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Lokales Syrischer Flüchtling gestaltet Zeitungsseiten der LVZ
Leipzig Lokales Syrischer Flüchtling gestaltet Zeitungsseiten der LVZ
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09:03 12.02.2019
Über diese Route floh Ahmad Al Harbi vor dem Krieg in Syrien nach Halle.
Leipzig

Ein junger Syrer lernt seit August beharrlich, Zeitungsseiten für die LVZ zu gestalten. Drei Tage die Woche kommt er aus Halle zum Praktikum nach Leipzig, an zwei Tagen besucht Ahmad Al Harbi eine Schule für Mediengestalter. Nach dem Fachabitur will er Polizist werden. Der 20-Jährige verfolgt dieses Ziel so strebsam, wie es sich viele Eltern für ihre Zöglinge wünschen würden.

Vor einem Jahr stirbt die Mutter bei Luftangriffen

Der Antrieb des jungen Syrers ist seine Mutter. Sie kam vor einem Jahr bei Luftangriffen auf die Stadt Deir ez-Zor am Euphrat im Nordosten Syriens ums Leben. Seit Jahren bestimmt der sogenannte Islamische Staat (IS) das Leben in der Stadt. Al Harbis Mutter war zu Hause, als sie starb; sein Vater und die Geschwister machten Besorgungen in der Stadt. Die Trauer sitzt tief, Al Harbi lebte damals bereits in Halle. Nie wieder wird er seine Mutter sehen. Sie habe auch an ihn geglaubt, wenn alle anderen über seinen Traum, einmal Polizist zu werden, gelacht haben. Nach ihrem Tod fiel der junge Syrer in ein tiefes Loch. „Ich habe gedacht: Was mache ich jetzt?“, erinnert er sich. Irgendwann raffte er sich wieder auf, beschloss, ein Fachabitur als Mediengestalter zu machen. Denn die Polizeiausbildung bleibt ihm bislang verwehrt: Al Harbi benötigt dafür eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Alle anderen nötigen Dokumente und Abschlüsse hat er sich bereits erarbeitet.

An türkischer Grenze schießt Grenzschutz auf 16-Jährigen

Ahmad Al Harbi kam am 6. November 2015 in Halle an. Damals war er 16 Jahre alt. Einen Monat und sieben Tage dauerte seine Flucht aus dem vom IS kontrollierten Gebiet über das Mittelmeer bis nach Mitteldeutschland. In Aleppo verharrte der 16-Jährige, der allein unterwegs war, etwa vier Tage. Gefechte zwischen IS und Freier Syrischer Armee hinderten ihn an der Weiterreise. An der türkischen Grenze wurde er dreimal erwischt und zurück nach Syrien gebracht. Beim vierten Mal gelang ihm der Grenzübertritt. „Alles war dunkel, der Grenzschutz hat uns gesehen und geschossen“, erinnert sich Al Harbi. Er rannte mit vier weiteren Personen durch einen Wald, sie kamen in ein Dorf, nahmen den Bus nach Izmir.

Sein Vater hatte ihm in Deir ez-Zor etwas Geld gegeben. Nach Izmir überwies ihm sein Onkel aus Katar eine größere Summe. 1100 Euro habe die Überfahrt auf die griechische Insel Chios gekostet. „Es war der schwierigste Teil der Flucht“, sagt Al Harbi. Etwa 40 der rund 60 Menschen im kleinen Schlauchboot sind angekommen, die anderen sind ertrunken. Mitten im Meer seien die Wellen stärker geworden. „Es war dunkel, man sah nur weit weg die Lichter von Griechenland“, erinnert sich der junge Mann. Etwa 300 Meter vor der Küste von Chios sei das Schlauchboot auf Steine gelaufen und untergegangen. Die Insassen waren dem Meer ausgeliefert. Al Harbi hatte als Kind im Euphrat schwimmen gelernt. Seine Rettung. Vor allem Frauen und Kinder sind bei der Überfahrt ertrunken. „Man sieht die Leute, aber man kann nichts machen.“ Wenn er sich erinnert, werden seine Augen groß, auf seiner Stirn bilden sich Falten. „Wir waren alle kaputt im Herzen, das war echt dramatisch“, schildert Al Harbi. Doch er wollte weiter, fuhr mit einem Boot nach Athen, mit dem Bus nach Mazedonien. Schließlich kam er in Passau an. Von dort wurde er nach Halle geschickt.

Ahmad Al Harbi möchte in Halle bleiben

Für den 16-Jährigen stand fest: Er will zur Schule gehen. Er lernte schnell Deutsch, machte seinen Hauptschulabschluss. Nach diesem besuchte Al Harbi die zehnte Klasse des Thomas-Müntzer-Gymnasiums in Halle, wurde sogar Klassensprecher. „Die ersten drei Monate waren echt schwierig“, doch seine deutschen Freunde hätten ihm immer geholfen. Auf Anhieb hat der selbstständige, strebsame Junge 2017 den erweiterten Realschulabschluss bestanden. Vor drei Monaten ist er in seine eigene Wohnung gezogen. Wenn er nicht lernt, boxt Al Harbi und trifft sich mit Freunden aus dem Gymnasium. Für den jungen Syrer steht fest, dass er in Deutschland bleiben möchte, am liebsten in Halle.

Mit Syrien verbindet er schlimme Erlebnisse: „Wir waren immer zu Hause, alle mussten Bärte tragen“, sagt Al Harbi. Auf den Straßen hätten Leichname gelegen, jeden Freitag wurden die Bewohner von Deir ez-Zor gezwungen, nach dem Gebet Enthauptungen beizuwohnen. „Mein Vater hat mir die Augen zugehalten, aber ich habe es gesehen“, erzählt der heute 20-Jährige. Kurz vor seiner Flucht habe er auf eine Wand Kritisches über den IS gekritzelt, danach sei er nicht länger sicher gewesen. „Entweder ich wäre getötet worden oder hätte für den IS kämpfen müssen“, sagt Al Harbi. Über Nacht floh er, verließ zum ersten Mal in seinem Leben seine Geburtsstadt. „Ich bin Hallenser geworden“, sagt er heute. Dennoch sorgt sich Al Harbi um seine Geschwister, die mit dem Vater mittlerweile nach Damaskus ge­flohen sind. „Dort ist es ein bisschen sicherer.“

Als Mediengestalter findet Al Harbi nach dem Tod seiner Mutter wieder ins Leben zurück. Die Arbeit im Newsroom der LVZ im Leipziger Peterssteinweg macht ihm Spaß, 800 Praktikumsstunden muss er insgesamt absolvieren. Im April wird er das Stundenpensum erfüllt haben. Bevor er die Chance bei der LVZ bekam, hatte er über 20 Absagen auf seine Bewerbungen erhalten. „Wir freuen uns, dass er bei uns lernt und uns bei der Produktion der Zeitung hilft“, sagte LVZ-Vizechefredakteur André Böhmer.

Sein Fachabitur will Al Harbi zwei Jahre später machen. „Danach kann ich hoffentlich auch Polizist werden“, sagt Al Harbi. Er hat einen Plan für sein Leben.

Von Theresa Held

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