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Techno-Geschichte im Kinoformat - Filmemacher arbeiten an Distillery-Dokumentation

Techno-Geschichte im Kinoformat - Filmemacher arbeiten an Distillery-Dokumentation

Es war die Nagelprobe für das Projekt „20 Jahre Distillery – Der Film“: Im Oktober des vergangenen Jahres startete die freiberufliche Fernsehjournalistin Janine Göhring eine Aktion auf dem Leipziger Crowdfunding-Portal „Vision Bakery“.

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Distellery- Kult-Club in Leipzig.

Quelle: Johannes Amm

Leipzig. Ihr Ziel: 6700 Euro zu sammeln, um die wichtigsten Kosten für ihr Vorhaben zu decken – eine Dokumentation über den Elektro-Club Distillery, der Mitte der 1990er-Jahre zu den bekanntesten Läden der Technoszene avancierte.

„In erster Linie brauchten wir Geld für die Ausleihe von Technik, für Lizenzgebühren von Archivmaterial, die Miete eines Kinos und die Produktion der DVDs“, erklärt Göhring. Gleichzeitig sei es aber ein Test gewesen, ob den Film überhaupt jemand sehen wolle. Und so saß sie zum Start der Aktion am Abend zusammen mit ihrem Team, bestehend aus den ebenfalls frei arbeitenden Stefan Leuschel (Schnitt), Johannes Amm und Benedikt Fitzke (beide Kamera) vor dem Rechner und verfolgte das Geschehen am Bildschirm.

Der Geldbalken füllte sich, bereits nach einem Tag war die anvisierte Summe erreicht. Als die Aktion nach einem Monat endete, hatten 416 Unterstützer insgesamt mehr als 14.000 Euro gesammelt. Kein anderes Projekt auf der Plattform war bisher erfolgreicher. „Damit hätten wir nicht gerechnet“, sagt Göhring. Was an zusätzlichem Geld da ist, kommt der Qualität des Films zugute, verspricht sie. So könne nun auch der Ton professionell auf Kinoformat gebracht werden. Farbkorrekturen werden vorgenommen und weitere Archivaufnahmen hinzugekauft.

Unterstützung von früheren Gästen

Einen besonderen Druck spüren sie und ihr Team deshalb allerdings nicht. „Wir wissen jetzt, dass wir fertig werden müssen“, sagt Cutter Stefan Leuschel. Er sieht die Resonanz eher als Motivation. Die hohen Erwartungen äußerten sich auch in zahlreichen Kommentaren und Zuschriften. „Drei Wochen lang kamen jeden Tag zehn E-Mails“, erinnert sich Janine Göhring. Ein Unterstützer schrieb: „Ich möchte den Film meinen Kindern zeigen.“ Andere schickten unaufgefordert ihre alten Distillery-Flyer zu oder erzählten, wie sie aus der Provinz mit dem Moped zum Club gefahren sind. Bezeichnend ist auch dieses Feedback: „Tja, am einfachsten wäre es wohl, wenn man die Bilder aus den eigenen Erinnerungen kopieren und hochladen könnte...“

Genau das ist der Anspruch des Filmteams. „Wir wollen vermitteln, was der Club damals bedeutet hat, wie es sich angefühlt hat, in den Neunzigern das erste Mal in die Tille zu kommen“, erklärt Stefan Leuschel. Die Distillery stehe exemplarisch für die Leipziger Nachwendezeit, für ein damaliges Lebensgefühl. „Connewitz war weitgehend ein rechtsfreier Raum. Ein paar Idealisten haben dort einfach Häuser besetzt und Party gemacht.“ Aus diesen illegalen Veranstaltungen entstand später die Distillery. „Das wäre so heute nicht mehr möglich“, meint Leuschel.

Depeche Mode als Überraschungsgäste

Der Zuschauer soll auf eine Reise geschickt werden, von den Anfängen 1992 hin zu den festen Standorten, erst in der alten Brauerei in der Biedermannstraße, später in der Kurt-Eisner-Straße. In kurzer Zeit stieg die Distillery zur Clublegende auf, lockte die DJ-Elite von Westbam über Cosmic Baby, Claude Young, Adam Beyer und Luke Slater nach Leipzig. Göhring verspricht: „Der Film wird Anekdoten erzählen, die den meisten bisher nicht bekannt sein dürften.“ So kamen 1993 die Synthie-Pop-Götter Depeche Mode als Gäste in die Distillery und feierten bis zum Morgen.

Nicht nur die Geschichte, auch aktuelle Entwicklungen sollen im Film thematisiert werden. Derzeit gibt es wieder eine Debatte um den Standort. Die Distillery steht auf einem ehemaligen Bahngelände, hier will die Stadt mit Wohn- und Geschäftshäuser errichten – der Elektro-Club ist im Weg.

Unterstützung für das Filmprojekt kommt inzwischen auch aus der DJ-Szene. Mehrmals schon gaben Künstler einen Teil ihrer Gage beim Distillery-Chef und Mitbegründer Steffen Kache ab, mit den Worten: „für den Film“. Zudem stellten viele Interpreten ihre Musik kostenlos zur Verfügung. „Einigen müssen wir uns dann jedoch noch mit der Plattenfirma und der Gema“, berichtet Göhring.

Weil viele ein Interesse an diesem Film hätten, sei es vergleichsweise einfach gewesen, Protagonisten für die Dokumentation zu gewinnen, sagt die Redakteurin. Neben aktuellen und früheren Gästen kommen die acht Gründungsmitglieder und Mitarbeiter wie der berüchtigte Türsteher Banane zu Wort. Außerdem wurden etliche DJs interviewt, darunter Daniel Stefanik, Matthias Kaden, Robag Wruhme, Chris Liebing und Matthias Tanzmann. Viele haben ihre ersten Schritte in der Distillery gemacht, bevor sie zu internationalen Stars wurden.

Archivaufnahmen gesucht

Als schwieriger gestalte sich jedoch die Suche nach Archivmaterial. Da der Club früher auf einem Privatgelände stand, wurde er von kommunaler Seite kaum dokumentiert. „Ohne die entsprechenden Bilder sind allerdings auch viele Aussagen der Interviewten nicht zu verwenden“, sagt Janine Göhring. Obwohl ihr Team bereits sechs Terabyte Daten angesammelt hat – 13 Interviews, fünf Stunden Archivmaterial und unzählige Fotos –, will es weiter nach geeigneten Bildern suchen. Zwei Monate geben sich die Macher noch für die Recherche. Parallel dazu haben sie schon mit dem Schnitt begonnen. Derzeit ist die Doku drei Stunden lang, am Ende sollen es nicht mehr als 60 Minuten sein.

Statt wie ursprünglich geplant im Frühjahr soll der Film jetzt im Sommer dieses Jahres Premiere haben. Stefan Leuschel sagt: „Wichtig ist das bestmögliche Ergebnis und nicht, in welchem Monat die Doku fertig ist.“ Die vier Filmemacher arbeiten seit Sommer 2011 größtenteils in ihrer Freizeit an dem Projekt. „Wir nehmen uns einfach den Luxus, den Film wachsen zu lassen“, sagt Leuschel. Und Janine Göhring schätzt: „Würden wir die ganzen Arbeitsstunden in Rechnung stellen, beliefen sich die Kosten wohl auf mehr als 60.000 Euro.“

Sie war es auch, die die Idee für den Film hatte. „Ich wollte ein eigenes Projekt machen, bei dem ich gegenüber keinem Sender verantwortlich bin.“ Wie ihre Mitstreiter teilt sie persönliche Erfahrungen mit der Distillery. „Anders geht es nicht. Sonst steckst du nicht so viel Zeit in den Film, ohne zu wissen, ob damit mal Geld zu verdienen ist.“ Ein Sender würde sich dem Thema nicht widmen, glaubt Göhring. „Techno ist dafür zu sehr Nische.“

„Underground war ein wichtiges Wort“

Natürlich hätten sich die Zeiten heute geändert, sagt Stefan Leuschel. Das Aufkommen der elektronischen Tanzmusik war damals eng mit einer Jugendbewegung verknüpft, bis irgendwann mit dem Erfolg auch die Kommerzialisierung kam. Auch die Distillery sei nicht mehr der gleiche Laden wie früher. „Zu Beginn hatten ein paar 18-Jährige Lust, Techno zu machen. Underground war damals ein wichtiges Wort. Irgendwann musste daraus etwas Professionelles werden.“ Und Janine Göhring ergänzt: „Lange hat der Club davon gelebt, dass es nicht um Geld ging.“

Einen Hauch von diesem Geist der Anfangstage habe sich die Distillery aber bewahrt, sind sich beide sicher. „Die Crew ist noch wie eine Familie, der Laden ist nicht schickimicki, viele engagieren sich ehrenamtlich.“ Dass auch das Publikum ein Gespür für das besondere Flair der Diskothek hat, wurde erst vor Kurzem wieder deutlich: Leser der in Berlin erscheinenden Musikzeitschrift „De:Bug“ wählten die Distillery auf Platz sechs der beliebtesten Elektroclubs im deutschsprachigen Raum.

Die Filmemacher der Distillery-Doku suchen noch Aufnahmen (VHS, Super 8 etc.) von Leipzig in den Nachwendejahren. Die Stadtansichten sollten den maroden Zustand der Bausubstanz und alltägliche Szenen auf der Straße zeigen. Eine Aufwandsentschädigung ist garantiert. Tipps und Hinweise per Mail an: tilledoku@googlemail.com.

Aus dem LVZ-Sonntag vom 3. Februar 2013.

Robert Berlin

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