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Lokales Still Trees stellen Paris-Erfinder in den Schatten
Leipzig Lokales Still Trees stellen Paris-Erfinder in den Schatten
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13:52 22.02.2018
We Invented Paris haben im Werk 2 auf sehr vieles sehr oft hingewiesen. Sie hätten mehrmals ruhig ihre Vorband erwähnen können. Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

Jetzt haben sie also nicht nur das Halsbonbon erfunden, diese Schweizer, sondern auch noch jene Miniaturwelt, die man oben vom Eiffelturm aus betrachten kann. Das jedenfalls behaupten der Baseler Flavian Graber und seine Band: We Invented Paris. Weil sich aber große Teile eben dieser Band kürzlich verabschiedet haben, musste sich Graber für die aktuelle Tour was Neues überlegen.

Dass er das getan hat, ist am Freitagabend in der Halle D im Werk 2 zu sehen: Graber spielt zunächst eine halbe Stunde im Duo mit einem Gitarristen namens Sandhofer We-Invented-Paris-Songs im dreimal zu oft als „80s-Trash-Disco“ angekündigten neuen 80s-Trash-Disco-Gewand, mit „den trashigsten Diskolampen“ und einem Philipp, der mitten auf der Bühne Cocktails mixt und Einzelstück für Einzelstück im Publikum serviert.

Das ist ungefähr zwei Momente lang amüsant (1.: Mixt der Typ da auf der Bühne Getränke? 2.: Ja krass, der Typ da auf der Bühne mixt Getränke), und schon fragt man sich ernsthaft, was das soll. Wenn überhaupt sorgt es ja dafür, dass man sich später an das Konzert mit dem Barkeeper auf der Bühne erinnert, aber Bandnamen und Musik erst recht vergessen hat.

Das ist aber nicht der Kern des Problems. Es sind auch nicht Zeilen wie „The Fire in my Heart is killing me“. Das Problem liegt viel mehr darin, dass Graber auf die Besonderheit jedes, wirklich jedes „besonderen“ noch so offenkundigen Details seiner Show hinweist: Als ob nicht jeder den Fernseher auf dem Kopf des Gitarristen sehen würde, spricht er vom „TV Head“. Und vom Babystrampelanzug am Merch-Tisch. Und davon, dass seine Konzerte immer „ein bisschen anders“ sind und er jetzt mal runter ins Publikum kommt, um da unverstärkt ein paar Songs zu spielen (was er immer tut). Der Blick auf die Garderobenmarke am Ende des Abends fasst das prima zusammen: jede vierstellige Zahl könnte da stehen, aber nein, es ist „0814“, also genau die, die überdeutlich „Nicht 0815!“ sagt.

Und doch – das Konzert bleibt auch in musikalischer Hinsicht in Erinnerung. Dank der Vorband, Still Trees. Wie diese fünf Zwickauer Jungs da mit drei Gitarren, Bass und Schlagzeug ihre sechs „Letters to Lucille“ hinschmettern, ist eine wahre Freude. Der Bassist hält sein Instrument quasi direkt am Kinn, der Sänger trägt Cordsakko, die Brille unter den Brillen und dazu die Unfrisur unter den Unfrisuren. Seit das Hipstertum alle Codes des „Uncoolen“ zum „Coolen“ sublimiert hat, kann man solche Typen natürlich nicht mehr einordnen. Gestrige Hillbillies oder zeitgeistige Oberchecker? Man weiß es nicht. Und es ist auch egal.

Im ersten Song reißt gleich ’ne Saite, zweistimmiger Gesang mit vielen Aaahaahs und Uuuhuuhs trifft auf schmissige Gitarren und englische Texte. Als ob die mittleren Beatles Songs von The Clash trällern, während ein paar Arctic Monkeys in den stillen Bäumen hängen. Man kriegt das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht und die Beine nicht wieder unter Kontrolle. Wie neidisch man auch gleich wird auf all diese 16-Jährigen, die 1960 zum ersten Mal die Beatles hörten, ohne vorher 50 Jahre Popmusik zu kennen!

Dass Still Trees die Hauptband des Abends dermaßen wegbläst, statt für sie einzuheizen, macht das Zwickauer Quintett zweifelsohne zur schlechtesten Vorband der Welt.

Von Benjamin Heine

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