Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Suche nach Leipziger Kita-Plätzen bleibt reine Nervensache
Leipzig Lokales Suche nach Leipziger Kita-Plätzen bleibt reine Nervensache
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 13.06.2018
Mehrfaches Abklappern von Kitas und Tagespflege, Gerichtsverfahren und scheinbar endloses Warten: Marie Zscherp, Anja Dietze mit Tochter Charlotte, Monika Schnoeckel mit Sohn Artur und Ehemann Robert (von links) kämpfen um Kita-Plätze. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Wenn sich Robert Schnoeckel mit anderen Eltern auf dem Kinderspielplatz unterhält, taucht die Frage immer wieder auf: „Habt ihr jetzt einen Platz?“ Antworten darauf sind für den Vater des einjährigen Artur wie der Seismograph auf einer trostlosen Landschaft, der täglich neue Ausschläge anzeigt. Fast fünf Jahre seit In-Kraft-Treten des Anspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder gilt weiterhin: Wer eine Krippe oder einen Kindergarten für seinen Sprössling sucht, braucht starke Nerven, Geduld – und oft einen Anwalt. Auch und erst recht in Leipzig.

Robert Schnoeckel (32) und seine Frau Monika (31) hatten vor mehr als einem Jahr den Betreuungsbedarf für Artur zum 1. März 2018 angemeldet. Das bisher einzige Angebot kam Ende Februar zum 1. September; wegen des späten Betreuungsbeginns lehnten sie ab, weil der Vater zurück in den Job musste. Eigentlich. Nach wie vor ist er zu Hause für seinen Sohn da und führt einen Kampf, dessen Ende nicht in Sicht ist. „Ich habe rund 30 Kitas abtelefoniert, immer war die Antwort: ,In diesem Jahr gibt es keinen Platz für Artur.‘“

Der Besuch bei einer Tagespflege entpuppte sich als Flop, „weil von Pflege augenscheinlich keine Rede sein konnte“. Die Familie wendete sich an die Organisation Juniko, spezialisiert darauf, bei Behörden nachzuhaken und den Rechtsanspruch auf einen Platz durchzusetzen. Dieser letzte Schritt führt grundsätzlich zum Erfolg, wie auch Juniko-Chefin Mandy Rost bestätigt, allerdings „machen wir die Erfahrung, dass einige Familien deutlich länger warten müssen als andere“, sagt sie. „Das ist auch für uns nicht nachvollziehbar.“

Fast zwei Monate sind seit dem Gerichtsbeschluss vergangen. Längst hat Vater Schnoeckel auch die fünf privaten Leipziger Kindergärten erfolglos abgeklappert. Der Angestellte eines Business-Thinktanks ist seit dem 1. April beruflich weitestgehend freigestellt, pro Monat arbeitet er 20 Stunden für die Firma. „So viel Kulanz bietet nicht jeder Arbeitgeber“, betont Schnoeckel.

Auch Anja Dietze, Angestellte der Stadt Markkleeberg, ist froh über das Verständnis für ihre Situation: Seit ihrem Mutterschutz arbeitet sie nicht mehr, würde aber längst wieder am Schreibtisch sitzen, gäbe es eine Betreuung für die einjährige Charlotte. Folgenlose Anmeldung beim Elternportal, Abblitzen bei Kindergärten und Tagespflege, Anmeldung bei Juniko – all das hat die 27-Jährige ebenfalls hinter sich.

Rund 400 Klagen gegen die Stadt Leipzig gab es 2017, mit Stand 31. Mai liegen laut Jugendamt bislang 249 Klagen und 237 vorläufige Rechtsschutzverfahren fürs Jahr 2018 vor, betroffen seien 266 Kinder. Rechtsanwalt Steve Winkler, dessen Kanzlei mit Juniko zusammenarbeitet, findet dennoch, dass sich in Leipzig „aus juristischer Sicht die Lage seit 2013 erheblich entspannt hat“. Allerdings, so räumt er ein, nicht für die persönlich Betroffenen. Winkler begegnet täglich dem Gefühl von Müttern und Vätern, von der Kommune im Stich gelassen zu werden – und einer wachsenden, existenziell angespannten Situation. „Wir hängen völlig in der Luft. Inzwischen fragt mein Arbeitgeber regelmäßig nach, wann ich zurückkomme“, berichtet Dietze. Verlust des Jobs, auch diese Angst ist präsent. Jurist Winkler klärt dazu auf: „Wenn der Arbeitsplatz verlorengeht oder nicht angetreten werden kann, kann ein Anspruch auf Entschädigung in Höhe des monatlichen Einkommens bestehen.“

Wer rechtzeitig alle Anträge gestellt und sich bei Juniko angemeldet hat, für den begrenzen sich die Verfahrenskosten auf 250 Euro Eigenanteil. Doch nicht jeder weiß das – und nicht jeder kann das. Winkler macht zwei Entwicklungen aus: „Es ist zu befürchten, dass diejenigen, die nicht das Gericht in Anspruch nehmen, es künftig erheblich schwerer haben werden.“ Und: Im Rathaus wende man einen juristischen Trick an, um Zeit zu schinden. Die Stadt warte, bis das Gericht ein Zwangsgeld gegen sie festsetzt, und verschaffe sich bis zur Umsetzung des gerichtlichen Beschlusses zwei bis drei Wochen Luft. „Im Endergebnis verursacht diese Politik aber Kosten in Form von Schadensersatzverfahren, die erst in zwei bis drei Jahren so richtig zu Buche schlagen werden.“

Diese zusätzlichen vermeidbaren Zwangsvollstreckungsverfahren – Win-kler spricht von Hunderten – sorgen für einen Berg an Arbeit, unter der die Richter ohnehin ächzen. Die Stadtverwaltung widerspricht deutlich: „Diese Aussage ist nicht korrekt und wird von uns entschieden zurückgewiesen.“ Man sei sich der gesetzlichen Verpflichtung sehr bewusst, sagt Jugendamtsleiter Nicolas Tsapos. Er betont: „Sobald bekannt ist, dass ein Platz frei wird, wird dieser sofort wieder vergeben.“

Was bleibt, ist der alte Vorwurf, dass die Kommune den Babyboom verschlafen hat. Marie Zscherp holte sich vor und nach der Geburt ihres einjährigen Sohnes Jakob Abfuhren wie Dietze und die Schnoeckels ab. „Das Pendeln zwischen Hoffen, Scheitern, Verzweifeln und wieder Hoffen stumpft ungemein ab“, stellt die 25-Jährige fest. Und Dietze ergänzt, „dass die Elternzeit nicht dafür da sein sollte, sie mit Bewerbungen und Terminen beim Anwalt zu verbringen“.

Schritt für Schritt soll sich die Lage nun bessern. „Nach derzeitigem Stand werden gegen Ende 2019 die Bedarfe gedeckt sein“, kündigt Amtsleiter Tsapos an. Rund 5000 neue Betreuungsplätze in Kitas sollen entstehen. Auch über das kommende Jahr hinaus seien weitere Einrichtungen, Erweiterungen und Sanierungen geplant, „damit dem Geburtenwachstum Rechnung getragen wird und die Bedarfe künftig abgedeckt werden können“.

Robert Schnoeckel und Familie tröstet das aktuell wenig. Den Verdienstausfall stellt er hinter die Bedürfnisse seines Sohnes: „Diejenigen, die das Ganze vor allem ausbaden, sind die Kinder, die das Bildungsangebot nicht bekommen und weniger soziale Kontakte haben.“ Marie Zscherp kennt Leute, „die eigentlich ein zweites Kind wollten. Angesichts dieser Situation sind sie davon abgerückt.“

Von Mark Daniel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit einer Protestaktion vor dem Generalkonsulat der Russischen Föderation haben sich Leipziger Fußballfans an einer bundesweiten Aktion von „Queer Football Fanclubs“ beteiligt. Damit wollen sie auf die Situation der LGBTI-Gemeinde in Russland hinweisen.

10.06.2018

Am Wochenende war ordentlich was los in Leipzig: Dieter Thomas Kuhn, das Summeropening im Belantis und Hollywood-Star Kiefer Sutherland lockten tausende Menschen ins Freie.

10.06.2018

Er ist schon nach einem Tag Leipzig-Fan: Der neue US-Botschafter Richard Grenell sprach mit der LVZ über seine Begeisterung für die Messestadt, sein umstrittenes „Breitbart“-Interview und gab Einblick in seine diplomatische To-do-Liste.

11.06.2018
Anzeige