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Lokales Streik in Kita und Horten: „Mein Verständnis hat Grenzen“
Leipzig Lokales Streik in Kita und Horten: „Mein Verständnis hat Grenzen“
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19:31 21.03.2018
Kitastreik in Leipzig: Wie diesem Vater ging es vielen Eltern am Mittwoch, sie mussten Notangebote nutzen.  Quelle: André Kempner
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Leipzig

Eltern, die vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Kindereinrichtungen, die trotz groß angelegtem Streik eine Notbetreuung ermöglichen. Andere, die die Türen geschlossen lassen. Mittwochmorgen in Leipzig und die Stimmung in ganz Leipzig ist angespannt. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) riefen 1700 Beschäftigte in 63 Schulhorten und 47 Kitas zum Streik auf. Sieben Kindertagesstätten und 22 Horte blieben geschlossen, über 40 Einrichtungen waren mit deutlich reduziertem Personal lediglich eingeschränkt geöffnet.

7.10 Uhr in der Manetstraße. Monique Müller wartet mit einer noch fast leeren Liste im Eingang des Anna-Magdalena-Bach-Hort. Müller leitet die Einrichtung, die zumindest eine Notbetreuung bis 17 Uhr gewährleistet. „Die Resonanz der Eltern is weitestgehend verständnisvoll“, sagt sie. Sie muss am Streik-Tag mit deutlich weniger Personal auskommen. Trotzdem muss kein Elternteil befürchten, dass das eigene Kind nicht betreut wird. „Wir haben die Eltern lediglich darum gebeten, ihre Kinder so früh wie möglich wieder abzuholen, um die Situation zu entspannen.“ Viel weniger Kinder als üblich schreibt sie in die Anmeldeliste. „Viele Eltern haben schon reagiert und ihre Kinder nicht in den Hort gebracht“, erklärt die Einrichtungsleiterin.

Thomas Hansen ist in Eile. Es ist 7.28 Uhr und der 39-Jährige muss zur Arbeit. Eigentlich bringt er seinen Sohn Theo um diese Zeit in den Hort der Grundschule am Flossplatz. Heute nicht, denn der hat zu. „Ohne eine Bekannte, zu der ich Theo vor Unterrichtsbeginn bringen könnte und die ihn später auch von der Schule abholt, hätte ich nicht gewusst, wie ich‘s machen soll“, berichtet der Familienvater. „Mein Verständnis hat Grenzen, zum Beispiel hätte ich mir mehr Vorlaufzeit zum Planen gewünscht.“

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Diese Einrichtungen sind in Leipzig betroffen

Franziska Goslar (35) hat eine eigene Physiotherapie-Praxis. Wegen dem Hort-Streik an der Grundschule ihrer Tochter Fiona musste sie kurzfristig 15 Patienten absagen. „Vom Streik selbst habe ich am Abend vorher erfahren, da sind keine großen Planungen mehr möglich. Für mich als Selbstständige bedeutet der Streik also vor allem wirtschaftliche Einbußen“, klagt sie.

Hoffen auf den Arbeitgeber

Hans Lago (8) geht in die zweite Klasse der Grundschule am Flossplatz. „Meine Mutter kommt heute zu spät zur Arbeit, weil der Hort geschlossen hat. Das haben wir nur durch den Zettel erfahren, der an der Tür hängt.“ Weil der Streik so kurzfristig angekündigt wurde, konnte Mutter Rosalie Goetze (43) ihren Arbeitgeber nicht rechtzeitig informieren. Dass er auf ihre notgedrungene Verspätung mit Verständnis reagiert, kann sie nur hoffen.

Die Kindertagesstätte „Pusteblume“ in der Dahlienstraße ist immerhin eingeschränkt geöffnet. Zum Glück für Andreas Wirth (43), der seine Tochter Greta zur Betreuung abgeben kann. „Als Selbstständiger hätte ich meine Tochter sonst mit zur Arbeit nehmen müssen. Das geht vielleicht mal einen Tag, aber auch nur zur allergrößten Not.“ Betroffene Eltern und deren Kinder auf der einen Seite, die Beschäftigten von Kindertagesstätten und Horten auf der anderen.

Mittwoch, 11 Uhr: Auf dem kleinen Wilhelm-Leuschner-Platz in der Schillerstraße/Petersstraße versammeln sich Hunderte streikende Beschäftigte – zusammen getrommelt von GEW und Verdi. Wehende Fahnen, Rasseln, Pfeifen. Die streikenden Beschäftigten verschaffen sich Gehör. Einige von ihnen haben einen Button mit einer deutlichen Nachricht auf der Brust: „Ich bin es wert“ steht da.

Anja Pellmann (31) ist Erzieherin in der Integrationseinrichtung „Pfiffikus“ in Grünau. Vier von 25 Beschäftigten ihrer Einrichtung haben sich dazu entschlossen, zu streiken. „Es ist wichtig, Gesicht zu zeigen und vor allem laut zu sein“, sagt sie bestimmt. „Streiken und auf Missstände hinweisen ist ein Grundrecht, das wir nutzen müssen.“

"Es muss sich was ändern"

Der selben Meinung ist auch Konstantin Gemmeke. Der 24-Jährige ist Mitarbeiter im Joachim-Ringelnatz-Hort. Die Einrichtung blieb komplett geschlossen. „Mir geht es vor allem darum, dass die Ausbildung verbessert wird. Unbezahlte Blockpraktika, lange Ausbildungszeiten – da muss sich was ändern“, nennt er die Hintergründe, warum er sich am Streik beteiligt. Ein schlechtes Gewissen gegenüber den betroffenen Eltern seiner Einrichtung hat er nicht, auch wenn es ihm leid tut, dass der Streik so kurzfristig anberaumt wurde.

„Streik erfordert Mut“, sagt Jana Altenburger, die eigentlich im Hort der 60. Schule arbeitet, zur Kundgebung aber auf dem kleinen Wilhelm-Leuschner-Platz steht. „Ums Geld geht es mir gar nicht. Unser Beruf muss wieder gewürdigt werden“, sagt die 42-Jährige. „Wir arbeiten bei einem enorm hohen Lärmpegel, müssen permanent hohe Krankenstände ausgleichen.“

Deutliche Worte findet Oliver Greie. Er ist Verdi-Landesbezirksleiter für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auf der Bühne der Kundgebung findet er deutliche Worte – und bekommt dafür lautstarken Zuspruch. „Die Arbeitgeber sind so dreist in den Verhandlungen, dass man kotzen könnte.“ Für ihn sei das eine Sauerei sondergleichen. Nach ihm betritt GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse die Bühne. „Ich bin froh, dass ihr der Angstmacherei der Arbeitgeber nicht auf den Leim gegangen seid“, ruft sie ins Mikrofon. Und sie warnt: „In den Leipziger Kitas ist es fast schon zu spät. Wohin eine Nachlässigkeit der Mitarbeiter führen kann, sehen wir jetzt ganz deutlich in den Schulen.“ Wenn es so weitergehe wie bisher, habe man bald riesige Lücken.

Am 15. April beginnt die dritte Verhandlungsrunde in Potsdam. „Kommt es dort zu keinem Ergebnis, müssen wir nochmal raus“, sagt Oliver Greie.

Von Stephanie Helm

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