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Stadt und Graffiti-Initiative weihen erste großflächige, legale Wand ein

Graffiti in Leipzig Stadt und Graffiti-Initiative weihen erste großflächige, legale Wand ein

500 Quadratmeter weiße Fläche stehen Sprühdosenkünstlern unter der westlichen Antonienbrücke ab nun zur Verfügung. Außerdem soll die Präventationsarbeit vorangetrieben werden: Die Stadt will der neuen Graffiti-Koordinierungsstelle dafür 25.000 Euro bereitstellen.

Das erste „Tag“: Mit einer Sprühdose aus der Aservatenkammer der Polizei veredelt Bürgermeister Heiko Rosenthal (Linke) Leipzigs erste große, legale Graffiti-Wand.
 

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.  Hat das das Zeug zu einem waschechten Skandal? Heiko Rosenthal greift zur Sprühdose, krempelt die Ärmel hoch und „verziert“ die Unterführung der westlichen Antonienbrücke mit einem Graffito. Ausgerechnet Leipzigs Bürgermeister für Umwelt und Ordnung!

Doch der Linken-Politiker muss nicht befürchten, eine Anzeige wegen Sachbeschädigung zu kassieren. Denn die Fläche, an die er da mit großen roten Lettern „Legale Wand“ taggt (wie es im Fachjargon heißt), ist genau das: Leipzigs erste große, öffentliche Graffitifläche. Am Donnerstag luden Rosenthal und Vertreter der Koordinierungsgruppe Graffiti zur offiziellen Eröffnung.

Diese Schilder zeigen an, in welchem Bereich das Sprühen erlaubt ist

Diese Schilder zeigen an, in welchem Bereich das Sprühen erlaubt ist.

Quelle: Dirk Knofe

Startpunkt für neue Präventionsarbeit

Insgesamt 500 Quadratmeter (noch) weißer Fläche stehen Sprühdosenkünstlern hier zur Verfügung, kenntlich gemacht durch entsprechende Schilder. Für die Stadtverwaltung, die den illegalen Straßengemälden seit 2002 vor allem restriktiv begegnet, ein Novum: „Das hier ist der Startpunkt für eine neue Art der Präventions- und Aufklärungsarbeit zum Thema Graffiti“, erklärt Rosenthal. „Und es ist ein Signal an die Jugend, dass wir es mit legalen Möglichkeiten ernst meinen.“ Es werden – so hofft der Bürgermeister – noch weitere Flächen folgen.

Anliegender Supermarkt stellt Rückwand bereit

Der Clou: Die Wände sind mit einer so genannten „Opferschicht“ versehen, die einmal jährlich entfernt wird, um das Fundament auf Schäden zu überprüfen. Wenn im Anschluss eine neue Schicht aufgetragen wird, steht den Sprühern wieder eine komplett weiße Fläche zur Verfügung.

Eine zusätzliche, 100 Meter breite Fläche stellt der Eigentümer des anliegenden Supermarktes bereit: Die Rückseite der Filiale darf besprüht werden, solange die Front verschont bleibt. „Wir haben gemerkt, dass es keinen Sinn macht, auf Konfrontationskurs zu gehen“, berichtet Thomas Knoke, Verwalter der Immobilie.

Sven Bielig (links) und Sascha Kittel sind Teil der Koordinierungsgruppe, die sich für ein Zusammenkommen von Graffiti-Szene und Stadt einsetzt

Sven Bielig (links) und Sascha Kittel sind Teil der Koordinierungsgruppe, die sich für ein Zusammenkommen von Graffiti-Szene und Stadt einsetzt.

Quelle: Dirk Knofe

Szene-Treff in Planung

Neben der Wand stellt die Stadt auch finanzielle Mittel bereit: 25.000 Euro werden in diesem Jahr für die Präventionsarbeit der neu entstandenen Koordinierungsstelle fließen, die auf Initiative des Graffiti-Vereins Leipzig und des Urban Souls e.V. in Zusammenarbeit mit Polizei und Stadtverwaltung entstanden ist. Teil dieser Koordinierungsgruppe sind Sven Bielig und Sascha Kittel. Sie suchen nach potentiellen weiteren legalen Flächen und wollen – so der Plan – bald einen Szene-Treff ins Leben rufen. Dort werden sich Leipzigs Graffiti-Begeisterte und -Interessierte treffen und austauschen können, Wettbewerbe und Workshops für den Nachwuchs sollen organisiert werden. „Es ist wichtig, dass eine solche Plattform aus der Szene heraus entsteht, dass sie authentisch und jugendaffin ist“, erklärt Sven Bielig. Andernfalls arbeite man an der Zielgruppe vorbei.

„Denkprozesse bei den Bürgern anregen“

Graffiti mag es unter dem Label „Street Art“ inzwischen in die Museen dieser Welt geschafft haben. Trotzdem ist Vandalismus noch immer ein Problem: Leipzig gab im vergangenen Jahr 50 000 Euro für die Entfernung illegaler Graffiti aus. In legalen Angeboten sehen sowohl Stadt als auch die Szene-Insider eine Chance, interessierte Jugendliche von Anfang an auf den richtigen Weg zu führen sowie „Denkprozesse bei den Bürgern anzuregen, dass Graffiti eben nicht nur Schmierereien sind“, so Bielig. Leipzig hängt in dieser Hinsicht noch weit hinterher: In Dresden beispielsweise gebe es schon seit zehn Jahren derartige Angebote, in München sogar schon seit 25 Jahren. Und das, obwohl die Stadt an der Pleiße Deutschlands Graffiti-Hochburg Nummer zwei ist – direkt hinter Berlin.

Klar ist: Dieses Projekt bedeutet nicht das Ende der illegalen Sprüherei. Dennoch ist es ein erster Schritt hin zu einer Reduzierung der Reinigungskosten. Und zu einem offenen Dialog mit einer Szene, die hoffentlich bald ganz legal mehr Farbe in ein graues Stadtbild bringen wird. Wer sich das einmal von nahem anschauen möchte, der hat dazu am Sonntagnachmittag Gelegenheit. Dann nämlich werden Bielig, Kittel und weitere Graffiti-Künstler erste Bilder an die Wand bringen.

Von Christian Neffe

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