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Lokales So war das damals: Jedes Kind musste ein Brikett mitbringen
Leipzig Lokales So war das damals: Jedes Kind musste ein Brikett mitbringen
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01:00 31.07.2014
Quelle: Privat

1941 eingeschult, gab es nur einen alten Lehrer und eine strenge Lehrerin, die uns schon mal mit dem Lineal auf die Finger klopfte. In unserer Schule kursierte ein Vers:

Achtung! Achtung ohne Ende

über Seiffen Kampfverbände.

Der Herr Trogas rennt in'n Keller,

die Frau Dietze noch viel schneller,

und die Kinder hinterher.

Ach, wie ist das Leben schwer!
Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben Leser über ihre Kindheit und Jugend. Heute berichtet Anita Deike, wie eine Kuh in den Hausgarten kam. Ich bin zwar nicht in Leipzig aufgewachsen, sondern in einem Erzgebirgsdorf, und habe deshalb die Schrecken des Krieges nicht so schlimm erlebt. Trotzdem gab es auch dort einige Überflüge und Alarm, zum Beispiel bei der Bombardierung Dresdens.

Schwer war das Leben für uns Kinder nicht wirklich, denn wir hatten unsere herrliche Freiheit, den ganzen Tag draußen, im Sommer in Wald und Wiesen, im Winter auf Skiern im Schnee. Aber unsere Mütter hatten schon Sorgen: Lebt der Mann noch, wenn der ersehnte Feldpostbrief endlich eintraf? Wie kriegen wir die Kinder satt? Ich erinnere mich an eine Episode: Die Verkäuferin beim Bäcker hatte für ein Pfund Brot zu wenig Marken abgeschnitten. Meine Mutter, meine Schwester und ich (der Bruder war noch zu klein) hielten Kriegsrat. Sollten wir den Irrtum melden? Und wenn nicht, reihen wir das Brot in den normalen Nahrungsablauf ein, oder essen wir es sofort zusätzlich? Letzteres taten wir, und es war ein Genuss, frisches, noch fast warmes Brot bis zum Sattwerden.

Nach dem Krieg war es der Gemeinde nicht möglich, im Winter die Schule ausreichend zu heizen. Deshalb wurden die Schüler in kleine Gruppen aufgeteilt und jeweils in Elternhäusern von den Lehrern unterrichtet. Dazu musste jedes Kind ein Brikett mitbringen, denn auch zu Hause war Heizmaterial knapp.

Kurz vor Kriegsende hatte sich ein desertierter deutscher Hauptmann bei uns einquartiert. Da wir nahe an der tschechischen Grenze wohnten, zeigte er uns die im Wald errichteten Panzersperren. Ein Glück, denn wären wir allein darauf gestoßen, hätten wir voller Abenteuerlust die großen Reisighaufen erklommen, ohne zu ahnen, was sich darunter verbarg. Eines Tages, er wollte die Lage erkunden, fuhr er mit dem Fahrrad der Nachbarin zur Grenze. Das Rad wurde ihm gestohlen, dafür kam er mit einer Kuh zurück. Die stand einige Tage in unserem Hausgarten. Unsere Mütter konnten glücklicherweise melken, die Milch war eine willkommene Bereicherung.

Als ich 1950 nach Leipzig zog, war ich erschrocken über die vielen Trümmer, die ich später half wegzuräumen. Orientieren konnte ich mich in der Innenstadt nur am hohlen Zahn, dem allein stehengebliebenen Turm der Johanniskirche.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.07.2014

Anita Deike

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