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So war das damals: Muttern ging's ans Eingemachte

So war das damals: Muttern ging's ans Eingemachte

Ich begann im September 1948 meine Lehrzeit in einer kleinen Naunhofer Werkstatt für Kunsthandwerk. In dieser Zeit wurde von vielen Handwerkern oft für Naturalien gearbeitet, das heißt zum Beispiel ein Doppelfenster für einen Zentner Weizen.

Wenn es Frühstücksschnitten gab, waren diese oft mit einem Brotaufstrich versehen mit der Geschmacksrichtung Rauch- fleischaroma oder aus der Eigenproduktion Rübenmus nach einem streng gehüteten Geheimrezept. Im ländlichen Raum gehörten Ziegen, Kaninchen und Hühner genauso zum Handwerksbetrieb wie eine Schrotmühle mit Handbetrieb oder die Rübensaftpresse.

Nicht selten wurde der "Stift", heute Azubi im 1. Lehrjahr, für Arbeiten der Selbsterhaltung herangezogen. Der Handwerker, der einen Auftrag bei einem Bauern hatte, war für eine Weile diese Sorgen los. In unserer Werkstatt war das nicht anders. Die Obstbäume in Meisters Garten wurden schon in der Blütezeit auf Ertragsquoten geschätzt. Erstaunlich war auch, dass man Kartoffeln, welche am Vormittag gelegt wurden, schon in der Nacht wieder ernten konnte, es durfte nur niemand sehen.

Im Herbst 1948 häuften sich mit dem herannahenden Weihnachtsfest nicht nur die Aufträge, sondern auch die Sorge, wie die notwendige "Futterasche" (sächsisch) herangeschafft werden könnte. In der Werkstatt wurden ein paar Gedanken laut, dass man doch eine Weihnachtsfeier durchführen könnte. Die Werkstatt auszuschmücken, Sitzgelegenheiten zu beschaffen und für Musik zu sorgen, war kein Problem, aber die "Fresserei" war Thema Nr. 1. In unserem Generalstabsplan wurden alle Lebensmittelquellen aufgezählt, verworfen und neu diskutiert. Den Anfang machte ein Auftrag bei einem Rübensaftgroßhändler. Rübensaft gekocht nach dem deutschen Reinheitsgebot war ein Genuss. Ich erinnere mich, dass ein damaliger Gehilfe sich bereit erklärte, ein fettes Kaninchen für diesen Anlass zu opfern, ein anderer musste Kartoffeln besorgen. Rotkraut und andere Beilagen sollten aus der nahe gelegenen Gärtnerei kommen. Aus welchem Zapfhahn geistige Getränke fließen sollten, wurde mir nicht mitgeteilt.

Welche Aufgabe mir zugedacht war, habe ich nicht so recht begriffen. Nach Aussage des Gesellen und des Meisters war ich eigentlich für alles verantwortlich. Außerdem hatte man mir angeraten, für den Nachtisch zu sorgen. Das war nicht allzu schwierig, dann ging es eben mal an das Einkochregal bei Muttern. Und da ein Lehrling auch zu kleinen Gefälligkeitsarbeiten in der Nachbarschaft herangezogen wurde, war mir diese nicht fremd. Auf einem Grundstück schnatterte seit längerem ein Gänsepaar, nicht sehr fett, aber immer hungrig und ahnungslos. Da die Besitzer des schnatternden Weihnachtsbratens von Kleintierhaltung nicht allzu viel Ahnung hatten, wurde bei starken Minusgraden der so genannte Gänsestall nicht winterfest gemacht, und das hatte Folgen. Drei Tage vor dem Fest wurde mir die Nachricht überbracht, das Gänsepaar sei im "Gänsehimmel", und es wurde bei minus zehn Grad unter die Erde gebracht. Da zu den Arbeiten, die ein "Stift" zu verrichten hat, auch das Säubern der Werkstatt mit Hilfe einer großen Gänsefeder gehört, bat ich die Hinterbliebenen des Weihnachtsbratens um Erlaubnis, diese "Flederwische" abschneiden zu dürfen. Die Exhumierung begann, ich nahm die Gänse mit in die Werkstatt, um mit einem Fuchsschwanz die Flügel abzusägen. Dabei kam mir die Idee, mit einer "Obduktion" die Todesursache der beiden Tiere herauszufinden. Und siehe da - in der Speiseröhre befanden sich große gefrorene Möhrenstücke, an denen die Tiere erstickt waren. Aber da die Gänse erst drei Stunden in gefrorener Erde waren, sagte mir eine innere Stimme, man könnte vielleicht - Aber zuvor befragte ich noch einen Fachmann. Ich zeigte dem Tierarzt die beiden Tiere und erzählte ihm alles - außer von der Exhumierung. Der Herr besah sich die Sache mit Kennerblick, und auf meine Frage, ob sie noch als Braten geeignet wären, meinte er: Eigentlich nicht, aber angesichts der Tatsache, dass zurzeit strenger Frost herrschte - Aber das müsste ich selbst entscheiden.

Frohgemut wie Hans im Glück nahm ich meine Gänse und fuhr zurück. Den Gesellen und dem Meister zuckten die Geschmacksnerven, als ich meinen detaillierten Bericht abgab. Den Anwesenden wurde das Versprechen abgenommen, über die Herkunft des unverhofften Gänsebratens Stillschweigen zu bewahren. Dies geschah weniger aus gesundheitlicher Sicht, sondern aus Angst vor Rückführungsansprüchen.

Zu unserer Feier waren außer den Gesellen mit Anhang noch Bekannte des Meisters anwesend, und alle erwarteten gespannt das Festessen. Die Frau Meisterin hatte sich mit der Zubereitung selbst übertroffen. Mit selbstgemachtem Wein, Wismutschnaps und Kuchen aus der hauseigenen Bäckerei zog sich die Feier bis tief in die Nacht, und es war ein voller Erfolg. Warum das so war, ist mir erst jetzt klar geworden: Wir hatten damals zwar keine Packungsbeilage, aber wir haben einen Arzt gefragt!

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.12.2014
Günther Schumann

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