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Touristen erobern das Neuseenland - Neuer Wasserweg öffnet am Montag in Leipzig

Touristen erobern das Neuseenland - Neuer Wasserweg öffnet am Montag in Leipzig

Torsten Meier ist zufrieden. Die Geschäfte gehen gut im Ferienpark am Ufer des Markkleebergs Sees südlich von Leipzig. „Im Sommer wäre es schwer möglich, noch zwei Wochen zusammenhängenden Urlaub zu kriegen“, sagt der Bereichsleiter.

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Beliebt bei Touristen und Anwohnern: der Cospudener See.

Quelle: dpa

Leipzig. Alles ausgebucht.

Vor fünf Jahren hätte darauf niemand wetten können, da gab es den Ferienpark noch nicht einmal. Die 35 Ferienhäuser sind drei Jahre alt, und auch der See, an dessen Hang sie stehen, ist noch jung. Der 225 Hektar große Markkleeberger See ist einer von vielen im ehemaligen Tagebaugebiet im Leipziger Südraum, die nach und nach geflutet werden. Und so langsam kommen auch die Touristen.

„75 Prozent unserer Gäste sind aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Aber wir haben auch Zulauf aus anderen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland“, sagt Meier. Beim Blick aus dem Ferienhaus sehen die Besucher, wem sie das große Loch, das jetzt ein blauer Badesee ist, verdanken: Ein großer alter Bagger steht gegenüber in einem Bergbau-Technik-Park. An das Quietschen des Stahlungetüms können sich Mitarbeiter des Ferienparks noch gut erinnern, viele stammen aus der Region - zum Teil auch aus Dörfern, die der Tagebau zu DDR-Zeiten verschlungen hat.

Die Braunkohle hat die Vergangenheit des Leipziger Südens bestimmt und tiefe Wunden hinterlassen. Seit dem Mauerfall versucht der Bund, sie zu heilen. Die bundeseigene Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) flutet die Seen im ehemaligen Revier. Freizeit, Naherholung und Tourismus sollen die graue Tristesse der Tagebau-Restlöcher ablösen.

Und dringend benötigte Jobs bringen. Noch erinnern die etwas kahlen Hänge am Markkleeberger See an den Bergbau. „Ich sage immer: Auf den Kanaren haben sie auch nicht zehn Meter hohe Palmen hingestellt, die sind auch erst gewachsen“, sagt Hotelmanager Meier. Er nennt das Leipziger Neuseenland einen „Emporkömmling“.

Am kommendenen Montag wird der Aufsteiger eine neue Etappe bewältigt haben. Politprominenz aus der Stadt Leipzig und dem Land sowie stolze Planer wollen sich an einer Schleuse am Fluss Pleiße versammeln und den „Tag Blau“ feiern - die Freigabe eines hindernisfreien Wasserweges von Leipzig zum Cospudener See, ebenfalls ein ehemaliges Tagebau-Restloch.

Paddler, Kanuten und auch Ausflugsboote können künftig direkt aus dem Stadtzentrum ins Neuseenland fahren. Weitere Schleusen und Kanäle zwischen den Seen sollen folgen, so dass ein Verbund mit 200 Kilometern befahrbaren Gewässern entsteht. Allein der Bau der einen Pleiße-Schleuse hat 4,1 Millionen Euro gekostet, finanziert vom Freistaat Sachsen.

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Paddler, Kanuten und auch Ausflugsboote können künftig direkt aus dem Stadtzentrum ins Neuseenland fahren.

Quelle: dpa

Dass der „Tag Blau“ mit einem Jahr Verspätung gefeiert wird, ist ein bisschen symptomatisch für die Entwicklung des Leipziger Neuseenlandes. Es geht voran - wenn auch langsam. Uwe Steinhuber, Sprecher des Bergbausanierers LMBV, will sich die „Erfolgsgeschichte“ aber nicht kleinreden lassen.

„Sie müssen die Dimensionen sehen“, sagt er. 61 Gewässer betreut die LMBV in Mitteldeutschland, 111 in der abgelegeneren Lausitz. „Es ist toll, dass es überhaupt wird.“ 9,1 Milliarden Euro von Bund und Ländern sind bislang in die Sanierung der beiden großen Ex-Braunkohlereviere geflossen.

Dass sich an den Seen auch Leben einstellt, darum bemüht sich Sandra Brandt. Die 32-Jährige ist die Chefin des Tourismusvereins Leipziger Neuseenland, in dem sich rund 130 Tourismusanbieter und Kommunen zusammengeschlossen haben. Bei Brandt geht es nicht um Milliarden und Millionen, sondern um Projekte wie Naturlehrpfade am Grabschützer See oder Wasserwandern auf der Weißen Elster. Sie sagt:

„Es ist Tourismusentwicklung klein-klein. Es geht nicht von heute auf morgen, sondern es geht sukzessive. Aber es geht.“

Der Tourismus produziert auch Jobs - die in der leidenden Leipziger Region dringend benötigt werden. In der Messestadt lag die Arbeitslosenquote im Juni bei 12,3 Prozent. Zum Vergleich: In der genauso großen Landeshauptstadt Dresden war die Quote mit 9,6 Prozent deutlich niedriger. Wie viele Arbeitsplätze im Neuseenland, das von Bitterfeld im Norden bis Borna im Süden reicht, entstanden sind, sei aber schwer zu beziffern, sagt Brandt.

Rund 100 sollen es am Cospudener See sein. Dort tummeln sich Bistros, Bootsverleiher und Tauchlehrer, an sonnigen Sonntagen ist der See schon fast überlaufen. Der Ferienpark am Markkleeberger See hat laut Meier 50 Beschäftigte - „und wir haben keine Saisonarbeiter“.

Die Zahl der Übernachtungen im Leipziger Neuseenland sei von 267 000 im Jahr 2000 auf knapp 365 000 im vergangenen Jahr gestiegen, sagt Brandt. Das ist im Vergleich zum benachbarten Leipzig noch bescheiden; die Messestadt knackte 2010 die 2-Millionen-Marke. Aber das Neuseenland kann auch nicht mit großen Hotels werben. Kleine Pensionen und Ferienzimmer stehen den Gästen zur Verfügung. Meiers Ferienpark am Markkleeberger See ist mit 198 Plätzen ohne Aufbettung die mit Abstand größte Herberge.

„Er fehlt einfach ein schönes Familienhotel, vielleicht mit Konferenzbereich, mit Wellness“, sagt Tourismusmanagerin Brandt. Es klingt ein bisschen nach Wunschtraum. Bislang hat sich dafür noch kein Investor gefunden. Und selbst wenn einer käme, hätte er es vielleicht nicht leicht. Als vor einiger Zeit Pläne für ein Golfhotel am Cospudener See an die Öffentlichkeit kamen, meldete sich sogleich eine Bürgerinitiative zu Wort, Unterschriften gegen das Projekt wurden gesammelt. Man fürchtete Verkehr und eine Verschandlung des grünen Seeufers. Brandt nennt das dezent „Nutzungskonflikte“.

Tatsächlich sind die rund 20 Seen des Neuseenlandes nicht nur touristisch interessant, sondern auch zum Wohnen. Vor allem am Cospudener See, der zur Expo 2000 als erster fertig wurde, ist kaum noch ein freies Grundstück zu bekommen. Und die Preise an der ehemaligen Tagebau-Kante sind in astronomische Höhen geklettert: 550 Quadratmeter mit Seeblick werden für 350 000 Euro angeboten. Für Neubau-Immobilien, die sich vor zehn Jahren in einem kärglichem Umfeld recht zäh vermarkten ließen, werden Aufschläge von mehreren 10 000 Euro verlangt.

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Vor allem am Cospudener See, der zur Expo 2000 als erster fertig wurde, ist kaum noch ein freies Grundstück zu bekommen.

Quelle: dpa

Wer viel Geld für das Wohnen am See bezahlt hat, will sich die Idylle nicht verbauen lassen. Bezeichnend ist auch ein Streit um Motorboote, der voriges Jahr entbrannte. Die Landesdirektion Leipzig stieß ein Verfahren zur Schiffbarkeitserklärung für den Cospudener See und den Gewässerkurs nach Leipzig an. Sie sollte die bislang nötigen Einzelgenehmigungen für jedes Boot mit Motor ablösen. Sofort sahen Anwohner ihre Ruhe bedroht. Auch Naturschützer schlugen Alarm, weil der Wasserweg nach Leipzig durch den sensiblen Auwald führt. Das Verfahren zur Schiffbarkeit ist noch immer nicht abgeschlossen.

Diejenigen, die schon jetzt an den Seen ihr Geld verdienen, glauben fest an das Entwicklungspotenzial der „größten Landschaftsbaustelle Europas“, wie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) die Seenplatte vor seiner Haustür nennt. „Das Leipziger Neuseenland verkraftet noch ein bisschen was“, sagt Ferienpark-Manager Meier. Er könnte sich eine Jugendherberge vorstellen, oder eben ein Golfhotel - „um verschiedene Besuchergruppen anzusprechen“.

Brandt vom Tourismusverein hofft auf unternehmerische Kreativität und Mut, um die strukturschwache Region rund um die Seen aufzupäppeln. „Unsere Großväter haben alle im Bergbau gearbeitet. Aber das ist vorbei“, sagt die 32-Jährige. „Unsere Generation möchte hier auch eine Zukunft hier haben, nicht nur hier groß werden, sondern auch hier arbeiten. Wie brauchen auch Industrie und Gewerbe, keine Frage. Aber der Tourismus ist eine Chance.“

Birgit Zimmermann, dpa

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