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Tour de Trafic – 100 Teilnehmer bei 4,5 Stunden Rundgang zu Leipzigs Verkehrsprojekten

Tour de Trafic – 100 Teilnehmer bei 4,5 Stunden Rundgang zu Leipzigs Verkehrsprojekten

In der Verkehrsplanung der Messestadt gibt es noch einiges zu tun. Darin sind sich alle einig, sowohl das Verkehrs- und Tiefbauamt, aktuelle und ehemalige politische Würdenträger als auch der Spaziergangswissenschaftler Betram Weisshaar.

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Bertram Weisshaar führt die Teilnehmer zu den zukünftigen und vergangenen Baustellen im Leipziger Verkehr.

Quelle: Clemens Haug

Leipzig. Rund 100 Teilnehmer haben am Montagnachmittag in einem viereinhalbstündigen Spaziergang einige der Knotenpunkte gegenwärtiger und vergangener Debatten über Leipziger Verkehrspolitk angesteuert.

Letztendlich hat Betram Weisshaar die gelbe Karte, auf der steht „Bock auf richtigen Verkehr“, nicht gebraucht. Ziehen wollte er sie, falls eine Debatte gar zu lang wird. Doch die diversen Kontrahenten waren stets diszipliniert und haben ihre Redebeiträge nicht übermäßig ausgedehnt - auch wenn es an vielen der insgesamt 14 Stationen der Tour genug Gesprächsstoff gab. Eingeladen hatte zu der Veranstaltung die Bundesstiftung Baukultur, die zusammen mit der Stadt Leipzig einen Thementag unter dem Titel „Wie stadtgerecht ist verkehrsgerecht?“ veranstaltet hat. Weisshaar vom Atelier Latent, der sich selbst gern als Spaziergangswissenschaftler bezeichnet, hatte die Führung konzipiert und angeleitet.

Bausünden aus den 70ern

Gegen 14.30 Uhr am Montagnachmittag startet die Gruppe vom Hauptbahnhof. „Wir sehen gleich einige Bausünden aus den 70er Jahren, für deren Umbau bislang die finanziellen Mittel gefehlt haben“, schickt Edeltraut Höfer, Amtsleiterin des Verkehrs- und Tiefbauamtes der Stadt, als Entschuldigung vorweg. Das Beispiel dafür ist die erste Station der Tour: Der Fußgängertunnel am Hotel Astoria hat keinerlei Rampen oder Aufzüge für Rollstuhlfahrer. Der Umbau, der die Unterführung barrierefrei machen soll, werde demnächst im Zusammenhang mit dem Bau der Höfe am Brühl angegangen, verspricht Höfer.

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"Bausünde aus den 70ern": Edeltrau Höfer, Leiterin des Verkehrs- und Tiefbauamtes (rechts), verspricht den Umbau der Unterführung am Hotel Astoria.

Quelle: Clemens Haug

Barrierefreiheit und ein respektvolles Miteinander aller Verkehrsmittel - Kraftfahrzeugverkehr ebenso wie Straßenbahnen, Fußgänger oder Radfahrer - sind die Kriterien, unter denen die Leipziger Verkehrsituation bei dem Rundgang beurteilt wird. Schlecht weg kommt zum Beispiel die Fußgängerquerung auf der Gerberstraße in Höhe des Westin Hotels: Als ob sie zu dem Termin bestellt worden wäre, versucht eine Rollstuhlfahrerin die dicht befahrene Straße just in dem Moment zu überqueren, als die Rundgangsgruppe ankommt. „Diese Straße ist offenbar angelegt worden, um eine innerstädtische Autobahn zu schaffen“, konstatiert Weisshaar. Die Fußgänger, die hier regelmäßig die Straße passierten, hätten das Nachsehen.

Gutes Verkehrskonzept: Der Zoo

Gut gelöst dagegen sei die neue Haltestelle am Zoo, sind sich alle Referenten einig. Da die Straße zu schmal sei, um die Haltestelle als Insel in der Straßenmitte anzulegen, habe man sich dazu entschlossen, auf der Zooseite Straße und Bahnsteig zusammenzulegen, erklärt Mirko Drache von den Leipziger Verkehrsbetrieben. Der Verkehr ist nun so geregelt, dass die Autos vor der Haltestelle warten müssen, wenn eine stadteinwärts fahrende Bahn ankommt. Die Fahrgäste können dadurch, dass die Fahrbahn gegenüber dem Gleiskörper leicht angehoben ist, bequem ebenerdig einsteigen.

Auch das neue Parkhaus gliedere sich optisch hervorragend in das Ambiente, lobt Felix Huber, Professor für umweltverträgliche Infrastrukturplanung und Stadtbauwesen von der Universität Wuppertal. Allerdings sei das Parkhaus wahrscheinlich das letzte, das in Leipzig gebaut worden sei, denn: „Wir kommen ins post-fossile Zeitalter.“ Autos mit Öl basierten Brennstoffen seien bald Vergangenheit. Die Zukunft gehöre kleinen Elektromobilen und Fahrrädern, so Huber. „Für die braucht man wenn überhaupt, dann andere, kleinere Parkhäuser.“

Opfer des Umbaus: Alte Straßenbäume

Vom Zoo führt der Weg die Gruppe in die neu gestaltete Emil-Fuchs-Straße. Hier scheiden sich die Geister. Weishaar bedauert, dass Vorgärten und alte Bäume einer Verbreiterung der Straße weichen mussten. Amtsleiterin Höfer freut sich hingegen, dass nun genügend Platz für den Radverkehr da sei. Nebenbei lernen die Zuhörer, dass sich die Stadt bei der Gestaltung neuer Gehwege mittlerweile wieder an den historischen Vorbildern orientiert. Wo es möglich ist, werden wieder die für viele alte Kopfsteinpflasterstraßen typischen Steinplatten verwendet.

Noch mehr Diskussionsstoff bietet sich den Rundgangsteilnehmern am Ranstädter Steinweg. Durch die Trennung von Autoverkehr und Straßenbahn – bei der Sanierung hat die Bahn einen eigenen Gleiskörper erhalten – sei nun kaum noch Platz für Radfahrer und Fußgänger, kritisiert Weisshaar. Höfer rechtfertigt: Das Problem liege in den Förderrichtlinien, nach denen Bundesmittel für die Sanierung des Öffentlichen-Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) vergeben würden. Geld gebe es nur, wenn die Bahn auf einer eigenen Spur fahre, die nicht vom Straßenverkehr mitbenutzt würde.

Kritik am Abriss der kleinen Funkenburg

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Nicht alle Rundgangsteilnehmer sind mit der Neugestaltung der Jahrnalle einverstanden.

Quelle: Clemens Haug

Große Probleme hatten die Stadtplaner vor allem beim Umbau der Jahnallee. Hier sei der eigene Gleiskörper für die Stadtbahn nicht möglich gewesen, weil die dortigen Geschäftsleute Abstellflächen für Autos vor ihren Häusern gefordert hätten, erklärt Lars Loebner vom Dezernat Stadtentwicklung und Bau. Deswegen habe man sich auf das Konzept der „dynamischen Straßenraumfreigabe“ geeinigt. Die Ampeln an den Enden der schmalen Passage von der Lessingstraße bis zum Waldplatz sind so geschaltet sind, dass die Straßenbahn stets dem Autoverkehr vorausfährt.

Generell sei die Verkehrsplanung gelungen, meint Loebner. „Die Jahnallee ist eine der meist befahrenen Magistralen der Stadt, die Hauptverbindung in den Westen. Trotz des starken Verkehrs steht hier keines der Häuser leer.“ Den ehemaligen Stadtbaurat Niels Gormsen stört an der Neugestaltung der Straße allerdings etwas ganz anderes. „Der Abriss der kleinen Funkenburg war komplett unnötig.“ Das Baudenkmal hätte man der neuen Haltestelle Leibnitzstraße nicht opfern dürfen.

Holprige Wege durch’s Musikviertel

Per Bus werden die rund 100 Spaziergänger von der Jahnallee zum Kreisverkehr an der Karl-Tauchnitz-Straße gebracht. Höfer erläutert das Konzept des Tangentenvierecks. Der Verkehr auf dem Innenstadtring soll später einmal unter anderem auf die Maschnerstraße und die Karl-Tauchnitz-Straße ausweichen. Das Problem darin sieht Bertram Weisshaar schon heute. „Im Internet kann man auf den Lärmkarten der Stadt sehen, bis wohin der Straßenkrach in die Parks hinein strahlt. Wenn Sie sonntags ins Grüne gehen, werden Sie sehen, dass sich die Leute erst da niederlassen, wo es ruhig ist.“ Grünflächen seien Erholungsflächen, der Park werde durch Verkehrslärm seiner erholenden Funktion beraubt.

Auch im Musikviertel, eigentlich eine der ersten Leipziger Wohnadressen, steht noch nicht alles zum Besten. Schon zu Beginn der Tour hat Weishaar drei Rollatoren an Teilnehmer mit den Worten verteilt: „Mit diesem Verkehrsmittel werden in Zukunft ja immer mehr Menschen unterwegs sein.“ Jetzt in der Beethovenstraße hat Rundgängerin Doreen Starke erhebliche Probleme mit dem Gefährt. „Die Schlaglöcher sind zu tief, die Lücken zwischen den Gehwegsplatten zu breit. Ich bleibe ständig hängen. Auf Asphalt fährt es sich mit dem Rollator wesentlich besser.“ Die Tour führt vorbei an einer versteckten Carsharing-Station. Thematisiert werden auch Kreuzungen, an denen die Gehwege nicht weit genug an die Fahrbahn heranreichen und Fußgänger zunächst an parkenden Autos vorbei müssen, um einen Blick auf den Verkehr zu haben.

Sorgenkind Georg-Schumann-Straße

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Dirk Zinner vom Magistralenmanagement.

Quelle: Clemens Haug

Vom als sehr gelungen gelobten Felix-Mendelson-Ufer neben dem Bundesverwaltungsgericht geht es wieder per Bus zum gegenwärtig größten Sorgenkind der Leipziger Verkehrsplaner, der Georg-Schumann-Straße in Möckern. Fünfeinhalb Kilometer misst die Magistrale, sie zieht sich durch mehrere Stadtteile. Per Audioguide bekommen die Rundgangsteilnehmer Meinungen von Anwohnern zu hören: Zu laut, zu viel Verkehr, zu viel Leerstand lauten die häufigsten Klagen. Im Informationszentrum Georg-Schumann-Straße versuchen Mitarbeiter der Stadt inzwischen Projekte zu koordinieren, die eine Aufwertung der Gegend bringen sollen. „Zwischennutzungen und experimentelle Lösungen spielen momentan eine große Rolle in unseren Konzepten“, erklärt Dirk Zinner vom Magistralenmanagement.

Ein knappen Kilometer westlich davon liegt schließlich das Ziel des Rundgangs. Nach viereinhalb Stunden erreicht die Gruppe das soziokulturelle Zentrum „Anker“. Die meisten Teilnehmer sind erschöpft – aber um einen guten Überblick zum Stand in Sachen Leipziger Verkehrspolitik reicher.

Clemens Haug

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