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Tiefensees Thüringer Ambitionen stoßen in Leipzig auf Skepsis

Tiefensees Thüringer Ambitionen stoßen in Leipzig auf Skepsis

Die Nachricht, dass Leipzigs früherer Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) nun wahrscheinlich Wirtschaftsminister in Thüringen wird, fand gestern in der Messestadt höchst unterschiedliche Reaktionen.

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Wolfgang Tiefensee (SPD).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Einig waren sich Parteifreunde wie politische Gegner eigentlich nur in einem Punkt. Für den 59-Jährigen "wäre es ein endgültiger Abschied von Leipzig", wie Axel Dyck (58) formulierte. Der SPD-Fraktionschef im Stadtrat fügte sofort an: "Keine Frage, ministrabel ist er. Wenn er mich um Rat fragen würde, was er nicht tut, würde ich ihm aber dringend abraten, ein solches Amt unter einem linken Ministerpräsidenten anzutreten. Das wäre eine Zäsur."

Tiefensee - geboren in Gera - verweigerte zu DDR-Zeiten die Mitgliedschaft in der FDJ und den Wehrdienst in der NVA, vertrat 1989 die Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" am Runden Tisch. Er verfüge über "großes politisches Talent", sagte gestern Hinrich Lehmann-Grube (81, SPD), der ihn 1990 ins Leipziger Rathaus holte und später als seinen Nachfolger als Oberbürgermeister aufbaute. "Ich bin sehr skeptisch gegenüber einem Ministerpräsidenten von der Linken. Doch wenn sich Thüringens Sozialdemokraten Wolfgang Tiefensee holen, bekommen sie einen fähigen Mann."

Von 1998 bis 2005 Oberbürgermeister, wurde Tiefensee von vielen Leipzigern wegen Erfolgen bei Wirtschaftsansiedlungen (Porsche und BMW) oder der Olympia-Bewerbung geradezu verehrt. Bei seiner Wiederwahl als OBM im April 2005 gewann er 67,1 Prozent der Stimmen. Die Popularität sank schlagartig, als er sieben Monate später ein Wahlversprechen brach ("Mein Platz ist in Leipzig") und Bundesverkehrsminister wurde. Seit 2009 sitzt Tiefensee im Bundestag, schnitt in seinem Wahlkreis im Leipziger Süden aber nur noch schwach ab. "Die Leipziger haben ihm den Weggang nach Berlin übel genommen", meinte Parteifreund Dyck. "Wenn er in Thüringen Minister wird, wäre das die zweite Verabschiedung von der Stadt. Denn er müsste sein Bundestagsmandat und damit den Wahlkreis hier aufgeben."

Da Tiefensee über die sächsische SPD-Landesliste ins höchste deutsche Parlament einzog, würde dort für ihn gemäß der Liste Detlef Müller aus Chemnitz nachrücken. "Für Leipzig wäre das schon ein Verlust", so die hiesige SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe (34). "Wenn es so kommt, gratuliere ich Wolfgang Tiefensee aber herzlich dazu. Es ist doch klar, dass jemand, der Bundesminister und erfolgreicher OBM war, sich nicht auf Dauer mit der Rolle als wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion begnügen möchte." Kolbe weiter: "Koalitionen sind nie eine Liebesheirat. Auch in Thüringen nicht."

Ganz anders sah das Leipzigs neuer SPD-Chef Hassan Soilihi Mzé (32): "Ich persönlich verstehe diesen Schritt schon aus seiner Biografie heraus überhaupt nicht. Auch dürfte eine rot-rot-grüne Koalition mit nur einer Stimme Mehrheit sehr fragil bleiben. Er ginge mit dem Ministeramt also ein hohes Risiko ein."

14 Monate nach der letzten Bundestagswahl zeige Tiefensee erneut, dass "ihm Posten wichtiger sind als der Wählerauftrag", so der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Feist (49): "Die Rubrik 'Überzeugungen' auf seiner Internetseite kann er dann löschen." Leipzigs Linken-Chef Volker Külow (54) meinte, mit dem Amt in Thüringen sei "Tiefensees langjähriges Gastspiel in Sachsen vorbei. Vielleicht gewinnt er so einen weniger verkrampften Umgang mit der Linken." Nur Christian Meyer (34), Präsident des Fußballklubs FC International, war sich sicher, Tiefensee auch künftig oft in Leipzig zu sehen: "Uns hat er sehr geholfen. Sein Wechsel wäre mit Sicherheit ein Gewinn für Thüringen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.11.2014

Jens Rometsch

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