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So rüsten sich Leipzigs Schulen für die Zukunft

Leipzig wächst So rüsten sich Leipzigs Schulen für die Zukunft

Leipzig platzt aus allen Nähten. Jedes Jahr lassen sich über 10 000 Menschen neu nieder; im Jahr 2030 könnte es rund 720 000 Leipziger geben. Die LVZ zeigt in einer Serie, wie Deutschlands größte Boomtown die Weichen für die Zukunft stellt. Heute: der wachsende Bedarf an Schulen.

Heike Palluch im Immanuel-Kant-Gymnasium.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Belastungen haben spürbar und schleichend zugenommen. Vor 13 Jahren kam Heike Palluch ans Immanuel-Kant-Gymnasium in der Südvorstadt, das sie seit 2008 leitet. 800 Schüler tummeln sich derzeit in den Unterrichtsräumen der Bildungsstätte, damals waren es um die 600. Das Haus ist zwar inzwischen saniert und erweitert – trotzdem ist es eng. Die Klassen sind rappelvoll. Weil es fast allen Schulen so geht, ist es kaum möglich, innerhalb eines Schuljahres zu wechseln – etwa von der Oberschule aufs Gymnasium oder umgekehrt. Bei einer Schülerzahl von 28 plus X wird das hehre Ziel, ein eigentlich etabliertes, durchlässiges Schulsystem in Sachsen anzubieten und zu entwickeln, ad absurdum geführt. Aber auch die Leistungskurse sind doppelt so groß wie vor einigen Jahren. Die psychischen Belastungen und Erkrankungen nehmen bei Lehrern und Jugendlichen zu – bis hin zu Magersucht bei Jungs oder übermotivierten Schülern, die wohl ab und an mal mit einer „bunten Pille“ nachhelfen. Befürchtet wird, dass der Run aufs Gymnasium mit der Neuregelung der Bildungsempfehlungen noch größer wird.

„Dennoch erleben wir gerade ein ruhiges Schuljahr – so war es in den letzten Jahren nicht. Wir haben Fachlehrer, die auch nicht an andere Schulen abgeordnet sind und können so einen recht stabilen Stundenplan anbieten“, schätzt Palluch ein und weiß, dass das Kant-Gymnasium dabei derzeit bessere Voraussetzungen als manche andere Leipziger Schule hat. Viele müssen neben Unterrichtsausfällen durch Lehrermangel mit ekligen Toiletten oder nicht schließenden Fenstern auskommen. Dies zu ändern, bleibt eine Mammutaufgabe für die Stadt. Die muss vor allem auf die Herausforderung reagieren, zusätzliche Schulen zu bauen. „Jüngste Prognosen zeigen, dass wir bis 2030 erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen“, sagt Schulbürgermeister Thomas Fabian (SPD). Da es bis zu fünf Jahre dauern kann, eine Schule an einem Standort zu planen und dann auch zu bauen, muss die Verwaltung jetzt die Ärmel hochkrempeln. Bis 2030 müssen – aufgrund der hohen Geburtenzahlen und Zuzüge von Familien mit Kindern – 18 weitere Grundschulen sowie 12 weiterführende Schulen (also Gymnasien/Oberschulen) entstehen. Die kommen zu den Projekten, die mit dem Schulentwicklungsplan beschlossen und größtenteils längst begonnen sind, obendrauf. „Wir haben eine Arbeitsgruppe Standortsicherung, die die notwendigen Grundstücke reserviert“, so Fabian.

Finanzbürgermeister Torsten Bonew (CDU) hat inzwischen ein Markterkundungsverfahren abgeschlossen, um private Bauherrn für den Schulbau zu interessieren. Wie berichtet, beginnen in diesem Monat Verhandlungen mit privaten Investoren, die der Stadt mittel- bis langfristig mindestens zwei Grundschulen, ein Gymnasium sowie drei Oberschulen bauen sollen. „Wir benötigen mehr Grundstücke als uns zur Verfügung stehen“, konstatiert Fabian. Deshalb wird es ohne Private nicht gehen.

Darüber hinaus nutzt die Stadt alle Möglichkeiten, an bestehende Schulen anzubauen und ehemalige Häuser zu reaktivieren. Zwei neue Beispiele dafür sind die Standorte Höltystraße sowie Hainbuchenstraße (derzeit Asylunterkunft), die wieder als Oberschulen hergerichtet werden. Hinzu kommen weitere Neubauten wie in der Brüderstraße, Rolf-Axen-Straße sowie Gießerstraße. „Wichtig ist, dass wir im nächsten Jahr zusätzliche Planungen auf den Weg bringen. Um alles zu beschleunigen, gibt es innerhalb der Verwaltung Operativgruppen.“

Kann der Schulbürgermeister da noch ruhig schlafen? „Ich kann jetzt wieder besser schlafen, weil wir vieles auf den Weg gebracht haben.“ Das ist dringender als die Beherbergung von Asylbewerbern, da für diese kurzfristig Notunterkünfte bereitgestellt werden können. „Klassen können wir nicht in Zelten unterbringen“, sagt der Bürgermeister,. Deshalb sei es bereits eine Sekunde vor Zwölf. „Jetzt müssen alle notwendigen Weichen gestellt werden, um die notwendigen Grundstücke zu sichern.“ Wo genau, wird aber nicht detailliert gesagt – damit Grundstückspreise nicht in die Höhe schnellen.

Dabei ist Fabian bewusst, dass Schule mehr sein muss als nur eine Hülle. „Räume in neuen Schulen wollen wir so konzipieren, dass sie ein flexibleres pädagogisches Arbeiten ermöglichen.“ Wie beim neuen Gymnasium Telemannstraße praktiziert, sollen Eltern, Pädagogen und Schüler in die Planungen einbezogen werden. In einem sich verdichtenden Stadtraum müsse sich die Schule aber mehr für die Stadtteile öffnen – etwa für Vereine, Bürgerinitiativen und Freie Träger. Die Zukunft gehört dabei wohl dem Campus. Am Standort Ihmelstraße entsteht ein Campus mit einer Oberschule sowie einem Gymnasium, die sich einen gemeinsamen Schulhof teilen. Hinzu kommt dort eine auch Vereinen offen stehende Dreifeldsporthalle, die als zweistöckiger Neubau entsteht. Darüber hinaus gibt es Schulmensa und Aula sowie einen Neubau, in dem künftig die Stadtteilbibliothek beheimatet sein soll. Aber auch bestehende Schulen – wie in Grünau am Miltitzer Weg – werden ausgebaut und um einen Campus erweitert. Für Neubau und Sanierung von Schulen will die Stadt von 2017 bis 2020 die stolze Summe von insgesamt 286 Millionen Euro ausgeben, natürlich inklusive Fördermittel.

Wie sich Schule bis 2030 entwickeln muss, da hat die erfahrene Pädagogin Palluch aus dem Kant-Gymnasium sehr konkrete Ideen: Derzeit werden Schüler mit Taschenrechner und elektronischen Wörterbüchern ausgestattet, die Eltern bezahlen zusätzlich das Handy. „Wir brauchen ein Endgerät, ob nun Netbook oder Tablet, für alle Zwecke des Unterrichts. Es muss möglich sein, Schule mit einem W-Lan-Netz technisch so auszustatten, dass es geht und die notwendige Software beschaffen. Dieser Sprung muss gelingen“, blickt die 45-Jährige voraus. Das sei Aufgabe der Stadt, die sich dann auch teure Computerkabinette oder interaktive Tafeln für alle sparen kann. Dann würden die Schulen die notwendigen Lizenzen bei den Verlagen erwerben, anstatt teure Klassensätze von Atlanten. „Wahrscheinlich ist das sogar die preisgünstigere Variante.“

Zusätzliche Lehrer muss der Freistaat auch zuhauf einstellen. Die Pädagogen brauchen laut Palluch aber auch Freiräume, um auf die wachsende, sich verändernde Schülerschaft mit ihren vielen neuen Problemen angemessen reagieren zu können. Schulsozialarbeiter oder Verwaltungsassistenten könnten Lehrer entlasten, aber ebenso Inklusions-Assistenten. Hinzu kommt ein „Umschwung“ im Lehrerzimmer durch den Generationenwechsel. „Junge treffen auf ältere Kollegen. Und wollen Schulkonzepte auf den Kopf stellen – da muss viel geredet werden, um uns auf Herausforderungen der Zukunft einzustellen.“ Palluch plädiert dafür, Eltern besser einzubeziehen, wenn die Stadt buchstäblich neue Schulen aus dem Boden stampft. Die wollen sich frühzeitig informieren und über die Schullaufbahn ihrer Sprösslinge beraten lassen.

Von Mathias Orbeck

Leipzig 51.3396955 12.3730747
Leipzig
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