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Lokales „Steile Lernkurve“: Johanniter ziehen Bilanz aus der Zeit in der Ernst-Grube-Halle
Leipzig Lokales „Steile Lernkurve“: Johanniter ziehen Bilanz aus der Zeit in der Ernst-Grube-Halle
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07:00 19.02.2016
Wiland Keller (48), Johanniter-Regionalvorstand Leipzig/Nordsachen. Quelle: privat
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Leipzig

Ihr Einsatz war spontan, die Probleme neu und unerwartet: Die Johanniter im Regionalverband Leipzig/Nordsachsen haben von August 2015 bis zum Februar dieses Jahres Flüchtlinge in der Ernst-Grube-Halle betreut. Mittlerweile wird die Sporthalle vom Land nicht mehr als Erstaufnahme gebraucht. Die Erfahrung der Johanniter schon. Sie betreiben weitere große Unterkünfte in der Stadt. „Wir haben eine steile Lernkurve hingelegt“, sagt Wieland Keller (48), Johanniter-Regionalvorstand. Keller hat den Einsatz in der Grube-Halle koordiniert, war oft auch persönlich vor Ort. Im Gespräch mit LVZ.de blickt er auf die turbulenten Monate am Campus Jahnallee zurück.

Herr Keller, die Ernst-Grube-Halle als Flüchtlingserstaufnahme ist Geschichte. Wie sehen sie diese ziemlich turbulente Zeit aus der Distanz?

Wir haben die Aufgabe im Sommer 2015 völlig ohne Vorbereitungszeit übernommen. Aber die freiwilligen Helfer unseres Bevölkerungsschutzes sind ja trainiert für Katastrophensituationen. Sie haben zum Beispiel gelernt, wie man schnell viele Menschen unterbringt und all das. Da war ganz viel Motivation bei den Ehrenamtlichen, denn es macht Spaß, wenn man gebraucht wird.

Vor welchen praktischen Herausforderungen standen Sie?

Wenn ich an den ersten Abend, die erste Nacht denke: Da haben wir in der leeren Halle gestanden, die nur mit Betten ausgestattet war, und überlegt was wir machen, wenn jetzt der Bus ankommt und die Flüchtlinge aussteigen. Wie können wir mit einem Dolmetscher zügig die Namen und Personalien von allen aufnehmen? Wie erkennen wir „Berechtigte“, damit nicht jeder in der Halle aus- und eingehen kann? Dafür haben wir dann in der Nacht noch Bändchen besorgt. Die Essensausgabe musste organisiert werden, und wir brauchten einen Sichtschutz für die muslimischen Frauen. Das war natürlich nur provisorisch, und viele Frauen haben auch nachts ihr Kopftuch nicht abgelegt. Am Anfang geht es um die einfachsten Abläufe, aber es ist lebensnotwendig, dass die funktionieren.

In den ersten Wochen gab es nicht mal einen Betreibervertrag zwischen Freistaat und Johannitern. Wie haben Sie das gemeistert?

Zeitweise waren 40 Helfer pro Tag in der Halle beschäftigt. In den ersten drei Wochen haben wir rein mit Ehrenamtlichen gearbeitet. Aber das ging natürlich nicht auf Dauer so. Als wir einen Vertrag mit dem Land abschließen konnten, war das natürlich auch eine Entlastung für die freiwilligen Helfer, da wir dann schrittweise hauptamtliche Mitarbeiter einstellen konnten, welche den notwendigen Dienstplan im Drei-Schicht-System absichern..

Sie hatten zeitweilig mehr als 400 Menschen in der Halle zu betreuen. Welche Rolle haben die Freiwilligen in all den Monaten gespielt?

Das war eine unglaublich tolle Erfahrung, dass so viele Menschen helfen wollten. Der Flüchtlingsrat stand uns die ganze Zeit zur Seite, hat uns auch mit Dolmetschern geholfen. Durch die zentrale Lage der Halle hatten wir aber auch sofort Angebote vom Studentenrat und von vielen Vereinen, zum Beispiel für Sportangebote. Täglich haben wir neue Mails bekommen – ich muss zugeben, da ist wahrscheinlich auch einiges untergegangen, das konnten wir gar nicht alles bewältigen. Erst dachte ich, das ist vielleicht nur ein Strohfeuer Was machen wir im Winter, wenn die Beschäftigung für die Flüchtlinge nicht mehr draußen stattfinden kann? Aber die Hilfsangebote sind sehr stabil geblieben. In Leipzig ist einfach das Kräfteverhältnis ein anderes, als in vielen anderen Städten. Die so umfangreiche und vielseitige ehrenamtliche Unterstützung hat uns sehr geholfen und wir sind dafür sehr dankbar.

Trotzdem war es nicht immer friedlich in der Grube-Halle. Die Polizei musste ein paarmal anrücken…

Das stimmt, beim größten Einsatz waren bestimmt 20 Wagen an der Halle, das hat mich auch ziemlich beeindruckt. Aus der Halle war ein Notruf abgesetzt worden, dass es eine Prügelei mit bis zu 50 Beteiligten gegeben hatte, da hat die Polizei eben auch erstmal eine Hundertschaft zusammengezogen. Vor Ort stellte sich das dann so dar: Bei der Essensausgabe hat es eine Drängelei gegeben. Die hat sich hochgeschaukelt, es gab Gerangel und auch Handgreiflichkeiten, und von außen konnte niemand mehr genau sagen, wer und wie viele wirklich beteiligt waren.

Wodurch entstehen außerdem Konflikte?

Stellen Sie sich vor, 420 Menschen sind dauerhaft und ohne große Abtrennung, ohne Privatsphäre, gemeinsam untergebracht. Nicht jeder kann mit jedem, und da spielt es keine Rolle, ob es sich um Deutsche oder Flüchtlinge handelt. Dazu kommen dann die unterschiedlichen Nationalitäten. Wir haben lernen müssen, dass einige besser, andere weniger miteinander auskommen. Und schon statistisch gesehen gibt es in einer so großen Gruppe auch immer einige Störenfriede. Mitunter kamen Männer nachts angetrunken in die Halle und haben für Unruhe gesorgt, das gibt es. Aber die ganz große Mehrheit will einfach nur in Frieden die Zeit dort überstehen und den Asylantrag voranbringen.

Was haben Sie für die Arbeit in anderen Unterkünften mitgenommen?

Man muss einfach anerkennen, dass es eine Vielzahl an Mentalitäten gibt. Auf diese muss man sich als Helfer möglichst individuell einstellen. Wenn wir als Helfer ein friedliches Zusammenleben befördern wollen, brauchen wir auch Kenntnisse über den Hintergrund der Menschen, die zu uns kommen. Wir können davon ausgehen, dass die meisten Menschen Kriegserlebnisse hatten oder schlimme Fluchterfahrungen. Für unsere Mitarbeiter haben wir deshalb auch Trauma-Experten hinzugezogen, um sie zu sensibilisieren, wie man damit umgeht. Auf der anderen Seite müssen wir jedoch auch klare Ansagen machen und unsere Erwartungshaltung äußern. Denn Integration fällt natürlich nicht vom Himmel.

Sind die Kenntnisse, die Sie erworben haben, nun weiter gefragt?

Die Grube-Halle war die erste von drei Massen-Unterkünften, die wir in Leipzig betreiben. Aktuell sind wir auch für die Soccerhalle in Leipzig-Plagwitz, die nach der Heizungsreparatur bald wieder geöffnet werden soll, und die General-Olbricht-Kaserne mit einer Kapazität von 900 Plätzen zuständig. Heute gibt es eine klare Trennung zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Hauptamtlichen sind für die allgemeine Organisation, Essensausgabe und Sanitätsdienst zuständig. Ehrenamtliche kümmern sich um Sprachkurse, Freizeit- und Sportangebote. Wir haben eine steile Lernkurve hingelegt, und da hat uns die Zeit in der Grube-Halle sehr geholfen.

Von Evelyn ter Vehn

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