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Stadtwerke-Chefs: "Wir sind nicht mehr so optimistisch"

Sommer-Interview Stadtwerke-Chefs: "Wir sind nicht mehr so optimistisch"

Die Stadtwerke Leipzig haben ihr Gewinnziel deutlich verfehlt. Das Betriebsergebnis ist von 61 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 35 Millionen Euro im vergangenen Jahr zurückgegangen. Stadtwerke-Chefs Karsten Rogall und Johannes Kleinsorg stellen sich den Fragen im Interview.

Die Stadtwerke-Chefs in Leipzig: Johannes Kleinsorg (r.) und Karsten Rogall.

Quelle: André Kempner

Die Stadtwerke Leipzig haben ihr Gewinnziel deutlich verfehlt. Das Betriebsergebnis ist von 61 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 35 Millionen Euro im vergangenen Jahr zurückgegangen.

LVZ: Woran lag es?

Karsten Rogall: Die Strom-Großhandelspreise sind in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen. Dadurch ist der Strom, den wir in unserer Gasturbinenanlage an der Eutritzscher Straße produzieren, weniger wert. Da stimmen die energiepolitischen Rahmenbedingungen nicht mehr. Außerdem hatten wir 2014 gefühlt keinen Winter; als Energieversorger sind wir ein Stück weit witterungsabhängig. Wir konnten diese schwierige Situation mit anderen Standbeinen teilweise auffangen. Aber das ist uns im letzten Jahr nicht komplett gelungen.

Sie können also nur hoffen, dass der nächste Winter härter wird?

Johannes Kleinsorg: Die Energiewende wird uns noch lange begleiten. Sie ist die größte Veränderung der Energiewirtschaft seit der Industrialisierung. Auch die Regulierung der Netze, die Marktliberalisierung und die Digitalisierung bewirken Veränderungen in unserer gesamten Wertschöpfung. Wir müssen unsere Strukturen und Prozesse auf diese neue Welt einstellen und uns effizient und wettbewerbsfähig aufstellen. Deshalb haben wir das Neuausrichtungsprogramm "fit" gestartet.

Das klingt so, als hätte sich die Lage seit Ihrem Amtsantritt zugespitzt.

Karsten Ro gall:Wir sind nicht mehr so optimistisch wie noch vor einem dreiviertel Jahr. Die Herausforderungen haben deutlich zugenommen. Aber es ist nicht so, dass wir sie nicht bewältigen können.

Was ist denn explizit im letzten dreiviertel Jahr passiert?

Johannes Kleinsorg: Wir haben die Zeit genutzt, um die Situation des Unternehmens und die aktuellen Marktbedingungen sorgfältig zu analysieren. Wir haben aber in Summe eine sehr stabile finanzielle Situation vorgefunden. Unser Unternehmen steht besser da als andere Stadtwerke. Das heißt aber nicht, dass wir so wie wir heute aufgestellt sind, in zehn Jahren immer noch ein erfolgreiches Stadtwerk sein können.

Für Ihre Stromerzeugung ist das Gaskraftwerk in der Eutritzscher Straße von entscheidender Bedeutung. Wenn Sie diese Anlage abschalten - weil die Auslastung zu gering und der Strompreis zu niedrig ist - würden die Leipziger nicht mehr mit Fernwärme versorgt werden können. Denn die fällt beim Betrieb des Kraftwerks als Abfallprodukt an. Wie lösen Sie dieses Problem?

Karsten Rogall: Sie schildern die Situation völlig richtig. Deshalb nehmen wir unser Gaskraftwerk nur noch in Betrieb, wenn wir die Fernwärme wirklich benötigen. Denn Versorgungssicherheit ist neben Wirtschaftlichkeit einer unserer wichtigsten Aufträge. Wir geben den Strom dann zu niedrigen Preisen an den Markt. Das führt zu einer wirtschaftlich angespannteren Situation. Wir hoffen wenigstens mittelfristig wieder eine schwarze Null hinzukriegen.

Sie machen mit dieser wichtigen Anlage Verluste?

Johannes Kleinsorg: Es gibt kaum Gaskraftwerke in Deutschland, für die das nicht gilt. Früher haben die Stadtwerke vor allem mit dem Strom Geld verdient, den diese Anlage produziert. Die Wärme war ein Abfallprodukt. Das ist jetzt umgekehrt. Die Bundespolitik berät gerade über das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz. Sie hat inzwischen verstanden, dass Energiewende nicht nur mit Photovoltaik und Wind funktioniert. Flexible Gaskraftwerke sind besonders wichtig, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Die umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplung hat schon immer einen wichtigen Beitrag für die CO2-Reduzierung geleistet. Deshalb sagen wir jetzt: Liebe Politik, schreibe die KWK-Zulagen für Bestandsanlagen, also auch für Anlagen wie unsere, wieder ins Gesetz.

Werden die Gewinne der Stadtwerke in absehbarer Zeit wieder steigen oder wird alles noch schlimmer?

Karsten Rogall: Wir haben in diesem Jahr einen einigermaßen anständigen Winter gehabt. Das letzte halbe Jahr ist deutlich besser gelaufen als das davor. Wir haben auch einige Dinge verändert und sind deshalb guter Hoffnung, dass dieses Jahr besser wird. Wir können uns trotzdem nicht hinsetzen und warten, was die nächsten fünf Jahre passiert. Mit Nichtstun würde es bergab gehen.

Was wollen Sie tun?

Johannes Kleinsorg: Wir müssen uns wettbewerbsfähig aufstellen. Das heißt: effiziente und schlanke Prozesse organisieren, Kostenstrukturen anpassen. Das wollen wir mit "fit" erreichen.

Karsten Rogall: Auch die Mitarbeiter werden sich verändern müssen. Sie müssen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten anpassen.

Planen Sie den Abbau von Personal?

Johannes Kleinsorg: Bis Anfang 2016 wird der Masterplan verabschiedet, der festlegt, welche operativen Veränderungen ab Mitte 2016 nötig sind, um die neue Strategie in den kommenden Jahren erfolgreich umzusetzen. Erst dann können wir sagen, wie sich die künftige Ausrichtung auf Organisation und Arbeitsplätze auswirkt.

Wo sehen Sie Potenziale für mehr Geschäft und Gewinn?

Johannes Kleinsorg: Die Bereiche Windenergie und Energiedienstleistungen wollen wir ausbauen. Was wir aus diesen neuen Entwicklungen an Geschäft und Gewinn erzielen können, wird aber nicht ausreichen, um den Risiken im Markt zu begegnen. Deshalb müssen wir noch andere erhebliche Potenziale heben, um unser Ergebnis zu verbessern.

Experten meinen, die Stadtwerke könnten noch viele Reserven erschließen, wenn sie besser mit den anderen Stadtfirmen zusammenarbeiten würden.

Johannes Kleinsorg: Wir wollen mit der Stadt und in der LVV-Gruppe wesentlich besser zusammenarbeiten. Wir diskutieren auch, was passieren wird, wenn vor den Toren Leipzigs das Braunkohlenkraftwerk Lippendorf abgeschaltet werden sollte.

Karsten Rogall: Das wird langfristig eine der wesentlichen Herausforderungen für die Stadtwerke Leipzig werden. Die Bundesregierung versucht die Stromerzeugung durch Kohlekraftwerke deutlich zu reduzieren. Wann dies erfolgreich sein wird, wissen wir nicht. Fakt ist aber, dass der Eigentümer des Kraftwerks Lippendorf - der schwedische Vattenfall-Konzern - bereits angekündigt hat, sich aus der Kohleverstromung zurückzuziehen. Bis dahin wird Leipzig eine deutlich stärkere Dezentralisierung der Wärme-, aber auch der Stromproduktion erleben. Es werden mehr alternative Erzeugungstechnologien eingesetzt, also Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke, Solartermie. Unsere Aufgabe wird es sein, diese Technologien unter Einbindung der technisch sich stark entwickelnden Speicher zusammenzufassen, zu vernetzen und zu steuern.

Wie lange wird Lippendorf noch am Netz bleiben?

Johann Kleinsorg: Mindestens zehn Jahre, denke ich. Aber wir wollen schon vorher ein Energie-Kümmerer für die Leipziger werden. Wir werden nicht alles selber machen, aber wir werden für alles Ansprechpartner sein. Wir wollen in Leipzig die besten Lösungen für die vernetzte Energiewelt von morgen bieten. Für uns kommt es jetzt darauf an, die neuen Themen mit unseren bestehenden Strukturen intelligent zu kombinieren und daraus etwas Neues zu entwickeln.

Es heißt, die Stadtwerke hätten sich bei ihrem Engagement in die Windenergie verkauft. Es seien "Billigbuden" erworben worden, die nicht genug abwerfen. Wie ist die Lage?

Karsten Rogall: Nicht zufriedenstellend. Die Windenergieanlagen, die wir im Moment haben, sind nicht so erfolgreich, wie wir uns das gewünscht haben. Wir glauben aber, dass wir bei Windenergie und Photovoltaik noch Potenzial haben und wollen in den nächsten Jahren in diese Segmente investieren. Wir schauen uns permanent nach geeigneten Objekten um. Es geht um den Kauf von bestehenden und von im Bau befindlichen Anlagen. Wir begrenzen uns nicht auf Sachsen oder die neuen Bundesländer - aber auf Deutschland schon.

Auch die Holzkraftwerke sollen nicht gut laufen. Wie ist dort die Lage?

Karsten Rogall: Die Holzpreise haben sich in den vergangenen Jahren dramatisch erhöht, während unsere Einnahmen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz gedeckelt sind. Im Moment verdienen unsere Biomasseanlagen in Bischofferode und Piesteritz aber immer noch ein Stück weit unsere Kapitalkosten. Solange das der Fall ist - also unsere Erlöse höher sind als die Betriebskosten - werden wir uns nicht von diesen Objekten trennen. Wir haben auch bei der Windenergie solche positiven Deckungsbeiträge.

Sie haben viele Probleme mit Ihren Strom- und Gas-Konzessionen. Bei den Gas-Konzessionen hat sich die Lage entspannt - oder?

Karsten Rogall: Leipzigs Oberbürgermeister hat den Gas-Konzessionsvertrag mit uns unterschrieben. Dafür sind wir sehr dankbar.

Johannes Kleinsorg: Und beim Strom warten wir ab, was passiert. Da läuft jetzt die nächste Ausschreibung. Unser Ziel ist es, die Energieversorgung für die gesamte Stadt sicherzustellen. Mit unserer Interessenbekundung sind wir einen ersten wichtigen Schritt im Rahmen des Vergabeverfahrens gegangen.

Die Stadt Leipzig will die Mehrheit der Verbundnetz Gas AG (VNG) erwerben. Können die Stadtwerke die Übernahme des größten ostdeutschen Unternehmens für sich nutzen?

Karsten Rogall: Die Verhandlungen führt die LVV.

Johannes Kleinsorg: Unser Mutterkonzern LVV verhandelt dabei gemeinsam mit einem erfahrenen Partner. Für uns Stadtwerke ist es jetzt noch etwas zu früh, dazu Fantasie zu entwickeln.

Aus dem Engagement der Stadtwerke Leipzig im polnischen Danzig flossen im vergangenen Jahr 10 Millionen Euro in Ihre Kasse. Das ist eine Menge Geld. Ist an einen Ausbau des Engagements in Polen gedacht?

Karsten Rogall: Wir sind froh, dass wir unsere polnische Beteiligung haben. Die Mannschaft vor Ort arbeitet professionell und hat ihr Geschäftsmodell im Griff. Wir glauben, dass es dort auch in den nächsten Jahren ein stattliches Ergebnispotenzial geben wird.

Es ist denkbar, dass sich die Stadtwerke Leipzig künftig stärker um ihre Leipziger Kunden kümmern. Vielen von ihnen sind die Preise der Stadtwerke zu hoch.

Karsten Rogall: Wir werden nie der Aldi der Energieversorgung werden. Nicht nur unsere 1244 Mitarbeiter der SW-Leipzig-Gruppe, sondern auch unsere Baufirmen, Lieferanten und Dienstleister aus der Region wollen anständig bezahlt werden. Außerdem tun wir einiges für Kultur, Sport, sozialen Zusammenhalt in der Stadt und liefern unseren Beitrag für den LVV-Konzern, der wiederum die Verkehrsleistungsfinanzierung der LVB sichert. Sicher gibt es Kunden, die das nicht interessiert. Aber als städtisches Unternehmen sind wir dieser Stadt verpflichtet und nicht der Billigheimer, der seine Produkte über das Internet vertreibt und hier keinerlei Strukturen hat.

Es gibt massive Kritik an Ihren hohen Fernwärmepreisen. Sie könnten Ihren Leipziger Kunden die Fernwärme zum halben Preis anbieten, heißt es. Was halten Sie davon?

Johannes Kleinsorg: Wir schauen tatsächlich gerade, ob unsere Preise bei der Fernwärme zukunftstauglich sind. Für die Fernwärme wurde nach der Wende unglaublich viel investiert. Wir werden Sie gerne zu gegebener Zeit informieren. Ich gehe davon aus, dass wir in Summe sicher weitere Verbesserungen für unsere Kunden hinbekommen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 3. August 2015
Björn Meine/Andreas Tappert

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