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Streicheleinheiten ehrenhalber durch Wunsch-Großeltern

Projekt eines Leipziger Vereins Streicheleinheiten ehrenhalber durch Wunsch-Großeltern

Sie kennen noch Bratapfel, Ofenrohr und Telegramm. Sie erzählen Märchen, backen Kuchen, stopfen Löcher, machen Mut. Sie gehen aber auch zur Arbeit, auf Reisen, treiben Sport – und hüten Enkelkinder. Großeltern sind nicht nur ein biologischer Status. Sie sind Bindeglied zwischen Generationen, vermitteln Werte und Wärme, die es nicht zu kaufen gibt. Innerhalb des Senioren- und Familienselbsthilfevereins (Sefa) sind rund 80 Leipziger als Großeltern ehrenhalber aktiv.

Renate Claus (62) vom Senioren- und Familienselbsthilfeverein verbringt gern Zeit mit Lisa (5). Deren Mutter Silke Förster (42) freut sich über die Entlastung.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Sie kennen noch Bratapfel, Ofenrohr und Telegramm. Sie erzählen Märchen, backen Kuchen, stopfen Löcher, machen Mut. Sie gehen aber auch zur Arbeit, auf Reisen, treiben Sport – und hüten Enkelkinder. Großeltern sind nicht nur ein biologischer Status. Sie sind Bindeglied zwischen Generationen, vermitteln Werte und Wärme, die es nicht zu kaufen gibt. Innerhalb des Senioren- und Familienselbsthilfevereins (Sefa) sind rund 80 Leipziger als Großeltern ehrenhalber aktiv. Denn nicht immer können, sollen oder wollen die „richtigen“ Omas und Opas helfen. 2001 als generationenübergreifendes Projekt gegründet, hat sich der Sefa-Großelterndienst zum unverzichtbaren Teil der Vereinsarbeit gemausert. Für fast 200 Mädchen und Jungen werden zurzeit immer noch liebevolle Senioren gesucht. „Viele Paare vermissen Großeltern, als Bezugsperson für ihre Kinder, aber auch als Ratgeber für sich selbst. Junge Eltern verfallen heutzutage oft in einen gewissen Aktionismus und sind dann überfordert. Oma oder Opa können helfen, werden manchmal sogar zum Retter einer Beziehung, fungieren als Mittler und Ausgleich. Großeltern leisten einen Großteil emotionale Arbeit – für die Kinder und auch für sich selbst“, sagt Vereins-Vize Annegret Tuchel (63), selbst Dreifach-Oma. „Meine Wunsch-Enkel sehe ich aber öfter.“

Renate Claus ist eine von 61 Wunsch-Omas. „Meine zwei Töchter haben noch keine Kinder“, sagt die Gohliserin. „Doch wir haben jetzt Lisa, und sie wird immer unser ältestes Enkelkind bleiben“, betont die frühere Diplom-Sozialarbeiterin und Erzieherin. Ihre Tätigkeit habe jedoch keine Rolle gespielt, als sie sich vor einem Jahr im Verein anmeldete. Seitdem ist Lisa donnerstags Mittagskind. „Sie ist ein ganz tolles normales Mädchen mit einem starken Willen“, sagt die Wunsch-Oma. „Ich dachte ja erst, wir könnten zusammen basteln, aber das wollte sie nicht. Sie möchte einfach nur Zuwendung. Am liebsten spielt Lisa Prinzessin – und ich übernehme alle anderen Rollen.“ Dabei lerne auch die 62-Jährige immer noch, „wie Kinder ticken“. Beide schauen sich aber auch mal einen Kinderfilm an. „So komme ich wieder einmal ins Kino.“ Hauptsächlich sei sie jedoch eine Oma zum Spielen. „Für drinnen und draußen. Jetzt darf ich allerdings auch etwas basteln. Einen Traumfänger. Denn manchmal hat Lisa abends Angst.“

„Vielleicht nähen Sie ihr ein Sorgensäckchen“, springt Dieter Maus (76) – einer von fünf Leipziger Wunsch-Opas – ihr gleich zur Seite. 2009 kam er aus der Gegend um Osnabrück an die Pleiße. „Ich war bereits Rentner, hatte Zeit und ich kannte jemanden aus dem Verein. Meine zwei Enkelinnen leben in Weimar. Mittlerweile hatte ich schon vier Wunsch-Enkel.“ Nicht immer lange, denn die Chemie müsse auch stimmen. Seit Februar 2014 ist er allerdings für Eric „Opa Maus“ – um nicht mit den leiblichen Großeltern zu kollidieren – und bereits ein ganz enger Vertrauter. Denn der inzwischen Siebenjährige ist Autist. Erics Eltern hatten sich beim Verein gemeldet, weil Oma und Opa zu weit weg leben. Nun holt „Opa Maus“ den Jungen mittwochs aus der Schule ab und geht mit ihm nach Hause. Lange Zeit fuhren beide zuvor noch mit der Straßenbahn zum Bahnhof, um den Modelleisenbahnen zuzusehen. Die Eltern seien froh, auch mal einen Nachmittag für sich zu haben. Der Leutzscher Senior mag Eric, der aufgrund seiner Entwicklungsstörung ein großes Maß an Vertrautheit brauche, durch Neues leicht verunsichert werde. „Als ich ihn mal aus dem Kindergarten holte, kam er auf mich zugeschossen und flog mir in die Arme. Das tat schon gut.“

Streicheleinheiten ehrenhalber verschenken und empfangen auch Christina (64) und Klaus (65) Jeikowski. Wie weitere drei Wunsch-Großelternpaare betreuen auch sie Enkelkinder auf Zeit. „Wir gehen gern mit Kindern um“, begründet Christina Jeikowski ihr Engagement im Verein seit 2010. Für zwei Familien mit jeweils drei Kindern seien „Tina“ und „Klaus“ aus Wahren momentan Freunde und Vertraute. Dabei haben die Chemikerin und der Chemie-Ingenieur sogar sechs eigene Enkel in Leipzig. „Unsere Schwiegertochter ist aber daheim und beschäftigt sich viel mit den Kindern.“ So kommen eben die drei Töchter der Alt-stedts aus Gohlis in den Genuss ihrer Zuwendung. Mit Marie, Lusia und Liara sind sie gern im Zoo, haben längst eine Jahreskarte. „Allein würden wir nie so oft dort sein und vieles gar nicht mitkriegen. Allein der neue Spielplatz ist toll“, schwärmt die Wunsch-Oma. „Anfangs war ich noch in Altersteilzeit, holte die Mädchen vom Kindergarten ab. Die Große war fünf, die Zwillinge anderthalb. Mittlerweile besucht das Trio die sechste und dritte Klasse, erledigt Hausaufgaben und übt mit „Tina“ und „Klaus“. Dienstags und mittwochs sehen Jeikowskis ihre Wunsch-Enkel, die eigenen am Wochenende. Ziemlich schnell habe sich ein gutes Verhältnis zwischen den Familien entwickelt, die die Hilfe der Großeltern ehrenhalber schätzen. „Wir sind Freunde geworden, zeigen den Kindern auch, wie wir leben. Wir machen das für die Kinder, die sich auf uns freuen, und für uns, weil uns das gut tut.“

Von Cornelia Lachmann

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