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Lokales Skatrunde in bedrohten Amalie-Anlage: Senioren wollen bis zum letzten Spiel bleiben
Leipzig Lokales Skatrunde in bedrohten Amalie-Anlage: Senioren wollen bis zum letzten Spiel bleiben
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19:56 24.04.2015
Treffen sich jede Woche zum Skat: Frank Witt, Heinert Kühn, Hein Dorn und Werner Rothe (von links) aus der Amalie-Anlage für Betreutes Wohnen in Paunsdorf. Quelle: André Kempner

Wie lange die Gruppe noch spielt, ist allerdings unklar - denn die Senioren leben in der Amalie-Anlage für Betreutes Wohnen, die von der Schließung bedroht ist.

Gereizt wird schon vormittags und - natürlich - der eine oder andere Spruch zum Besten gegeben. "Wir sind schon eine tolle Truppe", sagt Frank Witt lachend. Zusammen mit Werner Rothe, Heinz Dorn und Heinert Kühn bildet er eine schon etwas betagte, dafür aber meistens gut gelaunte Skatrunde.

Doch seit einer Weile sind die wöchentlichen Treffen nicht mehr die selben. Die Seniorenrunde gerät schnell in Rage, wenn ihr jetziges Zuhause zum Gesprächsthema wird. Denn ihr Wohnort ist die skandalträchtige Amalie-Anlage für Betreutes Wohnen. Seit Monaten streiten sich Betreiber und Stadt darüber, ob die Anlage illegal ist. Leidtragende sind die Bewohner. Es droht der Zwangsauszug. Eine zutiefst belastende Situation. "Das geht vielen hier sehr nahe und reicht von schlaflosen Nächten bis hin zu Tränen", erzählt Werner Rothe. Denn viele der Bewohner wären auf den Rollator angewiesen und hätten sich darauf eingerichtet, hier ihren Lebensabend zu verbringen.

Rothe wohnt in einem Einzelzimmer. Lange Flure und tiefblaue Teppiche, die jedes Geräusch verschlucken, versprühen auch heute noch das Flair eines Hotels, zu dem der Gebäudeteil ursprünglich mal gehörte. 48 Quadratmeter hat Rothe. Eine kleine Kochnische, Schlafzimmer, Bad, ein Wohnzimmer. In den Regalen viele Bücher. An der Wand Familienfotos. Alles ist eingerichtet. Problem dabei: Kaum etwas davon gehört dem 89-Jährigen selber. "Zwei Bilder, zwei Sessel, ein Sofa und die Bücher, sonst war alles möbliert", erzählt er. Beim Einzug vor rund zehn Jahren habe er sonst nichts mitbringen dürfen. "Ein Umzug wäre schon aus diesem Grund sehr schwer, ich müsste alles neu kaufen", sagt er.

Zurück im Aufenthaltsraum. Die Runde guckt wieder in die Karten. Alle haben unterschiedliche Blätter. Doch Ängste und Probleme sind die gleichen. "Beim Einzug wurde uns gesagt, wir brauchen nichts mitzubringen außer Zahnpasta", so Heinert Kühn. Und sein Nebenmann Heinz Dorn, mit 95 Jahren der Älteste am Tisch, pflichtet ihm bei: "Wir haben uns darauf verlassen, dass wir nichts mehr brauchen an Einrichtungsgegenständen." Zwar gebe es auch andere möblierte Wohnanlagen, aber die seien rar. Und: "In der Amalie-Anlage wohnen viele ohne Pflegestufe, das geht bei anderen Einrichtungen meistens nicht."

Zumindest die Einrichtungsprobleme sind bei Frank Witt etwas kleiner. Der 70-Jährige wohnt erst seit vorigem Jahr in Paunsdorf. Damals habe er sich schnell der Skatrunde angeschlossen. Zusammen mit seiner Frau Helga wohnt er im obersten Geschoss. 59 Quadratmeter und einen Balkon haben die beiden. Sie fühlen sich sehr wohl, haben sich eingerichtet. Das Ehepaar hat auch einige eigene Möbel mitgebracht, weg wollen sie hier trotzdem nicht mehr. "Wie hatten uns damit angefreundet, hier bis zum Ende zu bleiben", sagt Helga Witt. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich hab immer gesagt: Die tragen mich hier nur mit einer schwarzen Kiste raus."

Wie es weitergeht? Weder Helga Witt, noch die Männer am Skattisch kennen die Antwort. Erst einmal gehe alles seinen gewohnten Gang. "Vorigen Monat ist bei mir auf der Etage sogar noch eine Frau neu eingezogen", so Witt. Die Skatrunde will nicht weg von hier. Ganz untätig sind sie daher nicht. Frank Witt war bei der entsprechenden Stadtratssitzung, auch mit Briefen an die Zeitung versuchen sie, Druck aufzubauen. Ob das hilft, wissen sie nicht. Solange sie noch in der Amalie-Anlage wohnen bleiben können, werden sie sich auf jeden Fall jede Woche wieder treffen. Vormittags, zum Skatspielen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..

Lucas Grothe

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