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Lokales Unser Garten - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin
Leipzig Lokales Unser Garten - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin
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23:59 06.05.2014
Brigitta Lehmann 1951 mit ihrer eineinhalb Jahre jüngeren Schwester. Quelle: Privat

Die gebürtige und verheiratete Leipzigerin hat selbst zwei Kinder, einen Enkel und eine Urenkelin. Auch heute ist sie noch sehr aktiv, hat bereits ein Gedichtbüchlein herausgebracht und gibt noch Nachhilfestunden in einer Grundschule.

Von Brigitta Lehmann

Immer, wenn ich heute in unseren Garten komme, gehen meine Gedanken spazieren. Meine Familie bewirtschaftete diesen Garten schon seit der Gründung der Anlage. Das müsste so gegen 1932 gewesen sein. Wir, meine Mutti, meine kleine Schwester als Baby und ich mit drei Jahren, kamen im Frühsommer 1945 aus Simselwitz zurück nach Leipzig. Dort hatten wir Schutz und Obdach vor den Bombenangriffen auf Leipzig gefunden. Der Hilfe des dortigen Landarztes sind wir noch heute zu Dank verpflichtet.

Meine Mutti erzählte später oft, dass sie damals, als sie dort mit uns Kleinen durch die Obstwiesen streifte, an ihren Garten in Leipzig dachte. Ob er noch besteht? Ob er Opfer von Bomben und Flammen wurde? Aber wir hatten großes Glück! Nach den Worten der Mutti sind wir gleich am nächsten Tag nach unserer Ankunft in Leipzig in den Garten gegangen. Er war so weit in Ordnung.

Meine eigenen Erinnerungen reichen etwa ins Jahr 1947 zurück. Der blühende Klatschmohn war hoch, fast so groß wie ich, leuchtend rot die Blütenblätter, kinderhandgroß! Wir ernteten grünen Salat und die ersten kleinen Kohlrabi. War das ein Genuss in der Zeit des Hungers! Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ohne unseren Garten hätten überleben können. Wir Kleinen pflückten auch fleißig die frischen Blätter des Löwenzahns, der bei uns immer besonders üppig wuchs und brachten sie unseren Kaninchen mit. Diese lebten mit anderen Kaninchen unserer Mitbewohner in der ehemaligen Gartenlaube unserer Hauswirtin, die ihren winzigen Garten im Hof unseres Hauses hatte.

Die Laube in unserem Schrebergarten werde ich nie vergessen: dünne Bretter, mit schmalen Leisten über den senkrechten Fugen, windschief, weil die Balken schon faulten. Repariert werden konnte sie zu der Zeit nicht, es gab keinen Mann in der Familie -, unser Vati war im Krieg geblieben, wie so viele.

Überall blätterte an der Laube die dunkelrote Farbe ab. Die Bretter wurden richtig scheckig, weil wir die Farbe nehmen mussten, die man gerade bekommen konnte. Zwanzig Jahre hielt diese Laube aber noch durch, manches Unwetter haben wir darinnen überstanden. Sie hat sogar dem Hochwasser von 1954 getrotzt.

Es gab noch ein anderes großes Problem. Diese Gartenanlage "Abendsonne" liegt ganz in der Nähe des Küchenholzes, in Kleinzschocher, also am Auenwald. Dort gab es jede Menge Wildkaninchen und die hatten auch Hunger. Sie wussten genau, wo es leckeres Gemüse gab. Ja, aber es fehlte Holz für neue, stabile Zäune! Also hat die Mutti mit alten, zernagten Brettern, Drahtresten und vertrockneten dicken Blütenstängeln um die Gemüsebeete eine Barriere gebaut.

Peinlich war für uns Kinder aber später, als wir so sieben, acht Jahre alt waren, das Besorgen von Pferdemist. Dünger war zu teuer, wenn man denn welchen hätte kaufen können. Wir sind meistens mit dem Handwagen in den Garten gegangen, weil es immer zu tragen gab und wir fast einen Kilometer laufen mussten. Also lagen im Wagen auch "Schippe und Besen" sowie ein Sack. Dahinein kamen dann die Pferdeäpfel, die wir unterwegs aufkehrten. Zum Glück fuhren zu dieser Zeit noch genug Pferdefuhrwerke auf der Straße!

Was wurde nicht alles mit diesem Handwagen transportiert, in den Garten alte Möbelteile, die in der Laube gebraucht wurden - aus dem Garten Obst und Gemüse und auch manchmal wurde die Oma hinten rein gesetzt, wenn sie sich wegen des Rheumas nicht mehr auf den Füßen hielt. Wir mussten oft den Wagen mit aller Kraft den "Kirchenberg" an der Taborkirche hochschieben, die Windorfer Straße hinauf.

Wunderschön waren in den 1950er-Jahren die Kinderfeste in der Anlage. Es gab große Festumzüge, abends mit Laternen; es wurden kleine Theaterstücke aufgeführt, bei denen alle Kinder mitspielten. Ich weiß noch, wie meine Schwester eine Rolle hatte, bei der sie sagen musste: "Guten Tag Frau Gärtnerin, haben Sie Lavendel, Rosmarin und Thymian und ein wenig Quendel -" Die Gärtnerin antwortete: "Ja Madam, das haben wir, draußen in dem Garten. Wollen Sie die Güte haben und ein wenig warten?"

Wegen des Gartens wurde in unserer Kinderzeit wenig gespielt. Nach der Schule sind wir eigentlich immer in den Garten gegangen zum Jäten, Gießen, Ernten. Wir hatten auch unsere eigenen kleinen Beete, auf denen wir alleine bestimmen durften. Doch es kam dann mit der Zeit auch die Unlust, aber mit zwölf, dreizehn Jahren wollte ich Gartenarchitekt werden -

Fahren wir heute mal nicht mit dem Auto in den Garten, denn wir wohnen jetzt weiter weg, dann gehen wir den alten Weg, die "Schafgasse" hinunter in den Volkspark, an den Sportanlagen der Radrennbahn entlang, und ich muss immer denken: "Vor fast siebzig Jahren bist du hier auch schon entlanggegangen." Der Garten ist aus meiner Kindheit und aus meinem Leben überhaupt nicht wegzudenken.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.05.2014

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