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Lokales „Uns geht es wie Fußballtrainern“
Leipzig Lokales „Uns geht es wie Fußballtrainern“
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09:27 26.10.2018
Bibliothekare aus Weimar, Halle, Leipzig und Dresden: Reinhard Laube, Anke Berghaus Sprengel, Ulrich Johannes Schneider, Barbara Wiermann, Charlotte Bauer (von links). Quelle: Foto: Armin Kühne
Leipzig

Es ist ein Superlativ. Zwar mit ein paar relativierenden Zusätzen, aber immerhin. „Wir sind die älteste auf eine wissenschaftliche Gründung zurückgehende Bibliothek der Welt, die nicht auf einer Fakultät oder einem fürstlichen Akt basiert“, sagt Ulrich Johannes Schneider. Im Jahr 1543 rief der damalige Unirektor Caspar Borner die Leipziger Universitätsbibliothek ins Leben, deren Direktor Schneider jetzt ist. 475 Jahre ist das her.

Auf der Jubiläumsfeier haben sich die Fachleute am Mittwochabend aber nicht lange mit der Vergangenheit aufgehalten. „Auch wenn sie groß war“, so Schneider. Vor allem im 19. Jahrhundert war die Entwicklung rasant. Doch nein, in einem Festkolloquium blickte Schneider als Moderator mit den Podiumsgästen vielmehr auf „die nächsten 475 Jahre“. Auf die „Bibliothek der Zukunft“, und zwar nicht nur auf diejenige der Leipziger Uni.

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zum Beispiel wird wohl auch weiterhin nicht nur mit Studierenden, Doktoren und Professoren zu tun haben, sondern auch mit Touristen. „Den Rokokosaal werden wir nicht neu gestalten“, sagt Direktor Reinhard Laube, der aus Weimar zum Gratulieren angereist ist. „Die 90 000 Besucher im Jahr wollen sehen, was sie von den Postkarten kennen.“

Renaissance der Bibliotheken

Die Leipziger Unibibliothek – obwohl als Institution fast 150 Jahre älter – ist im Vergleich flexibler. „Ein Luxus“, formuliert die stellvertretende Direktorin Charlotte Bauer. Noch keinen Monat ist es her, dass die Erziehungs- und Sportwissenschaftler auf dem Campus Jahnallee eine neue Bibliothek bezogen. Auch für die Mediziner ist in der Liebigstraße gerade ein Neubau fertig geworden. Die offizielle Übergabe ist für Januar terminiert.

„Bibliotheken erleben eine unglaubliche Renaissance“, sagt Bauer, „wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen“. Solche Voraussetzungen bei der Planung durchzusetzen, sei heute auch eine bibliothekarische Aufgabe, findet sie. Selbst wenn das oft schwierig sei: „Uns geht es wie Fußballtrainern: Jeder Mensch glaubt zu wissen, wie’s funktioniert.“ Darüber, dass Bibliotheken ebenso Orte der Kommunikation wie Arbeitsräume bereitstellen sollten, ist sich die Runde einig. Auch darüber, dass dabei die angestammten Aufgaben, das Wissen zu ordnen und die Überlieferung zu sichern, nicht aus dem Blick rutschen dürfen. „Wir unterscheiden uns von einer Altpapiersammlung“, hebt Laube hervor.

Jahrhundertealte Expertise

Wie sehr sich das Selbstverständnis dennoch verändert hat, veranschaulicht Barbara Wiermann von der Sächsischen Landesbibliothek Dresden, als sie einen Satz aus ihrem ersten Semester 1989 in Köln zitiert: „Die Jugend von heute muss lernen, dass sie nicht alles zu jeder Zeit haben kann“, habe ein Bibliothekar die Studienanfängerin begrüßt. Zur Mittagspause schloss er die Seminarbücherei für zwei Stunden. Heute sind dagegen viele Bibliotheken im 24-Stunden-Betrieb.

Möglich wird dies auch durch den technischen Fortschritt. Die Digitalisierung hat das Bibliothekswesen entgegen mancher Unkenrufe zwar alles andere als überflüssig gemacht. Aber stark verändert hat sie dessen Aufgaben schon. „Eine Bibliothek ist heute nur noch so gut wie ihre IT-Abteilung“, stellt Bauer fest.

Historische Quellen zu digitalisieren beispielsweise, erweitert die Forschungsmöglichkeiten enorm. Doch wie Bauer warnt auch Anke Berghaus Sprengel von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt dringend davor, die Verschlagwortung und Katalogisierung aus den Händen zu geben. Vielmehr müssten die Bibliothekare stärker kooperieren: „Wir haben eine jahrhundertealte Expertise bei der Reduzierung von Komplexität.“ Im Leipziger Fall 475 Jahre alt, um genau zu sein.

Von Mathias Wöbking

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