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Trendforscher über Technologie-Vertrauen und das Sicherheitsgefühl

LVZ-Sicherheitsserie Trendforscher über Technologie-Vertrauen und das Sicherheitsgefühl

Freiheit entsteht auf Basis von Sicherheit. Erst wenn wir das Gefühl der Sicherheit haben, beginnen wir, uns frei zu bewegen. Ein Gespräch mit Trendforscher Harry Gatterer.

Unsere Erde: Einmalig schön, lebenswert, aber nicht immer sicher. Trendforscher Harry Gatterer rät dennoch zu mehr Lebensoptimismus statt Schwarzmalerei.
 

Quelle: dpa

Leipzig. LVZ: Wie passen der Wunsch nach Freiheit und das Bedürfnis nach Sicherheit zusammen?

Harry Gatterer: Freiheit entsteht auf Basis von Sicherheit. Wenn wir Kinder be­obachten, wird das ganz schnell klar. Wenn die Eltern da sind, und sie dadurch das Grundgefühl der Sicherheit haben, probieren sie Neues aus und wagen sich an Grenzen heran. Sie fühlen sich frei. So ist das bei uns Erwachsenen auch. Erst wenn wir das Gefühl der Sicherheit haben, beginnen wir uns frei zu bewegen. Wobei Sicherheit hier für jeden wieder etwas anderes bedeuten kann.

Das Bedürfnis nach Sicherheit steigt – was bedeutet das für die Anforderungen an Technologien der Zukunft, die dem Einzelnen und der Gesellschaft zugutekommen?

Technologie ist nicht die Lösung der Sicherheitsfrage, sondern die Kultur. Was ich damit meine betrifft unseren Umgang mit Technologie im Alltag. Wo vertrauen wir digitaler Technologie blind, wo hinterfragen wir und denken selbst. Am Ende ist Technologie immer nur ein Werkzeug, das unseren Alltag prägt.

Inwiefern ist Unsicherheit eine Zukunftschance?

Unsicherheit ist die Voraussetzung für Zukunft. Stellen Sie sich einmal vor, alles wäre zu 100 Prozent sicher. Dann würden wir nichts mehr tun, nichts infrage stellen, keine Neuerungen einführen, kein Wagnis eingehen. Unsicherheit erhöht und lenkt unsere Aufmerksamkeit, erzeugt Bedürfnisse und bringt uns in neue Richtungen. Auch hier ein Beispiel: Autofahren war vor 100 Jahren extrem unsicher. Trotzdem wollten immer mehr Menschen mit einem Motorrad oder Automobil unterwegs sein. Zuerst wuchs die Unsicherheit, es gab noch viele Unfälle und Verkehrstote. Die Zahl der Verunglückten ist aber im Verlauf der Zeit enorm gesunken, weil wir Regeln und Technologien entwickelt haben, so-dass wir uns heute eigentlich sehr sicher durch den Verkehr bewegen.

Die Gesellschaft der Zukunft ist geprägt durch die zunehmende Digitalisierung und Technisierung. Innovationen versprechen den Alltag der Menschen zu vereinfachen und das Zusammenleben zu revolutionieren. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie?

Die Technologisierung des Alltags hat in der Tat unser Zusammenleben schon auf den Kopf gestellt. Nehmen wir die Verbreitung von Wahrheit: Wem oder auch was ich glauben kann in einer Gesellschaft ist ein Grundpfeiler des Zusammenlebens. Dieses Grundvertrauen ist heute schlichtweg nicht mehr vorhanden. Wir wissen nicht genau, was stimmt und was nicht. Dieses fehlende Grundvertrauen löst bei uns Menschen psychologische Pathologien aus. Nicht umsonst sind wir erschöpft, ausgebrannt und dauernervös. Nun greift die Technologie aber in immer mehr und mehr Alltagsbereiche ein, und verunsichert uns schlussendlich in unseren Routinen. Denken wir an die Diskussionen rund um Jobsicherheit. Daher ist es, wie schon gesagt, im Moment nicht eine Frage der Technologie, sondern eine Frage der Kultur. Wie gehen wir mit der rasant zunehmenden Technologie im Alltag um? Das entscheidet über die Zukunftsfähigkeit.

Wie ändern sich die Berufsbilder von Sicherheitsexperten?

Der Sicherheitsbegriff muss sich erst neu ausdifferenzieren. Nehmen wir Künstliche Intelligenz. Die Auswirkung von selbstlernenden Programmen in unserem Alltag ist kaum abzuschätzen. Daher bedeutet Sicherheit in dem Fall, dass viele Menschen auf dem Planeten mit diesen Algorithmen umgehen können, um im Bedarfsfall eingreifen zu können. Der Sicherheitsexperte müsste in dem Fall nicht jemand sein, der die Selbstregulation von Systemen von vornherein entwirft und zulässt. Die andere Seite ist das Sicherheitsempfinden. Dabei geht es um die Kompetenz von Individuen, und wie sie lernen sich in komplexen Umfeldern zu bewegen. Technologie, das muss man wissen, ist nie perfekt. Es werden sich immer Situationen ergeben, die nicht berücksichtigt werden konnten. Von daher ist agiles Reagieren können unmittelbare Notwendigkeit von Sicherheitsexperten.

Die Welt wird immer vernetzter. Die Wirtschaft der Zukunft wird durch vollkommen neue Technologien geprägt sein. Eine Entwicklung, die beim smarten Laden in der Nachbarschaft anfängt und bei einem globalen Netzwerk hochtechnisierter Firmen endet. Wie empfindlich sind in Zukunft solche Netzwerke gegenüber virtuellen Angriffen?

Was angegriffen werden kann, wird angegriffen. Die digitale Zukunft ist fragil, das ist nicht zu verhindern. Die Frage ist, wie wir Systeme bauen, in denen die Mischung aus Technologie und Mensch zu anti­fragilen Systemen werden kann. Das würde bedeuten, dass jeder Angriff, jeder Fehler, jeder Zusammenbruch das System verbessert. Das zu installieren, ist sicherlich die größte Aufgabe.

Wir leben in einer sich überschlagenden Zeit, die außer Kontrolle zu geraten scheint. Fukushima, Finanzkrise, Naturkatastrophen – wir hören von einem Desaster nach dem nächsten, und zwar in enormer Geschwindigkeit. Sicherheit hat eine hochemotionale Komponente. Werden wir in Zukunft weniger ängstlich sein, weil wir Equipment an und um uns haben, das uns Sicherheit verspricht?

Hochemotional trifft es. Denn immer wenn wir emotional sind, neigen wir dazu, Tatsachen zu ignorieren. Daher muss ich diese Aussage entschieden zurückweisen. Wir leben in einer Zeit in der mehr Menschen denn je Lesen und Schreiben können, mehr Menschen denn je etwas vom Wohlstand der Welt abkriegen, weniger Menschen denn je durch Kriege und Naturkatastrophen umkommen. Wir haben nur die Kontrolle über unsere Gedanken verloren. Wir sehen die Welt nicht mehr, und ignorieren dem Hype zuliebe die Fakten. Darin ist das eigentliche Problem unserer Zeit zu suchen. Es ist also nicht ein Equipment, das wir brauchen, um uns sicherer zu fühlen. Es ist schlichtweg unser Denken, unsere Kultur oder das, was man gerne als Mindset bezeichnet. Wir leben, so muss man das formulieren, in der besten Zeit, die wir Menschen je auf diesem Planeten verbracht haben. Wir tun uns aber extrem schwer, dies anzuerkennen. Stattdessen malen wir uns die Welt schwarz.

Von Simone Liss

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