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Lokales "Sobald etwas verboten ist, kommt eine neue Droge auf den Markt"
Leipzig Lokales "Sobald etwas verboten ist, kommt eine neue Droge auf den Markt"
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20:51 04.01.2015
Heiner Trauer, Chef der Abteilung forensische Toxikologie des Uni-Instituts für Rechtsmedizin. Quelle: André Kempner
Leipzig

Hier, im Stofflabor, bereiten die Experten die Proben für die Analyse in den Großgeräten vor. Reagenzgläser, Spatel, gute alte Handarbeit. Es klopft und ein schwarzer Koffer wird hereingereicht. Neue Proben, wichtig wie immer. An der Tür der kleinen Abteilung - laut Stellenplan arbeiten hier 1,8 Naturwissenschaftler und fünf technische Mitarbeiter - klopft es oft: Jährlich werden rund 13.000 Proben untersucht.

LVZ:

Herr Trauer, wie ist eine derartige Menge an Untersuchungen überhaupt zu schaffen?

Heiner Trauer:

Es sind ja zum Beispiel viele Blutalkoholanalysen dabei oder etwa geforderte Nachweise von Betäubungsmitteln und Medikamenten bei Verkehrsteilnehmern.

Und das geht schnell?

Bei diesen gezielten Analysen wissen wir konkret, wonach zu suchen ist. Deshalb liegt beispielsweise bei einer Untersuchung auf Blutalkohol nach spätestens zwei Tagen ein Ergebnis vor.

Aber es gibt auch Aufträge, bei denen Sie am Anfang völlig im Dunkeln tappen?

Wenn beispielsweise der Verdacht einer akuten Vergiftung besteht oder Todesfälle ungeklärt sind, kann alles Mögliche in Betracht kommen. Hunderte Me­dikamente, Gifte, Drogen.

Und die müssen Sie nacheinander abarbeiten bis ein Treffer dabei ist?

Es sind im Rahmen der Sektionstoxi­kologie mitunter etliche Einzelanalysen notwendig, ja. Deshalb kann die Untersuchung rätselhafter Sterbe­fälle durchaus zwei, drei Wochen benötigen.

Da haben Sie wohl schon alles gesehen und erlebt?

Nein, nein. Ich bin seit 20 Jahren im Geschäft, aber ich hatte in der Zeit nie einen Giftmord.

Heiner Trauer sitzt an einem zehn Jahre alten Massenspektrometer. Das Gerät braucht etwa 10 bis 20 Minuten für die Analyse eines Stoffextrakts. Auf dem Computerbildschirm sind ein paar deutliche Ausschläge zu sehen: Propofol, ein Narkosemittel. Michael Jackson ist daran gestorben. Über den konkreten Auftrag kann Trauer nicht sprechen. Über das massive Drogenproblem in Leipzig aber schon.

Merken Sie an der Zahl der Proben, dass das Rauschgiftproblem zugenommen hat?

Wir sind seit 20 Jahren dafür zuständig, verdächtige Materialien oder unbekannte Substanzen auf Betäubungsmittel zu untersuchen. Das hat in dieser Zeit ganz schöne Ausmaße angenommen.

Wer sind Ihre Auftraggeber?

Polizeidienststellen aus dem gesamten Raum Leipzig und Chemnitz sowie Zoll-Dienststellen. Und die wollen häufig Schnellgutachten für ihre Ermittlungsverfahren.

Für einen Wissenschaftler dürfte eine solche Aufgabe reizvoller sein als etwa die Bestimmung des Blutalkoholwerts bei einem Unfallfahrer, oder?

Es sind völlig offene Untersuchungsaufträge mit verdächtigen Materialien. Da geht es zunächst wirklich nur um die Frage: Was ist drin? Bei diesen Analysen stößt man plötzlich auf etwas, was völlig neu ist und noch niemand auf dem Radar hatte.

Rückblick: 2013 findet Trauer in Zusammenarbeit mit der Uni-Fakultät für Chemie und Mineralogie in einer von der Kripo sichergestellten Materialprobe die Substanz Chlorephedrin. Die Chemikalie ist bekannt und in Deutschland ohne Einschränkungen durch das Grundstoffüberwachungsgesetz erhältlich. Was bis dahin jedoch weder Kripo noch Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt wissen: Trauer hat damit einen neuen Grundstoff für die massenhafte Herstellung der Teufelsdroge Crystal entdeckt. Im November 2014 zerschlagen Ermittler einen internationalen Drogenring und stellen 2,9 Tonnen Chlorephedrin sicher. Die Produktion von Crystal im Wert von 184 Millionen Euro wird damit verhindert. Doch in irgendeiner Drogenküche wird längst die nächste unbekannte Substanz ausprobiert, glaubt der Leipziger Toxikologe.

Sehen Sie als Experte eigentlich, ob das Crystal von einem ausgebildeten Chemiker produziert wurde oder von Heimwerkern mit etwas Halbwissen?

Es gibt sicher Unterschiede in der Zusammensetzung und Reinheit, aber auch Nichtexperten kriegen es hin, hochreines Methamphetamin herzustellen.

Wie ist das bei Ihren Proben: Ist Crystal tatsächlich die alles dominierende Droge unserer Zeit?

Etwa 95 Prozent der zu untersuchenden Stimulanzien entfallen auf Crystal. Der Rest besteht aus Ecstasy, das in den 1990er Jahren angesagt war, sowie Amphetamin (Speed) und Kokain.

Gab es in der Geschichte jemals ein Rauschgift, das ähnlich verbreitet war?

Nein, Crystal ist da mit keiner anderen Droge vergleichbar. Zumal es auch nicht auf urbane Strukturen beschränkt ist, das finden Sie in jedem Dorf.

Und es nehmen nicht nur die Verlierer ...

Stimmt, es ist kein Phänomen sozialer Randgruppen. Crystal steigert die Ausdauer, hält wach, hilft sogar beim Abnehmen. Das nehmen auch Leute, die im Beruf viel leisten müssen und nach der Arbeit trotzdem noch nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen wollen. Wir haben Crystal zum Beispiel in Proben von Krankenpflegern oder Berufskraftfahrern gefunden.

Auf dem Untersuchungstisch liegt ein Tütchen mit den typischen Kristallen. Daneben steht eine Schale mit bunten Pillen, die aussehen wie kleine Handgranaten. Ecstasy, ein Dinosaurier der Drogenszene, ist nahezu ausgestorben. Gibt es in paar Jahren nur noch Crystal und nichts anderes mehr? Heiner Trauer lächelt. Der Chemie sind wohl keine Grenzen gesetzt.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass die Drogenmafia mit ihren Kreationen immer einen Schritt voraus ist?

In der Tat ist eine unglaubliche Dynamik in der Szene. Sobald etwas verboten ist, kommt eine neue Substanz auf den Markt. Das bekannte Hase- und Igel-Prinzip aus den 1990er Jahren erleben wir jetzt in potenzierter Form. Gerade im Bereich der formal nach aktueller Gesetzeslage legalen Substanzen gibt es kaum Grenzen.

Aber legal ist doch okay, oder?

Das glauben leider viele Leute, ja. Aber legal heißt eben nicht ungefährlich. Aus unserer Sicht bedeutet es: Es ist nicht verboten, aber keiner weiß, wie es wirkt.

Wovon sollte man die Finger lassen?

Über das Internet werden alle möglichen Sachen verkauft. Kräutermischungen, Badesalze, Lufterfrischer und so weiter. Diese sogenannten neuen psychoaktiven Substanzen sind nicht selten Abfallprodukte aus der pharmazeutischen Industrie. Wer sich so etwas besorgt, stellt sich als eine Art Versuchskaninchen für dubiose Hersteller zur Verfügung, mit unabsehbaren Folgen. Wir hatten schon einen Todesfall aufgrund einer Mischung aus solchen vermeintlich harmlosen Substanzen.

Von welchen Ausmaßen reden wir?

Im vergangenen Jahr sind 83 neue Substanzen in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen worden. Das ist mehr als in den vergangenen 20 Jahren zusammen.

Und schon klopft es wieder an der Tür des kleinen Labors. Ein Beamter aus Chemnitz grüßt kurz und reicht einen schwarzen Koffer rein. "Was ist drin?"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.01.2015

Frank Döring

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