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Lokales Sprengung der Leipziger Paulinerkirche vor 50 Jahren: „Seele der Stadt ist verletzt worden“
Leipzig Lokales Sprengung der Leipziger Paulinerkirche vor 50 Jahren: „Seele der Stadt ist verletzt worden“
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17:16 30.05.2018
Landesbischof Carsten Rentzing beim Gedenkgottesdienst in der neuen Universitätskirche. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Seit 25 Jahren treffen sich jährlich am 30. Mai Leipziger am Standort der alten Paulinerkirche und erinnern an die Sprengung des Gotteshauses vor 50 Jahren. Doch so viele wie am Mittwoch kamen noch nie: Der Nachfolgebau der Kirche am Augustusplatz – in dem die Erinnerung nun erstmals stattfand – war bis auf den letzten Platz gefüllt; einige Dutzend Teilnehmer standen sogar fast zwei Stunden lang im neuen Gebäude, um an dem Gedenkgottesdienst teilzunehmen. Auch der Thomanerchor unter Kantor Gotthold Schwarz half mit, die Erinnerung an die Sprengung vor 50 Jahren wach zu halten.

Raunen in den Reihen

Als Uni-Rektorin Beate Schücking die Gäste begrüßte, ging ein Raunen durch die Reihen der Zuhörer. Denn sie nannte die Erinnerung an die Sprengung einen „Dankgottesdienst“ und appellierte an die Teilnehmer, ihre Blicke „nach vorn“ zu richten. „Herzlichen Dank für den Neubau an die Landesregierung“, erklärte Schücking und begrüßte auch jene Besucher, „die die alte Paulinerkirche noch erlebt haben“.

„Akt der Barbarei“

Von einem ein „Tag der Trauer“ für Leipzig sprach Universitätsprediger Professor Peter Zimmerling. „Für viele Menschen war das einer der dunkelsten Tage in ihrem Leben“, so der Prediger. „Die Seele der Stadt ist verletzt worden.“ Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing erinnerte an die Zeit vor 50 Jahren. „Damals schien die Geschichte des Glaubens an diesem Ort für immer dahin zu sein“, sagte er. Doch die Geschichte habe bewiesen, dass „dieser Akt der Barbarei nicht das letzte Wort war“. Der Wiederaufbau des Gotteshauses sei „nach einem langen Weg“ gelungen und der Neubau jetzt ein „Wunder, das jeder mit eigenen Augen bestaunen kann.“ Rentzing rief alle Gläubigen auf, sich mit diesem „Pilgerweg“ zu beschäftigen und dabei „zu sich selbst zu finden“. Die neue Paulinerkirche zeige, dass eine „Entfernung von Gott in der Welt“ nicht möglich sei. „Die Welt und Gott lassen sich nicht trennen.“ Mit Blick auf die von der Universität gewünschte Bezeichnung des Neubaus als „Aula-/Kirche-Bau“ meinte der Bischof: „Wir sollten nicht so töricht sein, in falschen Abgrenzungen zu denken.“

Am 30. Mai 1968 ließ das DDR-Regime die Universitätskirche St. Pauli sprengen. 50 Jahre später wurde im Nachfolgebau ein Gedenkgottesdienst gefeiert.

Das traditionelle Grußwort des Leipziger Paulinervereins – der 1993 die erste und dann auch alle folgenden Gedenkveranstaltungen auf dem Augustusplatz initiierte hatte – hielt dessen Vorsitzender Ulrich Stötzner. „Wir erinnern an dieses Verbrechen der Kommunisten, damit dies nie wieder geschieht“, erklärte er. Zu SED-Zeiten sei die Sprengung mit Wendungen wie „Abtragen von Altbausubstanz“ und „Schaffung von Baufreiheit“ umschrieben worden, um die Menschen zu täuschen. Und auch heute werde das Haus nicht bei seinem Namen genannt. Stötzner: „Die krampfhafte Vermeidung des Namens Paulinerkirche wird zunehmend peinlich.“ Auch in Frankfurt am Main werde von der Paulskirche gesprochen, obwohl diese gar keine Kirche mehr sei.

„Ohne Kanzel bleibt das Haus unvollendet“

Der Vereinsvorsitzende sagte auch, dass der Neubau „noch nicht fertig“ sei. Es stehe noch die Rückkehr von wertvollen Kunstschätzen aus der gesprengten Kirche aus. „Zum Beispiel die bronzene Grabtafel der Elisabeth von Sachsen sowie der Grabstein des Nikolaus Pflugk, beide aus dem 15. Jahrhundert und noch in der Thomaskirche.“ 45 Epitaphe seien „zum Teil fragmentarisch“ vor der Sprengung geborgen worden, erst 24 davon seien bislang zu sehen. „Dieses Haus bleibt ohne die Wiederaufstellung der geretteten Kanzel unvollendet“, sagte er und appellierte an die Universität: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns nun endlich Taten sehen.“ Stötzner hofft, dass sich die nachfolgenden Generationen noch an ihre Wurzeln erinnern: „Wir wissen nicht, was sie hier veranstalten werden“, sagte er. „Der jetzt vorherrschende antichristliche Zeitgeist, der sich auch an dieser unserer Universität immer wieder artikuliert, muss nicht das letzte Wort der Geschichte sein.“

Von Andreas Tappert

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