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„Über Unister-Mitarbeiter freut sich jeder Investor“

Insolvenzverwalter Flöther im Interview „Über Unister-Mitarbeiter freut sich jeder Investor“

Der Rechtsanwalt und Sanierungsexperte Lucas F. Flöther (42) aus Halle prüft als gerichtlich eingesetzter vorläufiger Insolvenzverwalter die Überlebenschancen des Leipziger Online-Riesen Unister. Im LVZ-Interview spricht er über die Zukunft des Unternehmens, die Mitarbeiter und den Standort Leipzig.

Insolvenzverwalter Lucas F. Flöther.
 

Quelle: Sven Döring / Agentur Focus

Leipzig. Sie sind seit gut einer Woche als vorläufiger Insolvenzverwalter bei Unister eingesetzt. In den vergangenen Tagen wurde eine Zahl von 39,2 Millionen Euro genannt. Können Sie das bestätigen?

Zum aktuellen Schuldenstand kann ich nur mit der gebotenen Zurückhaltung etwas sagen – aus zwei Gründen: Zum einen befinden wir uns in einem nichtöffentlichen Verfahren, deshalb darf ich keine konkreten Zahlen und Fakten nennen. Zum andern fehlt uns zu den Verbindlichkeiten des gesamten Konzerns auch noch der umfassende Überblick. Die Buchhaltung ist nicht so aussagekräftig, dass wir die notwendigen Daten zügig ableiten könnten. Wir müssen uns das sehr mühsam erarbeiten.

Was bedeutet die Insolvenz für den Geschäftsbetrieb?

Der Geschäftsbetrieb sämtlicher insolventen Gesellschaften wird fortgeführt. Alle Altforderungen sind durch das Insolvenzverfahren eingefroren. Bezogen auf das aktuelle Geschäft arbeiten wir sehr konstruktiv mit Geschäftspartnern und Dienstleistern zusammen. Deshalb ist es uns in der ersten Woche gelungen, den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren. Sämtliche in der Vergangenheit gebuchte Reisen können stattfinden und auch alle jetzigen Buchungen sind sicher, damit die Kunden keinen Schaden erleiden.

Wie hat sich das Buchungsverhalten bei Unister seit vergangener Woche entwickelt?

Natürlich ist es so, dass die Insolvenz der Holding auch auf die einzelnen Portale abfärbt. Es wäre naiv zu sagen, da besteht keine Ansteckungsgefahr. Aber: Trotz im Moment eingeschränkten Marketings konnten wir die Buchungszahlen wieder stabilisieren – vor allem durch umfassende Information der Kunden. Das war enorm wichtig, um die Marken zu erhalten – im Hinblick auf die Fortführung und den Investorenprozess.

Betroffen sind auch Verbraucher, darunter 14 000 Kunden der insolventen Tochter U-Deals, die ihre Gutscheine nicht einlösen können. Sie haben eine kulante Lösung in Aussicht gestellt. Wie kann diese aussehen?

Wir prüfen das gerade. Denkbar ist zum Beispiel, dass ein Investor für die Gutscheine eintritt, zumindest teilweise, um weiteren Schaden vom betroffenen Portal abzuwenden. Die Werte der einzelnen Gutscheine liegen zwischen 120 und 160 Euro. Zur Einordnung der Zahl von 14 000 Kunden: Seit Jahresbeginn wurden von Portalen der Unister Gruppe insgesamt rund1,2 Millionen Buchungen abgewickelt.

Wie viele Investoren interessieren sich aktuell für einen Einstieg bei Unister, und ist die Holding insgesamt überlebensfähig?

Nach wie vor melden sich ständig Interessenten. Wir haben gerade eine renommierte M&A-Beratungsgesellschaft mit einem Spezialteam eingesetzt. Sie wird das Bieterverfahren und den Verkauf koordinieren. Gemeinsam gehen wir die einzelnen Angebote durch. Mit den Investoren nehmen wir schon in den nächsten Tagen die ersten Gespräche auf.

An welchen Portalen besteht das größte Interesse? Wie gefragt sind fluege.de und ab-in-den-urlaub.de?

Natürlich, das liegt auf der Hand, gilt das größte Investoreninteresse den bekannten Portalen. Wir haben aber auch Angebote für das Gesamtpaket, einzelne Teilbereiche oder einzelne Domains. Es ist wirklich ganz unterschiedlich.

Wann erfolgt der erste Verkauf?

Ein Verkauf kann aus insolvenzrechtlichen Gründen erst mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens erfolgen, das heißt in etwa zwei bis drei Monaten. So lange ist die Fortführung auf jeden Fall gesichert, und so lange erhalten die Mitarbeiter Insolvenzgeld. Wir sind also nicht gezwungen, einen schnellen Notverkauf durchzuführen. In dieser Zeit wollen wir mit der nötigen Ruhe, aber mit der gebotenen Zügigkeit eine Lösung finden.

Laut eines angeblich internen Papiers wollen Sie 100 Millionen Euro durch Verkäufe erzielen. Wie realistisch ist diese Zahl?

Das Papier hätte ich gern einmal gesehen! Nein, eine Bewertung kann es noch gar nicht geben, wir haben noch keine Werte zu einzelnen Assets zugeordnet. Da arbeiten wir gerade daran. Letztlich bestimmt aber der Markt die Werte. Wenn ich sehe, welche Nachfrage von Seiten der Investoren vorliegt, bin ich guter Hoffnung auch für die Gläubiger gute Preise zu erzielen. Wir dürfen aber nicht vergessen, es besteht neben der Veräußerung noch ein zweiter Weg. Auch die Gesellschafter oder deren Erben können Geld beschaffen, das Unternehmen mit neuem Kapital ausstatten und eine Eröffnung des Insolvenzverfahrens abwenden oder einen sogenannten Insolvenzplan vorlegen. All diese Möglichkeiten sind denkbar, letztlich entscheiden das die Gläubiger. Und als deren Interessenvertreter bin ich auch allen Lösungen gegenüber aufgeschlossen.

Wie viele der rund 1100 Arbeitsplätze lassen sich retten?

Im Moment bleiben alle Arbeitsplätze erhalten, es sind auch keine Entlassungen geplant. Im Unternehmen sind hochmotivierte Mitarbeiter, die wir überzeugen konnten, weiterzumachen. Unister hat nicht nur sehr starke Marken, sondern ist auch aufgrund seiner Mitarbeiterstruktur sehr zukunftsfähig. Das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt bei 31 Jahren. Die Mitarbeiter sind sehr leistungsbereit und dynamisch. Darüber freut sich jeder Investor, mit diesem Wert können wir wuchern. Das ist mit ein Grund für das hohe Investoreninteresse, und ich mache mir deshalb derzeit wenig Sorgen um die Erhaltung des Standorts Leipzig.

Halten die Mitarbeiter Unister noch die Treue oder hat inzwischen eine Abwanderung zu Wettbewerbern begonnen?

Wir haben alle Mitarbeiter über den aktuellen Stand informiert. Eine Kündigungswelle gab es bisher nicht. Im Gegenteil: Die überwältigende Mehrheit hat signalisiert, um ihre Arbeitsplätze kämpfen zu wollen.

Unister ist mehrheitlich an Travel 24 beteiligt. Wie sicher ist dieses Unternehmen?

Das zu beurteilen, ist Sache der Geschäftsleitung. Diese Gesellschaft ist ja nicht führungslos, sondern hat einen Vorstand. Die Insolvenz der Konzernmutter kann aber natürlich auch Auswirkungen auf andere Gesellschaften der Unternehmensgruppe haben. Deshalb sind wir mit dem Vorstand von Travel 24 eng im Gespräch.

Wie hat sich die Politik eingebracht?

Es gab bereits konkrete Hilfe. Die Stadt hat uns ganz praktisch unterstützt. Wir hatten keinen Raum für eine Mitarbeiterversammlung. Da hat die Verwaltung unbürokratisch Unterstützung angeboten. Mittelfristig kann sich unter Umständen das Land einbringen und Investoren mit Fördermitteln den Einstieg erleichtern.

Was macht Ihnen im Fall Unister Mut?

Dass wir im Vergleich zu voriger Woche so viel weiter sind. Trotz der schwierigen Lage nach dem Tod von zwei Gesellschaftern und einer Buchführung, die nicht genügend aussagekräftig ist, ist es gelungen, den Betrieb zu stabilisieren. Nach anfänglichen Irritationen sind bei den meisten Reisenden keine Schäden eingetreten. Das stimmt uns zuversichtlich.

Interview: Matthias Roth

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