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Lokales Türkei verbietet Gast-Professorin die Ausreise
Leipzig Lokales Türkei verbietet Gast-Professorin die Ausreise
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22:05 07.05.2018
Istar Gözaydin Savasir, 59, Leibniz-Professorin des Sommersemesters 2018. Quelle: privat
Leipzig

Die Juristin Istar Gözaydin Savasir darf nicht die Türkei verlassen, um im Sommersemester an der Universität Leipzig zu forschen und lehren. Die 59-jährige Wissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin sollte im April für ein Semester die Leibniz-Professur antreten. Mit dem Hinweis auf ein schwebendes Verfahren erhält sie von ihrem Heimatland aber keinen Reisepass. Die bereits verschobene Antrittsvorlesung wird Mitte Mai notfalls über Skype nachgeholt.

Gözaydin Savasir saß von Dezember 2016 bis April 2017 in Untersuchungshaft. Vor zwei Monaten sprach sie ein Gericht vom Vorwurf frei, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Der Staatsanwalt ist jedoch in Berufung gegangen. Die Rechts- und Politikwissenschaftlerin spricht von einem kafkaesken Verfahren: „ohne Argumente, ohne Beweise“. Lediglich ihre potenzielle „Entschlossenheit, ein Verbrechen zu begehen“ führe die Strafverfolgungsbehörde an. „Als hätte ich ein paar Morde begangen und daraus eine Gewohnheit gemacht!“

Monika Wohlrab-Sahr, Direktorin des Leibniz-Programms, bedauert die Situation fachlich wie menschlich: „Für sie selbst ist es fürchterlich. Sie ist freigesprochen und trotzdem gefangen.“ Für das Forschungsprojekt „Multiple Secularities“ über Wechselwirkungen zwischen Religion und anderen gesellschaftlichen Sphären habe man sich wertvolle Einblicke von ihr erhofft. „Ihre Arbeiten zum institutionellen Verhältnis von Religion und Politik in der Türkei gelten als grundlegend“, so Wohlrab-Sahr. „Gleichzeitig mischt sie sich kritisch in politische Debatten ein und tritt für Menschenrechtsfragen und Rechtsstaatlichkeit ein.“ Als man sich entschlossen habe, Gözaydin Savasir zu berufen, habe man von der Anklage gewusst. „Aber wir wollten ein Zeichen setzen, und sie keinesfalls allein aus dem Grund nicht berufen, dass ihr ein Prozess gemacht wird.“

Nach dem Staatsstreich in Untersuchungshaft

Seit Jahren vermittelt Gözaydin Savasir zwischen religiösen Lagern und stand auch in Kontakt zur Gülen-Bewegung. Nach dem missglückten Staatsstreich vom Juli 2016, für den die türkische Regierung Gülen verantwortlich macht, verlor die Forscherin ihre Stelle an einer Gülen-nahen Privatuni. Die Lehranstalt wurde bald darauf per Notstandsdekret geschlossen, Gözaydin Savasir kam einige Monate später in Untersuchungshaft.

„Unabhängig davon, wer den Putschversuch verantwortet, ist der Gedanke absurd, dass Istar den Ideen der Gülen-Bewegung anhängt“, sagt der Leipziger Soziologe Markus Dreßler. „Um Brücken zu bauen, spricht sie einfach mit jedem, ob mit der Gülen-Bewegung oder der regierenden AKP.“ Dreßler hat Gözaydin Savasir 2008 an der Technischen Universität Istanbul kennengelernt. Als er dort vier Jahre lang lehrte, war sie Fachbereichsleiterin für Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Religionsfachmann vermutet, dass seine Kollegin auch wegen ihres zivilgesellschaftliches Engagements vor Gericht steht. Sie trat regelmäßig in einem regierungskritischen Fernsehkanal auf und moderiert eine Klassik-Musiksendung im Offenen Radio Istanbul.

Gözaydin Savasir geht selbst davon aus, „dass ich mit meinem Verhalten ein paar Autoritäten verärgert habe“. So sei etwa ihre Expertenmeinung zur Diskriminierung von Aleviten in der Türkei am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg in Regierungskreisen auf Missfallen gestoßen. Ebenso eckte ein Gutachten an, das sie in der Streitfrage um ein armenisches Kloster beim türkischen Verfassungsgericht einreichte.

„Eine kritische Haltung wird schnell kriminalisiert“

Die Juristin hat ihren Glauben an eine unabhängige Justiz in der Türkei nach eigener Aussage verloren. Das schwebende Verfahren kommt einem Berufsverbot gleich: Im gegenwärtigen politischen Klima „würde es keine akademische Institution wagen, mich anzustellen“, sagt sie. Seit Juli 2016 hänge das Familieneinkommen an ihrem Ehemann, einem Psychotherapeuten. Zu Jahresbeginn ist er allerdings schwer erkrankt und kann nicht mehr arbeiten. Damit wirkten sich die finanziellen Einbußen infolge des Ausreiseverbots noch schwerer aus.

Nach Einschätzung Dreßlers ergeht es Dreiviertel der kritischen türkischen Intellektuellen ähnlich: „Die politische Situation entzieht ihnen ihre Grundlage. Eine kritische Haltung wird schnell kriminalisiert.“ Zumal der Arm der Behörden offenbar nicht nur im Fall der Leibniz-Professur über die Landesgrenzen hinausreicht. Auch das Angebot, an einem EU-Projekt teilzunehmen, war hinfällig, nachdem das türkische Ministerium für Europäische Angelegenheiten Gözaydins Namen von der Liste gestrichen hatte.

Dabei hat Gözaydin Savasir längst internationale Meriten gesammelt. Ihr Studium absolvierte sie teilweise in New York, später war sie in den USA Fulbright-Stipendiatin und lehrte am Birkbeck College in London. Sie ist Mitbegründerin des türkischen Zweiges der Menschenrechtsorganisation „Helsinki Citizens’ Assembly“ und wurde 2017 von der Universität Oslo mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Die Leibniz-Professur gehört zu den höchsten Auszeichnungen der Leipziger Uni. Rektorin Beate Schücking setzt darauf, dass die Ausreise doch noch bald klappt: „Ich bin optimistisch und hoffe sehr, dass Frau Gözaydin Savasir nach Leipzig kommen und ich sie an der Universität persönlich begrüßen kann“, sagt sie. Doch selbst wenn im Sommersemester nichts mehr daraus wird, sei sie jederzeit willkommen, betont Leibniz-Direktorin Wohlrab-Sahr: „Sobald sie ausreisen darf, lassen sich die angedachten Workshops mit Doktoranden sicher rasch nachholen.“

Von Mathias Wöbking

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