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Uni-Kustos warnt: Einbau historischer Kanzel im neuen Paulinum "konservatorisch unhaltbar"

Uni-Kustos warnt: Einbau historischer Kanzel im neuen Paulinum "konservatorisch unhaltbar"

Die Reste von insgesamt 40 Kunstwerken hat der Kustos in seinem Reich, einem Depot der Universität Leipzig an der Hainstraße. Ordentlich geordnet liegen dort - aufwändig gestaltete, jahrhundertealte Gedenksteine und Grabmale.

"Im 16. Jahrhundert wurden viele Leipziger Honoratioren in der Paulinerkirche bestattet, darunter viele Kaufleute", erzählt der Kulturwissenschaftler aus Württemberg, der seit 2002 Kustos der Universität ist. "Besonders verdiente Leipziger durften hier ihre Erinnerungen anbringen lassen." Ab dem 17. Jahrhundert seien dann hauptsächlich Geistesgrößen der Universität in der Kirche beigesetzt worden. Auch ihre Monumente gelten als unschätzbare Zeugnisse der Vergangenheit. "Die Pracht ist einmalig", meint Rudolf Hiller von Gaertringen. "Die Epitaphien wurden von 1550 bis 1770 von den bestimmenden Künstlern der damaligen Zeit gestaltet. Wenn wir sie im Andachtsraum des neuen Paulinums aufstellen, erhält Leipzig einen Raum zurück, der künstlerisch und geisteswissenschaftlich seinesgleichen sucht."

Dass die Schätze noch vorhanden sind, grenzt an ein Wunder. Denn im Jahr der Kirchensprengung gab es nur kurz die Möglichkeit, Unwiderbringliches zu bergen. "Für eine sorgfältige Demontage wären vier Wochen notwendig gewesen", erzählt der Kustos. "Doch alles musste in den sieben Tagen vor der Sprengung geschehen." Weil viele Epitaphien aufwändig an den Kirchenwänden verankert waren, wurden sie hastig herausgebrochen und auf Lastwagen geworfen, um sie im Keller des Reichsgerichts einzulagern. Alte Fotos zeigen Bruchstücke von fünf verschiedenen Epitaphien, die übereinander liegen.

Uni-Kustos Rudolf Hiller von Gaertringen ist der Wächter der geretteten Kunstschätze der alten Paulinerkirche - auch der Kanzel, über deren Einbau in den Neubau am Augustusplatz ein erbitterter Streit tobt. Für das Anbringen der Kanzel fehlen seiner Ansicht nach die konservatorischen Voraussetzungen, erklärte er jetzt gegenüber der LVZ.

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Die Spuren sind noch heute zu sehen: Wie Puzzles werden die Kunstwerke im Reich von Hiller aus teilweise bis zu 50 Einzelteilen zusammengesetzt. Dort liegen an einer Seite auch die Reste der alten Pauliner-Kanzel - sorgfältig für die Restaurierung und den Zusammenbau vorbereitet. Für Hiller steht außer Frage, dass auch dieses wichtige Stück der gesprengten Kirche wieder in alter Schönheit hergestellt werde kann. Um sie wieder zusammenzufügen, müsse jedoch zusätzlich ein von außen unsichtbares Stahlgerüst eingearbeitet werden, erzählt der 51-Jährige. Doch während für die Epitaphien bereits klar ist, wo sie im neuen Aula-/Kirchenbau hängen werden, wirft die Kanzel Probleme auf. "Sie ist definitiv zu groß, um sie im klimatisierten Andachtsraum anzubringen", sagt der Kustos. Der relativ kleine Raum wäre damit "komplett überfrachtet", die Blickbeziehungen zu den anderen Kunstwerken würden empfindlich gestört. "Es wäre auch nicht zu vermitteln, warum sich die Kanzel dreißig Meter und mehr von den Gläubigen entfernt befindet."

Den Plan, das Kunstwerk im deutlich größeren Aula-Raum - dem "Kirchenschiff" -aufzuhängen, nennt der Kustos "konservatorisch unhaltbar", weil es dort keine Klimaanlage gibt. "Der Aula-Raum wird regelmäßig für Veranstaltungen genutzt werden", warnt er. "Die Temperaturen werden dafür plötzlich mit trockener Luft hochgeheizt und dann lassen 600 Gäste die Luftfeuchtigkeit drastisch ansteigen." Die kostbare Kanzel werde so kaputtgenutzt. "Das Holz wird schwinden, wenn es austrocknet, aber die Malschicht nicht. Sie wird abblättern. Und im Holz wird es Risse geben." Nicht irgendwann in ein oder zwei Generationen, sondern binnen weniger Jahre. "Wenn die Kanzel im Aula-Teil angebracht wird, können wir sie nicht alle fünf Jahre für zehntausende Euro pflegen", sagt er und fragt: "Wo soll das viele Geld herkommen? So kann man mit solchen Dingen nicht umgehen."

Auch der Kustos weiß, dass die Kanzel schon in den frühen Plänen für den Neubau eingezeichnet war - als Festeinbau an einem der neuen Pfeiler der Aula. "Es ist extrem unglücklich, dass damals über den Standort der Kanzel diskutiert wurde, ohne die Hausaufgaben zu machen: Grundlage der jetzigen Einschätzung ist eine genaue restauratorische Untersuchung", sagt er. Auch heute noch würden viele Leute schlichtweg nicht wissen, wovon sie reden. "Die Universität hat mit dem Freistaat keine neue Kirche vereinbart, sondern eine multifunktionale Aula", sagt er. Deshalb sei der Raum jetzt multifunktional und beheizbar - in dem gesprengten mittelalterlichen Vorgängerbau sei dies lange nicht der Fall gewesen. "Viele sagen, die Kanzel habe hunderte von Jahren gehangen und könne deswegen auch wieder im Neubau hängen", ärgert sich Hiller. "Aber das ist falsch." Die Aula besitze keine Klimaanlage, weil der Freistaat das Geld dafür nicht bereitgestellt habe. "Auch die Klimatisierung des Andachtsraums hat der Freistaat nicht finanziert, sondern die Uni", betont Hiller. Für die Aula sei das unmöglich gewesen: "Das hätte hunderttausend Euro zusätzlich gekostet - wer soll das bezahlen?" Und selbst wenn diese Summe aufgebracht werden könnte - wer finanziere den laufenden Betrieb dieser Anlage? "Die geschätzten Kosten liegen bei jährlich weiteren hunderttausend Euro."

Der Konservator hält auch nichts davon, die Kanzel mobil zu nutzen - sie also bei Bedarf zusammenzusetzen und auf ein Transportgestell zu hieven, um sie dann in die unklimatisierte Aula zu fahren. Dies koste pro Aufbau rund 1000 Euro, hat er überschlagen. Deshalb sei zu befürchten, dass die Kanzel - einmal mobil aufgebaut - längere Zeit unter ungünstigen klimatischen Bedingungen stehen bleiben wird. Auch jeder Ab- und Aufbau verursache Schäden, die die Kanzel auf Dauer nicht aushalten wird, prophezeit Hiller. "Sie ist ein Zeugnis ihrer Zeit und kann nicht beliebig oft neu aufgebaut werden."

Aber wohin dann mit dem kostbaren Artefakt? Der Kustos zuckt mit den Schultern. "Es gibt eine Klima-Simulation für die Aula, aber niemand weiß genau, wie sich das Klima in dem Neubau tatsächlich entwickeln wird", meint er und schlägt vor: "Lassen Sie uns das Gebäude fertig bauen und dann schauen, wie es innen funktioniert. Dann lässt sich mit Messungen genau feststellen, ob die Kanzel eingebaut werden kann oder nicht." Und wenn sich die Klima-Schätzungen bestätigen und die Kanzel nicht zurückkehren kann? Der Kustos zögert. "Dann sehe ich für sie keine Perspektive im Neubau", sagt er schließlich. Denkbar sei für ihn dann eine "museale Lösung". Wie die aussehen könne, wisse er aber auch noch nicht. "Die Kanzel wäre dann irgendwo anders zu sehen", sagt er. "Aber nicht im Paulinum."

Solang der Standort-Streit tobt, widmet sich Hiller mit Akribie den Epitaphien der gesprengten Kirche. Er führt gern Besucher in sein Heiligtum an der Hainstraße. Dort sind bereits die ersten fast vollständig restaurierten Kunstschätze zu sehen - in alter Farbigkeit und Pracht. Zum Uni-Geburtstag im nächsten Jahr werden sich die Leipziger ein Bild davon machen können. Dann sollen sie im Ostteil des neuen Paulinums hängen. Denn der ist ja klimatisiert.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2013

Tappert, Andreas

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