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So war das damals: "Haferflocken und süßer Rübensaft"

So war das damals: "Haferflocken und süßer Rübensaft"

Ich kam im Jahr 1938 zur Welt. Wir wohnten in Leipzig-Stötteritz in einem Haus, das mein Großvater 1908 gebaut hatte. Im Krausewäldchen in Holzhausen besaßen meine Eltern ein Grundstück mit einem kleinen Wochenendhäuschen, das eine überdachte Veranda hatte.

Leipzig. Als mein Vater in den Krieg musste und die Bombenangriffe zunahmen, zog meine Mutter mit mir dorthin. Rundherum standen viele Bäume, die uns vor den Flugzeugen mehr schützten als die großen Häuser in der Stadt. Bei Fliegeralarm stieg meine Mutter mit mir in unser Wasserloch, das einen reichlichen Meter Durchmesser hatte und sich - mit einer steilen Leiter erreichbar - in drei Metern Tiefe befand. Da unten war es dunkel, nass und kalt, aber in den Armen meiner Mutter fühlte ich mich geborgen.

Nach und nach baute mein Opa noch einen zweiten Raum an unser Häuschen, der ebenfalls aus Holz war, und eine kleine massive Küche aus Mauersteinen. Darin hatten wir einen Kohleherd. Auch gab es eine Zinkbadewanne, die in einem Schuppen untergebracht war und die wir zum Baden herüberholten. Es wurden auch Zuckerrüben darin gewaschen und mit einer Drahtbürste geputzt. Danach wurden sie zerkleinert, geraspelt und anschließend im Waschhauskessel, der sich ebenfalls in einem Raum neben dem Schuppen befand, zu Rübensaft verarbeitet. An dieser aufwändigen Arbeit beteiligten sich neben meiner Mutter noch drei Nachbarsfrauen, die sich dann auch den Rübensaft teilten.

Opa hat uns auch noch einen kleinen Stall gebaut, in dem wir eine Ziege hielten. Einmal im Jahr führten Mutti und ich die Ziege nach Mölkau zum Bock. Mir wurde gesagt: "Die Ziege macht Hochzeit!" Einmal habe ich ihr einen Hochzeitskranz aus grünen Zweigen gebunden, den der Bock einfach aufgefressen hat. Als im Frühjahr die jungen Zicklein geboren wurden, habe ich viel Zeit mit ihnen verbracht. Wir lagen sogar gemeinsam in der Hängematte. Die Milch hat uns über die schlimmsten Hungerjahre gebracht. Jeden Morgen gab es eine Mehl- oder Haferflockensuppe, die mit Ziegenmilch gekocht und mit einem Löffel Zuckerrübensaft gesüßt wurde. Damit sparten wir die Brot- und Zucker-Zuteilungsmarken, die meine Mutter den Großeltern in Stötteritz zukommen ließ. Auch brachte sie ihnen aller zwei Tage mit dem Fahrrad einen Liter Ziegenmilch. Das half auch ihnen sehr über die schlimmen Hungerjahre hinweg.

Meiner Mutter lag sehr daran, dass ich nicht allein aufwuchs. Sie lud Kinder aus der Nachbarschaft zu uns ein, mit denen ich spielen konnte. Als ich 1944 zur Schule kam, lud meine Mutter einmal pro Woche zu meinen frühkindlichen Spielfreunden auch noch Klassenkameradinnen (wir waren eine reine Mädchenklasse) ein. Da wurde neben fröhlichen Spielen auch sehr viel gesungen. Wir lernten Volks- und Wanderlieder, von denen ich heute noch alle Texte behalten habe. Das Singen hat mich dann mein ganzes Leben begleitet: Ich war im Schulchor der Grundschule, 25 Jahre im Lehrerchor, zehn Jahre im Gewandhauschor, 20 Jahre im Chor des Völkerschlachtdenkmals und bin auch heute noch in einem Rentnerchor.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.08.2014

Christel Hahn

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