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Lokales Stiller Feiertag: Was hat Gott gegen Tanzen? Pfarrerin Britta Taddiken im Gespräch
Leipzig Lokales Stiller Feiertag: Was hat Gott gegen Tanzen? Pfarrerin Britta Taddiken im Gespräch
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15:32 03.04.2015
Britta Taddiken ist neue Pfarrerin in der Leipziger Thomaskirche. Quelle: Andr Kempner
Leipzig

LVZ:

Sie haben einen Großteil ihres Lebens als Pfarrerin im ländlichen Norddeutschland gewirkt, war der Wechsel nach Leipzig mit ganzen 16 Prozent Christen ein Schock?

Britta Taddiken:

Das war mir ja bekannt, ein Schock war es also nicht. Über 80 Prozent waren anscheinend noch nie in der Kirche - und denen fehlt offenbar nichts. Das heißt aber auch, die Leute, die hier in die Kirche gehen, tun das bewusst. Mehr als im Westen des Landes.

Was mir aber auffiel, ist die regelrechte Kirchenfeindlichkeit einiger Menschen. Kritisch waren die Leute auch im Norden. Das hat sich aber innerhalb der Gemeinde abgespielt. Dann hieß es: "Die Kirche müsste mal."

Die Osterfeiertage stehen uns bevor. Welche Rolle spielt das Fest im christlichen Jahreskalender?

Das Osterfest - im Spannungsbogen von Gründonnerstag bis Ostermontag - ist das höchste Fest der Christenheit. Die Menschen in der Kirche wollen wissen: Was feiern wir denn da? Auch viele Christen tun sich in der Hinsicht schwer. Die Weihnachtsgeschichte ist anschaulicher und nachvollziehbarer als die Auferstehung.

Sind die Osterpredigten für Sie etwas ganz besonderes?

Auf jeden Fall. Ostern ist die Kirche voll. Ich merke auch, die Hörererwartung ist höher als sonst. Da geht es um Hoffnung, da geht es um die großen Fragen. Ich versuche in meinen Predigten, einen Aspekt herauszugreifen und diesen in Beziehung zu setzen zum Leben der Menschen.

Ist die Ostergeschichte denn noch relevant?

Sie ist aktueller denn je. Denken Sie an das Flugzeugunglück in Frankreich oder die Krisen in der Welt. In der Karfreitagsgeschichte geht es um das sinnlose Sterben, die Verzweiflung, mit dem Tod konfrontiert zu sein. Gott steht im Elend an der Seite des Menschen, damit dieses Elend nicht das letzte Wort über uns behält. Karfreitag und Ostern tragen die Botschaft in sich, dass der Tod überwunden wird.

In den freien Minuten die Ihnen zu Ostern bleiben, wie verbringen Sie die Feiertage?

Ich komme mit Freunden zusammen. Wir teilen die Freude: durch gutes Essen und Trinken, durch Spazieren gehen, viel Musik. Das fängt ja in der Thomaskirche fulminant an, mit der Aufführung der Johannes-Passion am Gründonnerstag.

Karfreitag ist in Sachsen der einzige stille Feiertag mit einem Verbot von Sport- und Tanzveranstaltungen. Was hat Gott gegen Tanzen?

Quelle: André Kempner

Also, Gott erträgt das alles (lacht). Es an diesem Tag auch um den Respekt vor denen, die in ihrem Leben gerade unter dem Kreuz stehen, die persönlich mit Leid konfrontiert sind. Dafür müssen wir schon mal einen Tag im Jahr innehalten können. Was wird uns denn genommen, wenn wir einmal im Jahr nicht unser Vergnügen in den Mittelpunkt stellen? Warum gefährden Stille und Einkehr unsere Freiheit?

Was ist aber mit Leuten die unter der Woche arbeiten, die nur Wochenenden und eben Feiertage zum Feiern haben. Wird denen nicht etwas vorenthalten?

Man nimmt doch niemandem die Freiheit, wenn es heißt: An diesem einen Tag im Jahr nicht. Wenn sich Menschen wegen dieses einen Tages eingeschränkt fühlen, frage ich mich schon: In was für einer Gesellschaft leben wir denn?

Wie haben Sie es in Ihrer Jugend mit dem Tanzverbot zu Karfreitag gehalten?

Ich war zu dieser Zeit, als ich vielleicht 20 war, schon sehr verwoben mit dem, was zu Ostern ansteht. Das hieß für mich die Passionen von Johann Sebastian Bach. Ich hatte ja noch 364 andere Tage im Jahr, an den ich tanzen und feiern konnte.

Kritiker monieren, dass ihnen vorgeschrieben wird, wann sie zu Ruhe und Einkehr kommen sollen.

Wer zu bestimmten Zeiten nicht zur Ruhe kommt, der kann das auch nicht zu unbestimmten Zeiten. Der Sinn solcher Gesetze ist ja auch, solchen Leuten, die ständig umtriebig sind, einen Gefallen zu tun.

Es gibt diesen Satz: Ich lass Dich beten, lass Du mich tanzen. Kann man nicht einfach friedlich nebeneinander her leben?

In unserer vielfältigen Gesellschaft gibt es das längst. Trotzdem glaube ich, dass es ein berechtigtes Anliegen ist, die Menschen, denen der Karfreitag wichtig ist, davor zu schützen. Es geht ja nicht darum, die Menschen im Privaten zu beschränken. Es geht um öffentliche Veranstaltungen und auch die Lärm-Emissionen in einer Stadt wie Leipzig, in der man eng beieinander lebt. Das ist für mich eine Frage der Solidarität und gegenseitigen Rücksichtnahme.

Nun sind es in der Stadt nur 16 Prozent Christen. Die Mehrheit der Leipziger muss sich nach einer religiösen Minderheit richten...

Die Aufgabe in einer Demokratie ist es, Minderheiten zu schützen. Zumal, die übrigen 84 Prozent die Feiertage ja auch mitfeiern. Da kommt keiner und sagt, die Kirche macht mir das Grundrecht auf Arbeit streitig.

Ich frage Sie als Pfarrerin, als Christin...kann ein Mensch ohne Glauben ein erfülltes Leben führen?

Natürlich. Das kann er. Wer bin ich, dass ich darüber urteilen könnte. Ich glaube zwar, dass es als Christ einfacher ist (lacht), denn wir müssen unser Leben nicht ständig neu definieren. Die Sinnsuche drängt nicht so sehr.

Zur Person:

Britta Taddiken, geboren 1970 im holsteinischen Pinneberg, lebt seit 2011 in Leipzig. Seit Januar 2014 leitet Sie die Gemeinde der Thomaskirche als 1. Pfarrerin.

Interview: Johannes Angermann

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