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Lokales Unbekannte Frau beschert Leipzigs Diakonissenkrankenhaus eine Stiftung
Leipzig Lokales Unbekannte Frau beschert Leipzigs Diakonissenkrankenhaus eine Stiftung
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00:21 01.09.2017
Der Park des Diakonissenkrankenhauses konnte mit Geldern der Ilse-Schwarz-Stiftung wiederhergestellt werden.  Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Krankenhäuser leiden an chronischem Geldmangel. Von daher vermag man sich das Glücksgefühl vorstellen, wenn einem da eines Tages völlig unerwartet mal eben so 700.000 Euro quasi auf dem Silbertablett serviert werden. So geschehen im Leipziger Diakonissenkrankenhaus vor gut fünf Jahren, kurz bevor der damalige Theologische Geschäftsführer Hans-Christoph Runne in den Ruhestand ging. Eine bis dato hier allen unbekannte Dame tief im Westen, namens Ilse Schwarz, kinderlos 2008 in Wuppertal verstorben, hatte ihr ganzes Vermögen einer Stiftung zugedacht, die fortan das Leipziger Diakonissenhaus unterstützen sollte. Dass man daraufhin an der Pleiße ordentlich Baff war, müsse wohl nicht extra erwähnt werden, so Runne heute.

„Die Ilse-Schwarz-Stiftung wurde mit letztwilliger Verfügung der Frau errichtet und von der Landesdirektion Sachsen 2013 als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts mit Sitz in Leipzig anerkannt“, erzählt er. Wenngleich sich um die Anerkennung seinerzeit das Stiftungsmanagement der Commerzbank gekümmert und dafür fünf Jahre gebraucht habe. Der Stiftungsvorstand selbst – Runne wurde der Vorsitz zuteil – konstituierte sich dann 2014.

Recherchetour durch Archive

Wie der frühere Diako-Geschäftsführer meint, sei man nun freilich happy gewesen, mit so einem Stiftungsvermögen arbeiten zu können. Aber es beschäftigte schon, wer diese fremde Frau denn nun ist, von der außer ihrem schönen Batzen Geld scheinbar reinweg gar nichts erhalten geblieben war. „Sie hatte offenbar keine Angehörigen. Wir hatten – und haben – kein Foto von ihr. Es gab keinerlei Anhaltspunkte, was das Leben der Stifterin bestimmt haben mag“, erzählt Runne.

Dann, im Ruhestand befindlich, machte er sich also auf Recherchetour: in Archiven hiesiger Kirchgemeinden, mit Hilfe der Einwohner-Meldekartei und des Handelsregisters im Staatsarchiv Leipzig. Er stöberte sogar ein Ehepaar in Wuppertal auf, das mit Ilse Schwarz 40 Jahre Tür an Tür wohnte. Laut der freundlichen Nachbarn sei Ilse Schwarz klein von Statur und immer adrett gekleidet gewesen. Sie habe sehr zurückgezogen gelebt. Als Inhaberin von Aktien habe sie regelmäßig an diversen Aktionärsversammlungen teilgenommen und für die Krebshilfe gespendet. In Wuppertal sei sie in einer Weberei tätig gewesen. „Wie vermögend sie war, sei jedoch erst nach ihrer Beerdigung bekannt geworden“, so Runne.

Die Nachbarn hätten Frau Schwarz auch noch unterstützt, als sie letztlich ins Krankenhaus und 2005 in ein Pflegeheim gekommen war. „Zum Begräbnis soll auch außer ihnen und einem Pfarrer kein Mensch weiter dabei gewesen sein“, hat Runne ebenso herausgefunden wie, dass die Stifterin mit vollem Namen Senta Elisabeth Ilse Schwarz hieß; am 12. März 1921 in der Leipziger Uni-Frauenklinik zur Welt kam, am 21. Mai 1921 in St. Johannis-Leipzig getauft und am 14. April 1935 in der Peterskirche konfirmiert worden war. Sie erlernte den Beruf einer Kontoristin, zog 1945/46 nach Westdeutschland und verstarb am 25. Juli 2008 in Wuppertal.

Verbindung zur Diakonisse Marie Möbius

Ilse Schwarz war die Tochter und einziges Kind des zuvor verwitweten Fabrikanten Johannes Eduard Guido Schwarz (1892-1959) und seiner zweiten Ehefrau Martha Elisabeth (1891-1983). Ilses Vater wohnte seit 1919 in der Sophienstraße (heute Shakespearestraße), 1938 zog die Familie in die Kreuzstraße 11. „Das Mehrfamilien-Haus und die dort ansässige Siegellack-Fabrik Schwarz & Co. gehörten bereits dem Großvater Franz Johannes Guido Schwarz. Dessen vier Kinder – darunter Ilses Vater – wurden im Handelsregister 1921 als Gesellschafter geführt. Die Firma stellte Siegel- und Kapsellack, insbesondere Brief-, Pack-, Flaschen-, Hut-, Fass-, Stein- und Stock-Lacke her“, erzählt Runne.

Dazu nun, wie die Fabrikanten-Tochter Ilse und das Leipziger Diakonissenhaus zusammenzubringen sind, konnte er zumindest Indizien zusammentragen: „In jenem Haus in der Kreuzstraße 11 hatte auch 1905 die Diakonisse Marie Möbius – sie war Gemeindeschwester in St. Nikolai und von 1911 bis 1932 Oberin des Diako – auf einer Etagenwohnung ein Kinderheim für zunächst sechs Kinder eingerichtet. In kurzer Zeit war die Nachfrage aber so groß, dass es 1908 in eine größere Wohnung in der Langen Straße umzog. Schwester Marie und ihre Nachfolgerinnen erlebten als Gemeindeschwestern täglich, wie Kleinkinder gefährdet waren oder wegen der persönlich angespannten Situation ihrer Eltern verkümmerten.

Eine Mitarbeiterin, die 1921 im Heim gelernt hatte, erzählte der nachfolgenden Generation von der großen Liebe, die allem das Gepräge gab. Vielleicht resultiert ja daraus die ,gute Erfahrung mit Diakonissen‘, die Ilse Schwarz gegenüber ihren Nachbarn in Wuppertal auch mal erwähnte, und ihre Dankbarkeit gegenüber dem Leipziger Diakonissenhaus“, so Runne.

Nach Park wird nun Grabanlage erneuert

Auch, wenn die Wertentwicklung des Stiftungsvermögens bei anhaltender Nullzinspolitik der EZB – wie bei anderen Stiftungen auch – aktuell nicht rosig ist: „Dank der Hilfe wohlmeinender Spender müssen wir keine Abstriche bei der Projektförderung machen“, sagt Runne. So glückte 2017 die Unterstützung zur Wiederherstellung der Diako-Parkanlage nach historischem Vorbild. „Ein zweites Vorhaben bezieht sich nun auf die Diakonissen-Grabanlage auf dem Lindenauer Friedhof, die neu konzipiert wird. Und ein dritter finanzieller Zuschuss ist für die Diakonissen im Ruhestand bestimmt, denen nach dem Willen der Stifterin ,eine besondere Freude gebührt‘“, so Runne. Der Stiftungsvorstand konnte dem Diakonissenhaus Leipzig Verein jetzt für alle drei Projekte Zuwendungsbescheide von insgesamt 12 200 Euro übergeben.

Die Ilse-Schwarz-Stiftung hoffe nun weiterhin auf spendenbereite Helfer. Jede Spende – auch online über www.ilse-schwarz-stiftung.de – helfe, so Runne.

Von Angelika Raulien

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