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Lokales So war das damals: Waschtag in den Fünfzigern
Leipzig Lokales So war das damals: Waschtag in den Fünfzigern
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01:00 31.07.2014
Quelle: Privat

Auch wenn ich damals noch ein Kind war, so konnte ich doch aller sechs bis acht Wochen diese Arbeit an der Seite meiner Mutti miterleben.

Wir wohnten damals in einem Vier-Etagen-Wohnhaus in der Eisenbahnstraße. Ehe alles losging, musste man sich beim zuständigen Hausbewohner einen Termin für das Waschhaus im Hinterhof holen. Damit war auch gleichzeitig die Nutzung des Dachbodens angemeldet. Bei schlechtem Wetter oder im Winter war diese Planung auch unbedingt notwendig. Kamen nun die angemeldeten Waschtage, wurde am Abend vorher das Waschhaus eingeräumt. Dort stand nur ein großer Kessel, der in eine Feuerstelle eingebaut war. Es wurden also mehrere Holzwannen in den Keller getragen, eine davon wurde auf Holzböcke gestellt, damit die Waschfrau mit ihrem Waschbrett auf Körperhöhe arbeiten konnte. Aber zuerst mussten alle Wannen mit Wasser gefüllt werden, denn in den vergangenen Wochen war das Holz ausgetrocknet, und es musste wieder quellen, damit die Wannen dicht waren.
Klassenlehrer, Konfirmationskleider aus Gardinenstoff, erste Küsse in der Disco - in der Serie "So war das damals" schreiben Leser über ihre Kindheit und Jugend. Heute berichtet Evelin Schöppe-Schütze vom Leben ohne Waschmaschine und Geschirrspüler. "Als ich dieser Tage unsere frisch gewaschene Bettwäsche in den Schrank legte, fiel mir ein, wie aufwändig und mit viel körperlich schwerer Arbeit verbunden das Wäschewaschen noch Ende der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts war."

Am nächsten Morgen wurden Bettwäsche, Handtücher, Wischtücher und sonstige weiße Wäsche eingeweicht, der Kessel mit Wasser gefüllt und kräftig angeheizt. Kam meine Mutter dann gegen 17 Uhr von der Arbeit, wurde die eingeweichte Wäsche kurz gespült (im kalten Wasser natürlich) und dann in den Kessel gelegt. Dort blieb sie dann bis zum nächsten Morgen - und der eigentliche Waschtag begann. Mutti ging früh ins Waschhaus, angelte die noch heiße Wäsche aus dem Kessel in die Wanne auf den Holzböcken und bearbeitete den Restschmutz dann auf dem Waschbrett. Wenn alles sauber war, wurden die Wäschestücke in einer anderen Wanne kalt gespült. Das nicht mehr so heiße Wasser im Kessel wurde nun gleich für die bunte Wäsche genutzt. Ich erinnere mich, dass an diesen Waschtagen je nach Wetterlage kein Sofakissen mehr einen Bezug hatte, Übergardinen, Vorhänge und auch Wolldecken nicht an ihrem Platz lagen und es in der Wohnung sehr unordentlich aussah.

Nach dem Spülen wurde dann jedes Wäschestück in der Wringmaschine "durchgeleiert". Die Wäsche war dann einigermaßen trocken und tropfte nicht mehr. Das war wichtig, wollte man den Dachboden nutzen. Die bunte Wäsche musste mit der Hand ausgewrungen werden, denn man hätte vermutlich die Knitterfalten, die die Maschine hinterließ, nicht wieder entfernen können. Und wenn dann alles im Wäschekorb drin war, musste man den "nur noch" bis zum Dachboden tragen und die Wäsche aufhängen.

Nach zwei Tagen konnte dann alles abgenommen werden und in der Wohnung häuften sich die sortierten Wäscheberge. Das Bunte wollte gebügelt werden, das Weiße wurde nach einem bestimmten System zusammengelegt. Letzteres bekam dann nach einigen Tagen noch eine spezielle Behandlung: Es wurde "gerollt". Dazu brauchte man einen Termin von einem Wäscherollenbesitzer - ein paar Straßen weiter in einem Hinterhof. Als Kind hatte ich vor diesem Gerät eine Menge Respekt, denn irgendwie war es unheimlich in seiner Nähe. Die Wäscherolle war ein vier Meter langer Kasten, der auf einem hohen Holztisch stand. Er war mit vielen Steinen gefüllt, die oben herausschauten, und zwischen ihm und dem Holztisch bewegten sich mehrere Holzrollen. Ein Motor setzte den schweren Kasten drei- bis viermal von rechts nach links in Bewegung, wobei er knackte und quietschte. Dann wurden zwei der Rollen entnommen, die Wäsche Stück für Stück in ein Rolltuch eingelegt und geglättet. Das dauerte meist etwa eine Stunde, alles Weiße war dann ganz glatt und die Mutti stolz!

Ich habe ihr aber nicht nur beim Waschen und Rollen zugesehen, sondern musste auch helfen. Wie habe ich das Abtrocknen des Geschirrs gehasst! Manchmal habe ich versucht, Zeit zu schinden und mich mit einem Buch auf die Toilette verzogen - in der Hoffnung, Mutti kann den rumstehenden Abwasch nicht mehr sehen und trocknet selbst ab. Aber es half nichts, mir blieb diese Aufgabe immer treu. Deshalb wollte ich damals eine Abwaschmaschine erfinden. Gekauft habe ich sie mir aber erst vor drei Jahren, und manchmal wasche ich auch jetzt noch per Hand ab.

Noch heute denke ich voller Bewunderung und Hochachtung an die Zeit, als Hausarbeit noch sehr anstrengend war und unsere Mütter und Großmütter oft trotz Berufstätigkeit mit wöchentlich 48 Stunden alles stemmen mussten - ganz ohne Waschmaschine, Schleuder und Geschirrspüler.

In eigener Sache: Liebe Leserinnen, liebe Leser! Unser Aufruf hat eine große Resonanz erfahren, zahlreiche Briefe und E-Mails mit Ihren Erinnerungen sind eingegangen. Deren Sichtung benötigt Zeit. Bitte haben Sie etwas Geduld, wir setzen uns mit allen Absendern in Verbindung!Ihre Lokalredaktion

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.07.2014

Evelin Schöppe-Schütze

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