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Lokales Ungewöhnliche Alzheimer-Therapie: Moritz bringt Fritz auf Trab
Leipzig Lokales Ungewöhnliche Alzheimer-Therapie: Moritz bringt Fritz auf Trab
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10:38 25.07.2018
Ungewöhnliche Therapie: Alzheimer-Patient Fritz Will trainiert im Sportschulzentrum Liebertwolkwitz auf Voltigierpferg Moritz Quelle: Dominic Welters/Karin Rieck
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Leipzig

Als Fritz Will noch mitten im Leben stand, aus eigenem Antrieb sein Dasein genoss, Erinnerungsvermögen besaß, eloquent reden und flink gehen konnte, da gab es zwei Sportarten, die machten ihm großen Spaß. Als Jugendlicher war der gebürtige Apoldaer ein begnadeter Gerätturner, heimste bei DDR-Meisterschaften etliche Medaillen ein – darunter auch im Mehrkampf. Später, als junger Rentner, schloss er sich der Seniorenriege des Universitätssportclubs Leipzig an. Auch auf Pferden saß der diplomierte Ingenieur, promovierte Ökonom und einstige Direktor des Chemieanlagenbau-Kombinats Leipzig in seinen guten Jahren gern. An der Seite von Gattin Brita, heute 76, gab es den einen oder anderen Ausritt. Dann kam 2010 die Diagnose Alzheimer-Demenz über die Eheleute. Innerhalb kürzester Zeit war Fritz Will nicht mehr Fritz Will.

Die Kasse hat den 81-jährigen Patienten längst in die Kategorie Pflegegrad V eingestuft. Danach kommt nichts mehr. Menschen, denen Alzheimer attestiert wird, bleiben meist noch sieben bis zehn Jahre. Für Brita Will und den sie unterstützenden Ergotherapeuten Nico Punke (33) von der Leipziger Praxis für Physio- und Ergotherapie Peggy Hoischen stand schnell fest: „Wir warten auf gar nichts. Solange Fritz Will unter uns ist, soll er ein menschenwürdiges Leben haben.“ Das war die kämpferische Absage an ein Absitzen oder Abliegen der Zeit. Die beiden schlugen einen anderen Weg ein: Sie setzten auf Bewegung, auf einen Mix aus Erinnerungs- und Sporttherapie. Sie wollten das motorische Gedächtnis von Fritz Will wachkitzeln.

So zogen sie mit dem Mann, der kaum noch laufen kann, in die August-Schärttner-Halle auf dem Sport-Campus an der Jahnallee. Dort erlebte Fritz Will einst viele schöne Momente. Und dort ist er inzwischen wieder regelmäßig anzutreffen (die LVZ berichtete). Es braucht zwar die Assistenz von Ergotherapeut Punke, die Aufmunterung von Ehefrau Brita und vor allem viel Geduld, bis der Ex-Champion den obersten Holm des Stufenbarrens mit seinen Händen umklammert, aber das Ergebnis zählt. Denn wenn Fritz Will dann für einige Sekunden frei an der hölzernen Stange hängt, ersetzt ein erlösendes Lachen das ansonsten starre Gesicht, machen strahlende Augen den oft ausdruckslosen Blick vergessen. „Das ist der Moment, wo du dir sagst: Alles richtig gemacht. Gerade hat der Fritz wieder ein Stück seines alten Lebens getroffen“, erzählt Punke.

Die positiven Erfahrungen mit dem Turnen machen unterdessen Lust auf mehr. Dabei spielt keine Rolle, dass ein derart spezielles Bewegungsprogramm in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss. Einmal die Woche geht’s ins Fitnessstudio im Haus Leipzig. Das dezente Krafttraining kommt dem Patienten auch beim Reiten zugute, dem jüngsten Experiment. Gestern gab’s für ihn beim Verein Sportschulzentrum Liebertwolkwitz (SSZ) bereits zum zehnten Mal in diesem Jahr ein großes Hallo. Mitglieder der SSZ-Voltigier-Gruppe und Sportler aus der Abteilung Ski des SV Liebertwolkwitz sind zu Fritz-Will-Fans geworden. Dessen Krankheit und die Bemühungen seiner Betreuer berühren sie. Wenn der schwerst gehandicapte Mann zum halbstündigen Ritt auf dem 26-jährigen Wallach Moritz erscheint, sind sie da, packen mit an, demonstrieren so ihre Solidarität mit Menschen, die sich dem Schicksal nicht einfach so ergeben wollen. „Wir hatten mal ein kleines Mädchen mit einer Tumorerkrankung hier. Und einen Jugendlichen mit Trisomie 21. Das Erlebnis Pferd hat beiden Glücksmomente beschert. Aber Therapieerfahrung haben wir deshalb nicht, erst recht keine Erfahrung mit Alzheimer-Patienten“, stellt Vereinschefin Franziska Kugeler-Meyer (46) klar.

Was die „Wolkser“ aber haben: ein Gespür für Menschen, die sich dem Schicksal nicht einfach beugen wollen. „Es war wunderbar zu erleben, wie die Leute vom Reiterhof vom ersten Tag an ohne Berührungsängste Anteil genommen haben“, sagt Brita Will voll Dankbarkeit. So stand Anfang dieses Monats plötzlich ein Podest bereit, damit ihrem Mann leichter in den Voltigiergurt geholfen werden kann. Die Stiege zu Moritz’ Rücken ist das Werk von Mario Meyer (48), Zimmermann und Gatte der SSZ-Vorsitzenden. Die Trainingsarbeit auf dem Pferd, geführt von Silvia Schirrwagen (45), übernimmt mit Sarah Bechmann eine Voltigier-Trainerin des SSZ. Normalerweise coacht sie Kids. Nach der ersten Einheit war sie noch skeptisch, „doch inzwischen sitzt der Fritz immer sicherer und aufrechter im Gurt. Und vor allem: Er zeigt mittlerweile deutliche Reaktionen, gibt sogar einzelne Worte von sich und lächelt“, schwärmt die 28-Jährige.

Alle auf der Kuhweide, der Heimstatt der Liebertwolkwitzer Volti-Gruppe, nehmen es gern in den Mund, das eine Wort: „Unglaublich!“ Und reitet der Fritz nach einigen Übungen für Bauch und Rücken für kurze Zeit gar ganz allein, feiert Therapeut Nico den „Cowboy“. Derweil Pferdebesitzerin Silvia und Trainerin Sarah zufrieden feststellen: „Moritz bringt Fritz auf Trab.“

Von Dominic Welters

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