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Unister-Chef Wagner: "200 Arbeitsplätze - das interessiert bei der Stadt niemanden"

Unister-Chef Wagner: "200 Arbeitsplätze - das interessiert bei der Stadt niemanden"

Zwischen der Stadt Leipzig und der Internetfirma Unister ist ein bizarrer Streit ausgebrochen. Es geht um die Gebäudehöhe für die geplante Unternehmenszentrale an der Goethestraße.

Leipzig. Der Konflikt gefährdet inzwischen etliche Arbeitsplätze in Leipzig. Wir sprachen darüber mit Thomas Wagner, 31-jähriger Geschäftsführer und Mitbegründer von Unister, der nur äußerst selten Interviews gibt.

Frage: Es ist kaum zu glauben. Wegen des Streits um ein einziges Stockwerk liegen seit Monaten die Pläne für Ihren Neubau an der Goethestraße auf Eis. Dabei geht es um ein Projekt über 40 Millionen Euro und hunderte Jobs?

Thomas Wagner: Ich kann das Vorgehen der Stadt selbst nicht mehr nachvollziehen. Bei DHL, die irgendwann 3000 Mitarbeiter beschäftigen wollen, wurden extra eine Nachtflugerlaubnis und andere Dinge durchgeboxt. Unister möchte in dem Neubau 1400 Mitarbeiter unterbringen. Aber da streiten wir uns über Geschoss- und Traufhöhen.

Nun hat DHL ja nicht gegenüber der Oper gebaut wie Sie das vorhaben?

Die Oper mit 52 Metern Höhe ist ein schönes Beispiel. Wir planen gerade mal 36,8 Meter am höchsten Punkt und in der Umgebung gibt es genügend Bauwerke, die ähnlich hoch oder höher sind. Dennoch will uns die Stadt nicht entgegenkommen. Sie besteht darauf, dass wir mindestens eine Etage streichen, was 200 Arbeitsplätze weniger bedeutet. Aber das interessiert bei der Stadt niemanden.

Oberbürgermeister Burkhard Jung war erst im November 2009 bei Ihnen zum Firmenbesuch. Haben Sie da die Probleme nicht angesprochen?

Doch, aber im Nachgang ist nichts passiert. Das war verschwendete Zeit. Keines der besprochenen Kernprobleme wurde seitdem gelöst. Im Nachgang glänzte Baubürgermeister zur Nedden wochenlang mit Terminproblemen, denn wenn es um 1400 Jobs geht ist im Stadtplanungsamt keine Eile geboten. Herr Jung delegiert die Verantwortung an die Zuständigen und vermeidet jede Entscheidung. Wie der Teufel das Weihwasser. Eine solche Führungsschwäche auf dieser Ebene hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Sein vollkommenes Desinteresse und seine Untätigkeit für die Schaffung neuer Jobs ist für Leipzig desolat und für mich schockierend. Das habe ich ihm auch schriftlich mitgeteilt. Mehr als eine nichts sagende E-Mail von seinem Referenten kam aber nicht zurück.

Wie kam es überhaupt zu dem Konflikt? Im Juli 2009 - als eine Wettbewerbsjury einstimmig den Entwurf des Leipziger Architekturbüros Luka Kalkof zum Sieger kürte - schien doch alles noch in bester Ordnung.

Allen Jurymitgliedern war klar, dass in der Kürze der Zeit nicht alles bis ins kleinste Detail durchdacht sein konnte, da die Architekturbüros nur sechs Wochen Zeit hatten. Zudem war es im Wesentlichen ein Fassadenwettbewerb. Hier sind spätere Anpassungen an den Baukörper dahinter nicht ungewöhnlich. Dennoch wusste die Stadtverwaltung im Nachgang nur noch was nicht geht. Erklärungen, warum etwas nicht geht, gab es nicht. Schon gar keine Aussage, wie es geht.

Sie kritisieren das Stadtplanungsamt?

Ja, insbesondere den Baubürgermeister Herrn Martin zur Nedden.

Dort sagt Ihnen niemand, wie hoch der Neubau maximal werden darf?

Es wird immer nur im Konjunktiv gesprochen und geprüft. Ein Problem ist, dass es für die Leipziger Innenstadt noch immer keinen hundertprozentig bestätigten Bebauungsplan gibt. Also für Investoren keine klaren Regeln, an denen sie sich ausrichten könnten. Selbst wenn man dann einmal versucht, mit Mitarbeitern des Stadtplanungsamtes gemeinsam einen Entwurf zu entwickeln und diesen auch abstimmt, wird dieser im Nachgang einfach als "lockeres Brainstorming" bezeichnet, das nicht belastbar wäre. Nach über einem halben Jahr Hinhaltetaktik und über einem Jahr Gesprächen wird es nun endlich Zeit für Entscheidungen. Wir hatten von Beginn an auf die gebotene Eile hingewiesen, gerade weil es um die Schaffung hunderter neuer Jobs in Leipzig geht.

Ist Ihr Plan, ein Haus für 1400 Mitarbeiter zu bauen, nicht zu sportlich?

Wir liegen jetzt bei knapp 700 und haben die Zahl in den vergangenen Jahren immer dreistellig erhöht. Das sind wohlgemerkt feste Jobs, hinzu kommen noch etwa 50 studentische Kräfte. Bei einer Bauzeit von 18 bis 20 Monaten ist eine Größe um die 1400 durchaus realistisch. Andere Städte würden solche Firmen mit aller Kraft unterstützen. Leipzig nicht.

Vielleicht hat Unister bei dem Projekt an der Goethestraße selbst zu wenig Kompromissbereitschaft gezeigt?

Ursprünglich wollten wir den vorhandenen Altbau aus DDR-Zeiten sanieren. Aufgrund unserer Anforderungen haben wir uns aber später für einen Neubau, auch zu Gunsten der Attraktivität des Standortes, entschieden, obwohl wir deswegen extra Wohnfläche schaffen müssen. Die Traufe liegt jetzt bei 23 Metern und nicht mehr bei 26 wie beim Altbau. Auf Bitten der Stadt gingen wir mit den Neubauplänen ins Gestaltungsforum für Architektur, das einen Fassadenwettbewerb vorschlug, der uns weitere 60 000 Euro kostete. Das Verlegen der Tiefgarageneinfahrt vom Brühl auf die höher gelegene Ritterstraße hätte kein Architekt so geplant. Auch diese Anforderung der Stadt, die zusätzlich Geld und Parkplätze kostet, haben wir akzeptiert. Ob verschwiegene Baulasten beim Grundstücksverkauf durch die Stadt, Straßenbahnleitungen, eine Trafostation für Teile der Innenstadt im Keller oder zahlreiche weitere Belange: Wir haben schon sehr viel Entgegenkommen gezeigt. Bislang vermissen wir aber die Unterstützung der Stadt in nahezu allen Belangen, die den Bau betreffen. Es gab zahlreiche Versuche, mit dem Baudezernat einen Konsens herbeizuführen, doch etwas Konkretes kam bisher nicht heraus. So hatte ich zunehmend den Eindruck, dass es nicht mehr um die Sache an sich geht, sondern um die Sicherung stadtinterner Fürstentümer und Pflege persönlicher Eitelkeiten oder Seilschaften.

Ein harter Vorwurf! Den Planern geht es doch sicher zuerst ums Stadtbild?

Hier zählt aber scheinbar nur das subjektive Empfinden Einzelner. Bei der Jury-Entscheidung zum Fassadenwettbewerb saß ich neben Herrn Jung und Herrn zur Nedden. Der zweitplatzierte Entwurf vom Hamburger Büro Spengler Wiescholek verfügte über eine Höhe von 36,2 Metern. Ich fragte Herrn zur Nedden und Herrn Jung, ob diese Gebäudehöhe genehmigungsfähig wäre? Herr zur Nedden meinte, das sei kein Problem, denn durch die niedrige Traufhöhe seien die zurückgesetzten Dachgeschosse vom Betrachter kaum wahrzunehmen. Herr Jung bestätigte das. Jetzt wollen wir 0,6 Meter mehr als Spengler Wiescholek, aber da gibt es keinen Weg. Da stellt sich die Frage ob die Herren ihr eigenes Regelwerk nicht kennen oder nach Lust und Laune entscheiden.

Wie soll es nun weitergehen?

Ich würde mir wünschen, dass Herr Jung oder Herr zur Nedden doch noch Entscheidungen treffen, die den hier ansässigen Unternehmen nützen. Zurzeit sagt die Stadt, unser Vorhaben sei nicht nach Paragraf 34 Baugesetzbuch genehmigungsfähig. Gleichzeitig wird vorgeschlagen, ein Bebauungsplan-Verfahren einzuleiten, welches etwa 1,5 Jahre dauert und einen ungewissen Ausgang hat. Angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit ist das schon ein wenig absurd. Was das für die Zahl der Jobs bei Unister in Leipzig bedeutet, weiß ich noch nicht. Wir haben mittlerweile auch Büros in Düsseldorf, Berlin und Hamburg. Im April eröffnet Dresden, weitere werden dieses Jahr folgen. Auch Herrn Jung habe ich sehr klar kommuniziert, dass das Vorgehen der Stadt bereits jetzt circa 80 Stellen an andere Standorte verlagert hat.

Interview: Jens Rometsch

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