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"So war das damals": Käthe Kruse schickte eine Babypuppe

"So war das damals": Käthe Kruse schickte eine Babypuppe

Erwachsene berichten öfter, welche Angst sie bei Fliegeralarm und Luftangriffen im Krieg ausgestanden haben. Die schwersten Angriffe auf Leipzig waren am 4. Dezember 1943 und im Februar 1944. Wenn die Sirenen Voralarm gaben, zogen wir wie immer rasch unsere Kleider an, die jeder griffbereit an seinem Bett hatte, und rannten in den Luftschutzkeller.

Wir hörten die fallenden Bomben zischen und pfeifen und zogen dabei unwillkürlich die Köpfe ein. Aber wirkliche Angst hatte ich nie, von Panik keine Spur. Ich kontrollierte vielmehr meine Uhr: Wenn der Luftangriff vor 24 Uhr stattfand, mussten wir am nächsten Tag pünktlich in der Schule sein. Wurden wir erst nach Mitternacht aus dem Bett geholt, durften wir zwei Stunden länger schlafen, so dass eventuell eine angekündigte Klassenarbeit ausfiel. Aber warum ergriff mich nie panische Angst? Das Bild meines Vaters steht vor mir. Wenn er da war, fühlte ich mich beschützt und geborgen, jede Angst fiel von mir ab. Auch andere Menschen profitierten von seiner besonderen Ausstrahlung, der Ruhe und Sicherheit.

Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben Leser über ihre Kindheit und Jugend. Heute berichtet Edeltraud Bergmann über die Geborgenheit, die ihr der Vater vermittelte, und wie sie kurz vor Kriegsende einen Tiefflieger erlebte.

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Ab 1941 besuchte ich die Max-Klinger-Oberschule. Bei Luftangriffen erhielt die Schule Voralarm, so dass wir schnell nach Hause rennen konnten. Nicht immer schafften wir den weiten Weg und mussten dann irgendwo von der Straße weg in fremde Luftschutzkeller flüchten. Unvergessen bleibt für mich, dass ich einmal unweit meines Elternhauses mit meinen beiden Schulfreundinnen auf der Brücke stand, als ein Tiefflieger direkt auf uns zu brauste. Unsere Beine waren plötzlich wie gelähmt, wir konnten uns keinen Schritt mehr bewegen. Das Flugzeug flog dicht über uns hinweg, aber ohne dass auf uns geschossen wurde. Da sah ich plötzlich an unserer Straßenecke meinen Vater stehen und winken - unsere Lähmung löste sich, und wir liefen ihm entgegen.

Welche 14-jährigen Mädchen können wohl heute noch verstehen, dass wir damals in diesem Alter noch mit Puppen spielten? Mit 13 Jahren habe ich noch einen Brief an Frau Professor Käthe Kruse nach Bad Kösen geschrieben, um ihr kundzutun, dass sich meine Kinder (das waren vier Käthe-Kruse-Puppen) noch ein Geschwisterchen wünschen. In einem reizenden Brief ging die Puppenkünstlerin tatsächlich darauf ein und schickte mir zum Geburtstag für nur 50 Mark ein Käthe-Kruse-Baby. Mit diesem beschäftigte sich dann auch noch meine Cousine, die gerade ihr Abitur absolvierte.

Meine Freundin Hannelore und ich besuchten uns oft gegenseitig mit unseren Puppenwagen. Es war im April 1945, und man erwartete in unserem Ort Böhlitz-Ehrenberg täglich den Einmarsch amerikanischer Truppen. Als die Lage einmal besonders kritisch war, rief Hannelores Mutter in großer Sorge bei uns an, sie solle doch sofort nach Hause kommen. "Ach", sagte meine Mutter am Telefon, "Sie müssten die beiden Mädchen sehen. Die sitzen still vergnügt auf der Bank unter der Eiche und schieben ihre Puppenwagen hin und her. Die Sirenen haben sie sicher gar nicht wahrgenommen!"

Als ich 15 Jahre alt war, standen in meinem Zimmer auf jeden Fall noch mehrere Puppenwagen, Bettchen und Wiegen. Als ab und zu ein älterer Schüler kam, um mir in Mathematik zu helfen, räumte ich das Puppenparadies jedes Mal hinaus, es war mir doch ein wenig peinlich. Einmal hatte ich es jedoch vergessen - und ich bat meine Mutter, später zu uns zu kommen und so zu tun, als gehörten die Puppen einem kleinen Mädchen, das sie später abholen wollte.

Ging hier meine Kindheit zu Ende? Aber lebendig ist sie mir bis heute geblieben, und sie trägt mich durch das nicht ganz einfache Alter hindurch -

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.07.2014

Edeltraud Bergmann

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