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Spätis – auf der Suche nach der Quelle

Spätverkaufsstellen in Leipzig Spätis – auf der Suche nach der Quelle

Spätis gehören in Leipzig zum Stadtbild wie andernorts der Kirchturm. Ein jedes Viertel hat seinen Laden – mit allem, was das Partyvolk so braucht, und Öffnungszeiten bis nach Mitternacht. Das wird in anderen Städten ganz anders gehandhabt. 

Früher hat er immer erst mal geguckt, ob das Bier flockt. Macht er heutzutage nicht mehr: Späti-Freund Bernd Fröhlich (links), hier mit einem Bekannten vor einem Spätverkauf in der Sebastian-Bach-Straße.
 

Quelle: Stephanie von Aretin

Leipzig.  Spätis gehören in Leipzig zum Stadtbild wie andernorts der Kirchturm. Ein jedes Viertel hat seinen Laden – mit allem, was das Partyvolk so braucht, und Öffnungszeiten bis nach Mitternacht. Das wird in anderen Städten ganz anders gehandhabt. In München zum Beispiel darf Bier nach 20 Uhr nur noch als Reiseproviant – sprich: in Tankstellen – verkauft werden. Ansonsten wird es wie zu besten amerikanischen Prohibitionszeiten über obskure Hintereingänge vertickt.

Die Legende um Leipzigs Kiezkultur im halblegalen Bereich beginnt zu tiefen Ostzeiten. In Ost-Berlin, so geht die Sage, durften die Schichtarbeiter nach 22 Uhr noch einkaufen. Auch in Leipzig soll es schon in den 80er-Jahren die ersten Spätverkäufe gegeben haben – trotz knapper Konsumgüter und staatlicher Überwachung. Hat der Kommerz zu nächtlicher Zeit tatsächlich seinen Ursprung im realsozialistischen Graubereich? Wir begeben uns auf Spurensuche im feucht-fröhlichen Terrain.

Es ist heiß, es ist Sommer, schon seit Wochen eine Stimmung wie auf südeuropäischen Marktplätzen. Wie nicht wenige Spätverkaufsstellen war auch der „Kiosk auf der Insel“ in der Kurt-Eisner-Straße früher einmal öffentliche Bedürfnisanstalt. Inzwischen hat sich der Laden auf der Verkehrsinsel zum Anlaufpunkt für Nachbarn, Studenten und Passanten entwickelt, der an sieben Wochentagen und bis spät abends geöffnet ist. Hinter der Theke gibt’s Tabak und Hochprozentiges, draußen werden Magazine und Zeitungen feilgeboten wie auf einer italienischen Piazza.

„Ich erinnere mich genau, wie nach der Wende ein Lastwagen kam und die Bauteile für den Kiosk ablud“, erzählt Frank Sacher. „Die hatten Material gleich für drei neue Kioske dabei.“ Der 68-Jährige hat es sich am frühen Nachmittag im schattigen Innenraum gemütlich gemacht, selbstverständlich mit einem kühlen Bier in der Hand. Schon seit Jahren kommt Sacher hierher. Er hat den Kiosk so lieb gewonnen, dass er sogar ein Gedicht auf ihn verfasste. Titel: „Gestrandet auf der Insel.“

Früher wohnte er direkt gegenüber, konnte alles, was auf dem Grünstreifen vor sich ging, genau beobachten. Erst wurden die alten Toiletten abgerissen, dann der neue Kiosk aufgebaut. „Den haben sie gleich im Ganzen hingesetzt“, sagt Sacher. Fertig war der Spätverkauf. Für den frischen und zugleich hygienisch einwandfreien Bier-Nachschub wurden damals oft öffentliche Toiletten abgerissen. Mit einer Ausnahme: Die gusseiserne Bedürfnisanstalt auf dem Südplatz war so schön, dass sie als Baudenkmal stehen bleiben durfte. Nur wenige vor dem Burgerimbiss wissen wohl, was sich hinter dem trendigen Grill verbirgt.

Schon zu DDR-Zeiten, erinnert sich Frank Sacher, hätten sich Bürger und Ladenbetreiber Schritt für Schritt in Richtung längere Öffnungszeiten vorgearbeitet. „Das begann in der Innenstadt, am Hauptbahnhof. Eigentlich verkauften diese Läden ja Postkarten, Zeitungen und Tabakwaren an die Messegäste. Aber dann waren die immer länger geöffnet, erst sonnabends, dann auch sonntags.“

Dass der Begriff Verkaufsstelle schon damals gedehnt wurde, erzählen auch andere Späti-Kunden. Bei einem gepflegten Bier vor den orientalischen Spezialitäten in der Sebastian-Bach-Straße gerät Bernd Fröhlich (66) ins Schwärmen: „Wenn wir geklopft haben, wurde uns immer aufgemacht.“ Meist gab’s das Sachsenbräu in den grünen Flaschen – „da haben wir erst mal geguckt, ob’s flockt“, mit etwas Glück auch das bessere Hopfengetränk in den braunen Flasche. Ab 1984 durften dann auch einige Tante-Emma-Läden in den Außenbezirken öffnen, jedoch nie länger als bis 20 Uhr. „Die wollten die Bevölkerung ruhig halten“, erklärt Fröhlich den Schritt. Freilich waren die Läden gut kontrolliert. „Spätis gab’s auch dann nur wenige, das waren Nischen“, sagt der Pensionär. Und die großen Betriebe hatten ohnehin ihre eigenen Verkaufsstellen.

Heute soll es um die 30 Spätis in der Stadt geben – und verkauft wird vom edlen Winzerwein bis zu linksalternativen Kampfblättern so ziemlich alles. Nur das städtische Ordnungsamt findet in der bunten Szene, die sich täglich verändert, noch klare Maßstäbe. Für Helmut Loris, den Leiter der Behörde, ist eine Verkaufsstelle eben eine Verkaufsstelle – und fällt damit unter das Sächsische Ladenöffnungsgesetz. Offizieller Zapfenstreich: 22 Uhr.

Kein Wunder, dass sich Späti-Besitzer ziemlich lichtscheu zeigen. Kaum einer ist bereit, sich namentlich zu äußern, denn Zündstoff gibt es zuhauf: In der Karl-Heine-Straße fühlen sich die Gastronomen längst zu öffentlichen Pissoirs degradiert, die für die vielen Nachtschwärmer, die sich in Bauwagen und anderen improvisierten Läden Bier besorgen, ihre Klos putzen müssen. Auch die Sicherheitslage ist nicht ohne: Im Gegensatz zum Tankstellenpersonal sind die Verkäufer in den Läden kaum geschützt. Studenten übernehmen oft den Job, wenn die Besitzer auch mal schlafen müssen. In dieser Situation bleibt nur Ordnungsamtschef Loris gelassen: „Eine Verschärfung der Kontrollen fand und findet nicht statt“, teilt er mit. „Kontrollen erfolgen beschwerdebezogen und werden schon immer mit der notwendigen Maßgabe durchgeführt.“

Na dann: Ein Hoch auf das Späti-Bier!

Von Stephanie von Aretin

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