener Bischofs Heiner Koch, gesprochen. Bischof Reinelt wollte mit Blick auf seinen bevorstehenden Abschied aber keine Personalentscheidung mehr treffen, diese seinem Nachfolger überlassen. Bischof Koch leitet zugleich das Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, er wusste um die frei werdende Stelle in Hongkong und hat sie mir dankenswerterweise angeboten. Im Oktober 2014 bin ich für einige Tage hingeflogen und habe mir angesehen, was auf mich zukommt. Land und Leute haben mir gefallen. Den Entschluss, das Wagnis einzugehen, habe ich nach meiner Rückkehr getroffen.

Während die Propsteigemeinde den bevorstehenden Wechsel an den nahen Ring plant, gehen Sie den Umzug in den fernen Osten an. Wie viel Wehmut ist dabei mit im Spiel?

Ein wenig Wehmut ist da schon, 16 Jahre an einem Ort sind für einen Priester schließlich eine halbe Ewigkeit. Und doch gibt es eine Zeit zum Säen und eine Zeit zum Ernten. Ich habe das Saatgut zusammen mit manch anderen ausgebracht, nun ist es an den anderen, die Früchte einzufahren. Das ist völlig in Ordnung so, das entspricht guter alter christlicher Sitte. Da bin ich ziemlich entspannt.

Was erwartet Sie an Ihrer künftigen Wirkungsstätte?

Letztlich mache ich das, was ich auch in Leipzig gemacht habe: Ich leite eine Pfarrstelle, feiere Gottesdienste, spende Sakramente, bringe mich als Seelsorger in die verschiedenen Arbeitskreise und Gruppen ein. Der Unterschied zur Propstei wird sein, dass ich in Hongkong auf keine pastoralen Mitarbeiter zurückgreifen kann. Ich bin dort ein Selfmademan, hoffe aber auf die Unterstützung aus der Gemeinde.

Wie bereiten Sie sich auf den neuen Lebensabschnitt vor?

Ich gehe zunächst einmal für einen Monat nach London, um an einer Sprachschule meine Englisch-Kenntnisse zu vertiefen, denn mit Englisch kommen Sie als Europäer, der kein Chinesisch spricht, in Hongkong immer noch ganz gut voran. Am 28. Februar wird mich Kardinal John Tong Hon in mein neues Amt einführen.

Wo werden Sie wohnen? Es heißt, die Mieten in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong seien höher als die dortigen Wolkenkratzer.

Die Mieten sind allerdings ein Problem. Ich werde daher ein kleines Zimmer mit Nasszelle beziehen. Das meiste von dem, was gegenwärtig zu meinem Hausstand gehört, bleibt daher in Deutschland, wird eingelagert, verschenkt oder ausrangiert.

Welche Reaktionen hat die Ankündigung Ihres Weggangs in der Gemeinde und bei Ihren guten Freunden ausgelöst?

Es hat in den Gesprächen mit denen, die mich in den zurückliegenden Jahren begleitet haben und mir nahe stehen, meistens eine Minute der Schockstarre gegeben, aus der dann aber Gott sei dank Freude und Zustimmung erwuchsen. In 95 Prozent der Fälle war das so. Den Rest können Sie sich denken. Die guten Freunde wissen um meine Lust am Reisen, meine Neugierde auf andere Kulturen, meinen Hang, einmal ein bisschen Weltkirche schnuppern zu können. Dieser Traum wird jetzt wahr. Ich freue mich auf neue Menschen, auf neue Kontakte, auf neue Erfahrungen.

Wie fällt die Bilanz Ihrer Leipziger Zeit aus?

Da fallen mir vor allem die ökumenischen und interkonfessionellen Kontakte ein, für die ich sehr, sehr dankbar bin. Sie waren stets von Offenheit und Ehrlichkeit geprägt. Das Zusammenspiel mit den evangelisch-lutherischen Superintendenten Friedrich Magirius, Johannes Richter, Ekkehard Vollbach und Martin Henker war immer vertrauensvoll, einfach super. Auch der Kontakt zu den früheren und jetzigen evangelischen Innenstadtpfarrern war und ist angenehm kooperativ. Ich finde, die Ökumene in Leipzig kann sich sehen lassen. Ich habe sie sehr genossen. Der interreligiöse Dialog, etwa mit der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, ist im Wachsen begriffen. Es hat sehr gute Gespräche mit den Rabbinern und mit Gemeindevorstand Küf Kaufmann gegeben. Ich hoffe, dass beim Miteinander der Religionen von Leipzig bald noch mehr Impulse ausgehen. Wir brauchen das friedliche Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen mehr denn je.

Nichtsdestotrotz ist das Umfeld säkular, überwiegend areligiös motiviert. Auf Kirche, gern auch die katholische, wird schnell mal geschimpft. Wie akzeptiert sind die rund 25 000 Katholiken in Leipzig?

Ich denke doch, dass wir akzeptiert sind. Als gläubiger Mensch Lothar Vierhock habe ich keine Diskriminierung erleiden müssen, als Vertreter der Institution schon eher. Die Kritik an der Amtskirche, wenn sie sich auf mich kaprizierte, ging manchmal schon unter die Gürtellinie; etwa in Briefen, die sich auf die bedauerlichen Missbrauchsfälle bezogen oder auf die aktuelle Debatte um das Verhältnis von Staat und Kirche. Mit den persönlichen Zeugnissen des Glaubens kommen die Leipziger aber ganz gut zu Rande.

Feuer gab es zuletzt auch wegen des städtischen Million-Zuschusses für den 100. Deutschen Katholikentag 2016 in Leipzig. Sie selbst haben sich aus der monatelangen Diskussion herausgehalten. Warum?

Ich bin ein Freund sachlicher Auseinandersetzungen. Viele emotionsgeladene Wortmeldungen in den Medien, die jenseits von Gut und Böse waren, haben mich nicht zu Kommentaren verleiten können. In Vier- oder Sechs-Augen-Gesprächen habe ich mich gern der Kritik gestellt und meine Argumente vorgetragen. Über den wirtschaftlichen Aspekt des Unternehmens Katholikentag ist hinreichend geredet und geschrieben worden. Für mich gibt es in der Debatte nur eine einzige Frage: Sind wir nun eine weltoffene Stadt oder sind wir es nicht? Ein Katholikentag ist kein innerkirchliches Festival, sondern ein gesellschaftspolitisches Forum mit Strahlkraft ins In- und benachbarte Ausland. Wenn Leipzig so etwas nicht will, sollte es sich zum Titel Provinzstadt bekennen.

Was wünschen Sie der Stadt, ihren Nichtchristen und Christen zum Abschied?

Aus alter Verbundenheit würde ich den ersten Wunsch gern der Propsteigemeinde widmen: Ich hoffe, dass sie ihren Platz im Zentrum findet und dass die neue Kirche für alle Leipziger und deren Gäste zu einer Oase der Ruhe und Besinnung wird. Den Gläubigen der Stadt wünsche ich noch mehr ökumenischen und noch viel mehr interreligiösen Geist. Leipzig als Ganzes ist zu gönnen, dass es an seiner Streitkultur arbeitet. Die könnte besser sein. Und allen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, mögen die Menschen am Rande der Gesellschaft, die sozial Schwachen und nicht zuletzt die vielen Flüchtlinge, die in diesen Tagen zu uns kommen, eine Herzensangelegenheit sein.

Wo halten Sie sich am 9. Mai dieses Jahres auf?

So Gott will, in Leipzig. Die Weihe der neuen Propsteikirche würde ich schon ganz gern miterleben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.01.2015

Dominic Welters

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