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Sozialwissenschaftlerin: „Rigide Sparkurse in der Jugendhilfe kommen als Bumerang zurück“

Hilfen zur Erziehung Sozialwissenschaftlerin: „Rigide Sparkurse in der Jugendhilfe kommen als Bumerang zurück“

Immer mehr Familien sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert und auf Hilfen vom Jugendamt angewiesen. Die Kosten der Stadt Leipzig für 2657 betreute Kinder rund Jugendliche lagen im vorigen Jahr bei 74 Millionen Euro. LVZ sprach mit der Sozialwissenschaftlerin Heike Förster über Ursachen, Folgen und Auswege aus der Erziehungskrise.

Professorin Heike Förster: „Das erhöhte Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft, verstärkt durch das Kinderschutzgesetz, hat dazu geführt, dass es mehr Anzeigen zur Überprüfung des Kindeswohls gibt.“
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  Immer mehr Familien sind mit der Erziehung ihres Nachwuchses überfordert und auf Hilfen vom Jugendamt angewiesen. Die Zahl der betreuten Kinder und Jugendlichen stieg in Leipzig seit 2014 um 342 auf 2657 Personen im vergangenen Jahr. Für die Kommune bedeutet das einen immensen finanziellen Kraftakt. Sie muss die explodierenden Kosten der Erziehungskrise stemmen. Mit 74 Millionen Euro erreichten sie im vergangenen Jahr einen neuen Rekord – nach 58 Millionen Euro im Jahr 2014.

Die Ursachen dafür sieht die Sozialwissenschaftlerin Heike Förster unter anderem in der früheren Finanzschwäche Leipzigs. Diese hatte zur Folge, dass in den Jahren um die Jahrhundertwende die Fallzahlen „extrem gesenkt“ wurden, so die Professorin an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). Förster: „Immer wenn rigide Sparkurse gefahren werden, hat man die Fallzahlsteigerungen und demzufolge auch die steigenden Kosten zirka zehn Jahre später. Das ist wie ein Bumerang, der wieder zurückkommt.“

Zunehmend wirkten sich aber auch die sozialen Probleme in den Jahren nach der Wiedervereinigung aus. „ Wir beobachten eine generationsübergreifende Vererbung von sozialen Problemlagen“, so die Wissenschaftlerin.“ Diese seien ganz unterschiedlicher Natur. Sie reichten von Konflikten in der Partnerschaft, die in die Erziehung hineinwirken, über fehlende Kompetenzen zur Bewältigung normaler Alltagsstrukturierung bis hin zu Gewalt in der Familie. Förster: „Diejenigen, die nach der Wende mit 18, 19 Jahren aus dem Erwerbssystem ausgesteuert wurden, keine berufliche Ausbildung und keine Erwerbserfahrungen haben, kommen aus dieser Perspektivlosigkeit häufig nicht wieder heraus.“ Diese Generation habe in den 1990er Jahren ihre Kinder bekommen, die jetzt ihrerseits eigene Familien gründeten. „Die fehlenden Kompetenzen stellen hier ein wirkliches Problem dar“, ist die Professorin überzeugt, „weil in diesen Familien auch Bildung nicht als Wert gesehen wird, der andere Entwicklungschancen ermöglicht.“

Gerade den Schulen falle in dieser Hinsicht eine wichtige Funktion zu. Es brauche sozialpädagogische Unterstützung an den Schulen. Förster kritisierte, dass die Schulsozialarbeiter in Sachsen allein von den Kommunen finanziert werden müssen, das Land sich aus dieser Aufgabe heraushält. Außerdem bräuchten die Lehrer eine sozialpädagogische Grundlagenausbildung, die sie in die Lage versetzten, mit Erziehungsdefiziten umzugehen. Schulabstinenz sollte strikter verfolgt werden. Schon der fehlende Schulbesuch stellt ihrer Meinung nach eine Kindeswohlgefährdung dar, „auf die man reagieren müsste“.

Seit dem Tod eines Kleinkindes in Leipzig, das 2012 in der Wohnung seiner vom Allgemeinen Sozialdienst betreuten drogenkranken Mutter verdurstet war, hat offensichtlich im Leipziger Jugendamt ein Umdenken eingesetzt. Immer öfter werde mittlerweile von der stationären Heimunterbringung Gebrauch gemacht, statt Kinder jahrelang ambulant in ihren Familien zu betreuen. Förster: „Das erzeugt Kosten, die relativ hoch sind. Die Frage stellt sich jedoch, ob es sich volkswirtschaftlich am Ende nicht doch rechnet.“ Denn wenn ein Jugendlicher einen Schul- und Ausbildungsabschluss schaffe, eigenverantwortliches Handeln entwickle und später für sich und seine Familie sorgen könne, „dann wird er langfristig keine anderen Sozialleistungen, wie zum Beispiel über das Jobcenter benötigen.“

Das vollständige Interview lesen Sie am 2. März in der Print- und E-Paper-Ausgabe der LVZ.

Von Klaus Staeubert

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