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Lokales Das gefilmte Staatsverbrechen
Leipzig Lokales Das gefilmte Staatsverbrechen
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06:03 02.05.2018
Pfarrer i.R. Hans-Christoph Runne (oben) mit der Dose, in der er seinen 16-Millimeter-Film von den Sprengungsvorbereitungen aufbewahrt. Bernhard Vit (unten), Kantor und Organist der katholischen Pfarrei St. Laurentius Reudnitz, besitzt ebenfalls Filmmaterial vom 30. Mai 1968. Es stammt aus dem Nachlass seines Vaters. Quelle: André Kempner
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Was Hans-Christoph Runne 1968, damals Student der Theologie am Leipziger Theologischen Seminar, auf einen 16-Millimeter-Film bannte, ist heute digitalisiert und am heimischen Computer abrufbar. Runne war schon damals auf der Höhe der (DDR-)Zeit. Seine Mutter hatte in einem Fachgeschäft in der Hainstraße eine moderne Kamera, hergestellt in der damaligen CSSR, erworben. So konnte – neben Familienereignissen – die Zerstörung der Universitätskirche im Bild festgehalten werden. Runne erinnert sich: „Schon im Herbst 1967 wurde uns klar, dass die Kirche in großer Gefahr ist. Es ging der SED um ein sichtbares Zeichen der Neugestaltung des Leipziger Stadtzentrums. Walter Ulbricht soll gesagt haben: ,Das Ding muss weg.‘“

Stasi-Leute wollten nur den Film

Das „Ding“ war ein Sakralgebäude voller Leben und einer Jahrhunderte alten Tradition. Einige der letzten Gottesdienste und musikalischen Aufführungen filmte der spätere evangelische Pfarrer Runne. So hat die Ton- und Bildaufnahme der Bachschen Matthäus-Passion vom 4. April 1968 mit dem Universitätschor und Solisten wie Peter Schreier, dirigiert vom damaligen Universitätsmusikdirektor Hans-Joachim Rotzsch, historischen Wert. Theologiestudent Runne hielt nach dem 23. Mai, als Leipzigs Stadtverordnete der Weisung des SED-Politbüros folgten und die Beseitigung der Kirche beschlossen, auch die Vorbereitungen der Sprengung im Film fest. „Das war nicht ungefährlich, die Kamera konnte ich nicht verstecken. Es ging erstaunlicherweise alles gut.“ Nicht so am Tag der Sprengung. Vom Standort über dem Ring-Café hatte Runne den Fall der Kirche festgehalten. Als er sich davon machen wollte, musste er dem Stasi-Wachpersonal den Streifen aushändigen. Zum Glück ließen sie ihm die Kamera.

„Haltet euch zurück!“

Runne, ein stiller Leipziger Protestbürger, war bis 1993 Gemeindepfarrer in Rückmarsdorf und danach bis zu seiner Pensionierung Theologischer Ge-schäftsführer des Diakonissenkrankenhauses in Lindenau. Über seine Zivilcourage – seitens der Leitung des Theologischen Seminars war für den 30. Mai die Anweisung ergangen: „Haltet euch zurück!“ – hat er in der Öffentlichkeit nie gesprochen. „Mich hat ja auch nie jemand gefragt“, sagt er.

Der Vater drehte von der Ringbebauung aus

Für Bernhard Vit, Kantor und Organist der katholischen Pfarrei St. Laurentius in Reudnitz, ist ein Schmalfilm, den sein Vater Johannes Vit im Achtmillimeter-Format aufnahm, ein ganz besonderes Erbstück. Vit senior war über viele Jahre bis zu seiner Pensionierung Cellist im Gewandhausorchester. Sein Hobby war die Filmerei. Die gehörte zu seinem Leben wie für die Familie der katholische Glaube. In der Paulinerkirche erlebte Sohn Bernhard 1964 die Erstkommunion, „giftig kalt war die Kirche und ich in kurzen Hosen“, erinnert sich Vit junior. Als bekannt wurde, dass St. Pauli vernichtet werden soll, stand für Vater Vit fest, den Akt dieser kulturellen Barbarei zu filmen. Er fand eine Wohnungsbesitzerin in der Ringbebauung nahe der Goldschmidtstraße und dokumentierte den Fall der Unikirche.

„Der Staub lichtete sich – und sichtbar wurde die Nikolaikirche“

Wenn Bernhard Vit den Film heute sieht, ist für ihn eine Sequenz besonders eindrücklich: „Der Staub lichtete sich – und sichtbar wurde der Turm der Nikolaikirche. Was für ein Symbol!“ In den Stunden und Tagen nach der Sprengung rollten die Lkw, um die Trümmer zu beräumen und zur Etzoldschen Sandgrube am Rande der Stadt zu bringen. Noch einmal war Johannes Vit nah dran. Er sammelte die Steine, die von den voll beladenen Fahrzeugen fielen, bewahrte sie auf und gestaltete aus ihnen kleine Kreuze. Ein solches bekam Dominikanerpater Gordian Landwehr (1912–1998), der unvergessene Prediger aus der Paulinerkirche.

Beim Videodreh kam der Tod

Für Vit senior hatte die Filmerei schicksalhafte Züge. Am 6. Januar 1997 nahm er mit einer Videokamera den Sternsinger-Gottesdienst in St. Nikolai auf. Sohn Bernhard dirigierte, die Enkel sangen im Chor. Als „Der Himmel ist offen, der Weg ist nun frei“ erklang, brach er, erst 69 Jahre alt und die Kamera in den Händen, zusammen und starb. „Ein Abschied erster Klasse“, sagt der Sohn.

Von Thomas Mayer

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