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"So war das damals": Rübenschnitzel in der Hosentasche und erste Küsse in der Disco

"So war das damals": Rübenschnitzel in der Hosentasche und erste Küsse in der Disco

Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben Leser über ihre Kindheit und Jugend.

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Gerhard Eckart - stolz samt Zuckertüte - zu seiner Einschulung.

Quelle: Privat

Leipzig. Heute berichtet LVZ-Leser Gerhard Eckart von Kohlrübensuppe zum "Essen abgewöhnen" und Brötchen, die als Tauschobjekte herhalten mussten.

Am 30. März 1938 wurde ich als zweites von drei Kindern geboren. Auf Grund einer Hauterkrankung hatte bereits am 5. April des Jahres meine Nottaufe stattgefunden. Aber meine Eltern und der Kinderarzt glaubten an meine Zukunft, und so lässt mich der Herrgott nun bereits seit 76 Jahren auf dieser Erde wandeln.

Nach der Bombennacht am 4. Dezember 1943 hatte mein Vater, der damals als Stabsfeldwebel in der heutigen Olbrichtstraße tätig war, ein Militärfahrzeug organisiert, das uns zunächst zu Verwandten nach Niedertrebra in Thüringen brachte. Unser Haus, die Eisenacher Straße 25, war von den Bomben verschont geblieben, aber die Eisenacher 31 und die beiden Eckhäuser an der Lindenthaler Straße waren ausgebrannt.

Nach einigen Tagen gelangten wir per Bahn auf mehr oder weniger riskanter Odyssee nach Netzschkau im Vogtland, wo wir zunächst bei meiner Großtante, die dort Gemeindeschwester war, unterkamen. Als wir hier den ersten Fliegeralarm erlebten und gewohnheitsmäßig in den Keller eilten, wunderten wir uns nur, dass außer uns niemand im Luftschutzkeller war, bis wir mitbekamen, dass alle anderen Hausbewohner auf der Straße standen und die Bombenflieger über uns beobachteten. Da unsere Großtante nur eine kleine Dreiraumwohnung hatte und es sehr beengt war - sie musste ja auch noch Patienten zu Hause behandeln -, bekamen wir erst einmal Nachtquartier im Sitzungssaal des Ratskellers. Hier waren zwei breite Betten in einer Ecke aufgestellt worden und wenn die Ratssitzung beendet war, konnten wir unser Nachtquartier beziehen. Schließlich stellte uns die Pfarrfrau im Obergeschoss des Pfarrhauses zwei Räume zur Verfügung.

Im September 1944 wurde ich in Netzschkau eingeschult. Wir hatten auch noch kurze Zeit Unterricht, bis die Schule für Flüchtlinge freigemacht werden musste. Unser Lehrer war der Kantor der Gemeinde. Als die Schule geräumt werden musste, hatten wir noch ein paar Mal in der Netzschkauer Maschinenfabrik Unterricht. Da diese dann jedoch Ziel der Bombenflieger war, wurde der Unterricht ganz eingestellt. Dass ich nach Kriegsende ohne Schwierigkeiten die zweite Klasse besuchen konnte, habe ich meinem vier Jahre älteren Bruder zu verdanken. Er hatte mir sogar beigebracht, die Sütterlin-Schrift zu lesen, da wir zwei Kinderbücher in dieser Schrift hatten.

Die einzige Nacht, die wir in Netzschkau im Luftschutzkeller verbrachten, war die, als die amerikanischen Truppen vor der Stadt standen und darauf warteten, dass diese übergeben wird. Zuvor gab es noch Streit zwischen meinem Bruder und unserer Mutter, als sie die weiße Fahne in Form eines Bettlakens aus dem Fenster hängte. Dieses kleine Beispiel am Verhalten eines damals elfjährigen Jungen zeigt, wie weit die Verdummung und ideologische Irreführung einer ganzen Nation ging.

Es ist traurig, dass sich die Machtorgane in Diktaturen immer wieder in erster Linie an minderjährigen Kindern und Jugendlichen vergreifen, um ihre Verdummungspolitik zu verbreiten.

An einem sonnigen Frühlingstag war mein Bruder mit mir zum Markt gerannt, um die Amerikaner zu sehen. Ein besonders eifriger Nazipolizist hatte aus dem Fenster der Polizeiwache heraus den Kommandeur des Konvois angeschossen, und als das letzte Fahrzeug den Markt verlassen hatte, flog eine Staffel Tiefflieger über uns hinweg und schoss auf die Straße. Wir konnten uns in eine offene Toreinfahrt retten.

Unsere Wohnung in Leipzig wurde vorübergehend von einer Tante beaufsichtigt, die in der Bayrischen Straße, heute Bernhard-Göring-Straße, teilweise ausgebombt war. Dann gab sie unserer Mutter Bescheid, dass sie sich um die Wohnung kümmern soll, sonst wird uns diese weggenommen. So fuhr unsere Mutter nach Leipzig. Zur gleichen Zeit wurde auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Nach Netzschkau zurückgekehrt, bemühte sie sich um eine Transportmöglichkeit nach Leipzig. Ein Möbelspediteur in Mylau erklärte sich bereit, uns auf eigenes Risiko mitzunehmen. Er fuhr jedoch früh ganz zeitig los. Da aber nachts noch Ausgangssperre war, inzwischen war ja Netzschkau von russischen Truppen besetzt, mussten wir heimlich durch den Schlosspark und über die Wiesen nach Mylau laufen. Leider endete die Fahrt für uns bereits vor Reichenbach an einem sowjetischen Militärposten, und wir mussten zurück nach Netzschkau laufen. Glücklicher Weise fuhr nachmittags zufällig ein Zug nach Leipzig. So kamen wir am frühen Abend auf dem Leipziger Hauptbahnhof an, der ein riesiger Trümmerhaufen war.

Im Herbst 1945 begann auch wieder der Schulunterricht. Ich ging damals in die 38. Grundschule an der Breitenfelder Straße. Wir bekamen auch Schulspeisung, eine fürchterliche Kohlrübensuppe, die eigentlich mehr dazu angetan war, sich das Essen ganz abzugewöhnen. Aber wir hatten ja Hunger. In der Essenspause standen die Lehrer vor den Toiletten und passten auf, dass niemand die Suppe ins Klo schüttete. Manchmal gab es auch Milchnudeln. Das war wie ein Festtag. Im Winter gingen wir, da es ja keine Kohlen gab, zumeist nur in die Schule, um Hausaufgaben zu notieren und unser großes Brötchen, welches es inzwischen als Schulspeisung gab, abzuholen. Aber es gab auch Schüler, die das nicht unbedingt brauchten, deren Eltern eine Bäckerei oder ein anderes Geschäft hatten. So waren die Brötchen ein beliebtes Tauschobjekt: Taschenmesser gegen zwei Brötchen oder Brötchen gegen Hindenburgbriefmarken. Wenn ein Schüler krank war, musste ihm das Brötchen von einem Freund oder vertrauenswürdigen Schüler nach Hause gebracht werden. Hunger hatten wir immer, und wenn wir nachmittags in den Trümmergrundstücken spielten, hatten wir immer eine Hand voll getrockneter Rübenschnitzel in der Hosentasche.

An der Ecke Lindenthaler/Hallesche Straße, heute Georg-Schumann-Straße, war damals ein Laden von der Brotfabrik. War das Geschäft voller Kunden, so nutzten wir den Andrang und klauten Brötchen aus dem Schaufenster. In der Eisenacher Straße war immer ein reger Betrieb von Brauereifahrzeugen. Wenn wir sie die Straße entlang holpern hörten, standen wir schon in den Startlöchern und warteten darauf, dass die Tiere ihre Pferdeäpfel fallen ließen für die Tomatenpflanzen in den Blumenkisten vor den Fenstern.

Wir hatten in Möckern einen Garten. Wenn wir im Herbst das Obst und Gemüse heimfuhren, mussten wir den Handwagen vor neugierigen Blicken abdecken. In der Breitenfelder Straße, auf dem Gelände des ehemaligen Gohliser Friedhofs, stand zeitweise ein Karussell. Wenn wir nachmittags Zeit hatten, gingen wir zu dem Karussellbetreiber und fragten, ob wir anschieben können. Da öfter Stromsperre war, wurde es mechanisch betrieben und dazu brauchte es einige zum Anschieben.

1949 zogen wir zu einer Schwester meines Vaters nach Wahren, deren Mann verstorben und der einziger Sohn bei Stalingrad gefallen war und die allein in einem Siedlungshaus wohnte. Das war eigentlich der schönste Teil meiner Kinderzeit. Da spielten alle Kinder der Siedlung von groß bis klein noch gemeinsam auf der Straße alles, was es an Kinderspielen gab: Himmelhuppe, Meister gib uns Arbeit, wir woll'n die Merseburger Brücke bau'n, Räuber und Schambambel oder Völkerball und Ballvertreiben. Wir Kinder von der Siedlung hatten auch eine Bande gegründet und uns ein Statut gegeben mit Pflichten und Rechten. Als Treffpunkt hatten wir uns einen verschütteten Keller eines alten Stellwerkhauses am Bahngelände von Unrat frei geräumt. Aber irgendwem muss das nicht gefallen haben, eines Tages war der Keller zugeschüttet.

Ja, so war das, als wir Kinder waren, es war teilweise eine schwierige Zeit, aber wir verlebten trotz allem eine schöne Kindheit und das ohne Computer und ohne Fernsehen.

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.12.2014

Gerhard Eckart

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