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Tschüss, Ratsversammlung - Ausscheidende Leipziger Stadträte nehmen Abschied

Tschüss, Ratsversammlung - Ausscheidende Leipziger Stadträte nehmen Abschied

Heute heißt es Abschied nehmen: Für Michael Burgkhardt (69), Ingo Sasama (54) und Wolfram Leuze (75) geht die politische Karriere zu Ende. Für den Rat, der nach einer der von der Rechtsaufsicht angeordneten Teilneuwahl knapp vier Monate dranhängen musste, endet die Legislatur.

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Der Stadtrat tagt (Archivbild).

Quelle: Regina Katzer

Leipzig. Die ältesten und dienstältesten Aussteiger blicken zurück.

Michael Burgkhardt (Bürgerfraktion):

Mit sechzig hat man fast alles hinter sich, das muss man einfach akzeptieren..." - dies lässt Henning Mankell seinen Kurt Wallander sagen. Der Schwede ist der Lieblingsautor von Michael Burgkhardt, dem stadtbekannten Facharzt für Allgemeinmedizin und Urologie. Er ist bereits 69 Jahre jung und lässt zumindest eins hinter sich: sein Mandat im Stadtrat. Mit Burgkhardt verabschiedet sich heute einer der dienstältesten Stadträte, die wichtige Entscheidungen in den vergangenen Jahrzehnten mitgeprägt haben.

"Wehmut habe ich nicht. Es ist Zeit, mich mehr meinen Enkeln und vielen anderen Dingen zu widmen", sagt Burgkhardt, der erstmals im Mai 1989 als Stadtverordneter ins Rathaus zog und später in der demokratisch gewählten Gemeindevertretung über fünf Wahlperioden die Geschicke seiner Stadt mitbestimmte. Zwei Jahre "fehlen" dem Facharzt mit eigener Praxis in der Gletschersteinstraße als Mandatsträger, da er zwischenzeitlich den Rettungdienst der Stadt leitete. Zuletzt hat der Chef der Bürgerfraktion, der im Juli 2009 aus der FDP ausgetreten ist, noch einmal für das Neue Forum kandidiert. "Man hat mich gebeten, weil wir in der Fraktion immer gut zusammengearbeitet haben", betont er und war nicht enttäuscht, dass er nicht genügend Stimmen ziehen konnte, damit das Neue Forum überhaupt wieder in den neuen Rat kommt.

Leipzig. Heute heißt es Abschied nehmen: Für Michael Burgkhardt (69), Ingo Sasama (54) und Wolfram Leuze (75) geht die politische Karriere zu Ende. Für den Rat, der nach einer der von der Rechtsaufsicht angeordneten Teilneuwahl knapp vier Monate dranhängen musste, endet die Legislatur. Die ältesten und dienstältesten Aussteiger blicken zurück.

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Die spannendsten Tage waren jene kurz nach der politischen Wende, als die Verwaltung neu aufgebaut wurde. Damals mussten Entscheidungen quasi wie am Fließband getroffen werden. Von Anfang an gehörte Burgkhardt dem Bewertungsausschuss an, den er die letzten drei Wahlperioden auch leitete. Dort musste über Menschen befinden, die für das Ministerium für Staatssicherheit gespitzelt haben. "Es gab geradezu ekelhafte Bespitzelungen, aber auch viele Banalitäten, die zeigen, wie sich Menschen dem System angedient haben." Und ein wenig makaber war es schon, sagt er, dass der erste enttarnte Spitzel ausgerechnet der damalige Vorsitzende seiner Partei war. "Die Arbeit im Stadtrat war hochinteressant und hat meinen Horizont erweitert. Ich bin stolz, was wir ehrenamtlich erreicht haben für ein eher bescheidenes Salär", betont Burgkhardt, der gern klare Worte findet. Etwa gegen den Einzug der NPD in den Rat, was er durchaus ein wenig als Niederlage empfindet.

Mit Wolfram Leuze, dem ältesten Stadtrat, will er übrigens auf der Wiese vor Hugendubel noch eine gute Flasche Rotwein trinken. Der Arzt will beweisen, das nicht jeder, der in den Öffentlichkeit Alkohol trinkt, unbedingt asozial sein muss. Solche Debatten hat der langjährige Rettungssanitäter, der auch Drogensüchtige betreut und immer klare Worte zur Drogenpolitik findet, geprägt. Der im Ehrenamt Chef von 11000 organisierten Notärzten will sich auch künftig einmischen. Aber eben auch mehr Zeit nehmen für die Betreuung der Enkel oder Hobbys wie seine Sammlung von Modell-Feuerwehr- und Krankenautos. Oder seine Bücher, darunter jene von Mankell. Mathias Orbeck

Ingo Sasama (Grüne):

Vor der ersten entscheidenden Rede ist der Stiftzahn abgebrochen. Doch die Opposition hat Ingo Sasama (54), der fürs Neue Forum im November 1989 in die Stadtbezirksversammlung Südwest geschickt wurde, schnell einen Termin beim Zahnarzt besorgt. Damals hieß er noch Seidel, bevor er nach Trennung von seiner damaligen Frau wieder den Geburtsnamen Sasama annahm. Seit den ersten freien Wahlen sitzt er im Stadtrat, wo er heute seine letzte Rede halten wird. Thema: die Qualifikation von Stadträten im Aufsichtsrat.

Nach zwei stressbedingten Hörstürzen will und muss Sasama der Gesundheit zuliebe ein wenig kürzer treten. Deshalb hat der stets gut gelaunte Abgeordnete nach 25 Jahren Kommunalpolitik kein Mandat mehr angestrebt. "Ich möchte nicht mehr drei, vier Abende pro Woche in Stadtratsausschüssen zubringen, sondern auch mal pünktlich nach Hause kommen und mir Zeit für meine Familie gönnen." So ganz geht er freilich nicht, bleibt der Fraktion als Geschäftsführer erhalten, will den Jüngeren mit Rat und Tat zur Seite stehen. "Wir konnten das bündnisgrüne Projekt den Menschen nahebringen. Das sieht man auch an den kontinuierlichen Zuwächsen, auch bei den Wahlen. Mit meiner Arbeit bin ich sehr zufrieden", blickt Sasama zurück, der in Altlößnig ein Tanzhaus betreibt und zu dessen Firma der Bootsverleih am Auensee sowie der Radler-Treff am ehemaligen Elsterstausee gehört.

"Bürgernahe Demokratie will mit Leben erfüllt sein" - so sein Credo. Sein Name steht daher für eine bürgerfreundliche Verwaltung, für die er viele Ideen beigesteuert hat. Die Initiative, Bürgerämter einzurichten, gehört ebenso dazu wie Spielecken in Behörden, die bevorzugte Behandlung von Schwangeren und Familien mit Kleinkindern ... Sasama hat die Einwohnerfragestunde im Rat oder die Absenkung des Quorums für Bürgerbegehren initiiert. Als erster Chef des Petitionsausschusses begleitete er unzählige Bürgeranliegen und ist stolz darauf, dass eine seiner letzten Forderungen erfüllt wird - und es bald Online-Petitionen geben wird. Mathias Orbeck

Wolfram Leuze (Grüne):

Er ist der Grandseigneur des Stadtrates: Seit zehn Jahren gehört Wolfram Leuze der Ratsversammlung an, acht Jahre stand er an der Spitze der Grünen-Fraktion. Voriges Jahr erst legte der Schwabe den Vorsitz nieder. Jetzt verlässt Leipzigs ältester Stadtrat die politische Bühne und lüftet gegenüber der LVZ ein Geheimnis. Auf die Frage, was ihn 1991 bewogen hat, vom schönen Baden-Württemberg ins damals graue Leipzig zu ziehen, antwortet er kurz und knapp: "Das war die Midlife-Crisis."

Die Stadt Leipzig suchte damals jemanden für eine Mietrechtsberatung. Der Anwalt bewarb sich, bekam den Job. Schon bald zeigte sich, dass er die Dinge direkt angeht. Als die marode Telefonanlage in seinem Büro den Geist aufgab, sei er schnurstracks zur LVZ gegangen. "Da habe ich dem Redakteur gesagt, dass wir die Telefonberatung leider einstellen müssen. Heute hätte man dafür die Kündigung erhalten, damals gab es drei Tage später eine neue Telefonanlage."

Seit er 2004 das erste Mal in den Stadtrat gewählt wurde, verfolgte er ein Ziel: "eine konstruktive, aber relativ konsequente Oppositionspolitik". Sein Vorbild sind die Realo-Hochburgen Tübingen und Freiburg. "Wir dürfen nicht als Verbotspartei auftreten", schärfte er seinen Parteifreunden auch in Leipzig ein ums andere Mal ein. "Wir müssen die Bürger mitnehmen, um Verständnis für Politik zu erreichen". An seiner ökologischen Grundeinstellung ließ er nie rütteln. Gleichwohl sagt er: "Wer nicht kompromissbereit ist, hört auf Politik zu machen." Bei der Kommunalwahl 2009 fuhren die Grünen den Lohn dafür ein: Sie legten von zehn auf über 14 Prozent zu. "Es war der Beweis, dass der Bürger bereit ist, eine in sich schlüssige Politik anzuerkennen", so Leuze.

Legendär sind seine Reden, in denen er eine süffisant pointierte Sprache pflegte. Zum Kulturgutachten Actori sagte er einst: "Man hat mit den Flügeln geschlagen, aber den Abflug nicht geschafft." Besonders leidenschaftlich arbeitete sich der Realo-Grüne an Burkhard Jung (SPD) ab: "Der Oberbürgermeister wollte mit einem dreibeinigen Tisch regieren - jetzt hat er einen Melkschemel", erklärte er in der Debatte um eine Abfindung für den früheren Opernintendanten Maier. Dass er die Spitzenriege der Verwaltung für die Grünen öffnete, erfüllt ihn noch heute mit Stolz. "Das war ein hartes Stück Arbeit." Was er an Baubürgermeister Dorothee Dubrau schätzt? "Sie kann über sich lachen. Und: Sie ist eine Entscheiderin." Sein Verhältnis zum Rathauschef war oft schwierig, immer achtungsvoll, aber zuletzt auch von großem Misstrauen geprägt. "Jung hat die Fraktionen gegeneinander ausgespielt", wirft er ihm vor. "Ich wünsche dem neuen Stadtrat eine doppelte Portion Selbstvertrauen."

Beeindruckt habe ihn das bürgerschaftliche Engagement der Leipziger gegen Rechtsradikale."Daran zeigt sich, dass Leipzig eine weltoffene Stadt ist. Das wird hoffentlich so bleiben", sagt Leuze. Denn er will hier mit seiner Frau den Lebensabend verbringen. Leuze: "Reutlingen ist meine Heimatstadt, aber Leipzig die Stadt meines Herzens geworden." Klaus Staeubert

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.12.2014

Staeubert, Klaus

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