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Unten ohne durch das Jahr

Barfuß in Leipzig Unten ohne durch das Jahr

In Stötteritz werden sie immer öfter gesichtet. In Connewitz auch. Und in Knauthain. Selbst bei nasskaltem Wetter verzichten sie auf Schuhe. „Handelt es sich hier um einen neuen Trend?“, fragt Dirk Waltmann. „Ich beobachte das auch – und gerne!“, sagt Carsten Wölffling, einer von immer mehr Barfußläufern in Leipzig.

Gitte Domgall hat den ersten Barfuß-Winter noch vor sich.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In Stötteritz werden sie immer öfter gesichtet. In Connewitz auch. Sogar in Knauthain. Selbst bei nasskaltem Wetter verzichten sie auf Schuhe. „Handelt es sich dabei um einen neuen Trend?“, fragt Dirk Waltmann. Der 47-Jährige kam 2013 aus Nordrhein-Westfalen nach Leipzig und ist angesichts der Barfußläufer, die ihm immer wieder begegnen, neugierig geworden. „In den letzten Monaten sind mir, ich wohne in Stötteritz, immer wieder Menschen aufgefallen, die zwar komplett mit Hose, Oberteil, Jacke oder Mantel angezogen sind, aber barfuß durch die Gegend laufen“, berichtete er in einer E-Mail an die Redaktion. Selbst bei regnerischem Wetter, wenn das sicher keinen besonderen Spaß mache, wie etwa bei 30 Grad am Strand. „Handelt es sich hier um einen neuen Trend, einen Naturkult, eine Sekte oder Ähnliches?“, würde der Selbstständige zu gerne wissen.

„Ich beobachte das auch – und gerne“, sagt Carsten Wölffling. Auf ihn stößt man bei der Internetsuche unter „Barfuß in Leipzig“, sobald man die gleichnamige Kneipe und das Barfußgäßchen (mit den Augen) übersprungen hat. Der 30-jährige Sporttherapeut gehört zu jenen, die das Schuhwerk lieber im Schrank lassen. „Das ist inzwischen ein ziemlich anhaltender Trend“, sagt der junge Mann, der aus Fürstenwalde stammt und seit drei Jahren gänzlich unbeschuht durchs Leben geht. „Es war im Winter 2014, da ging ich mal barfuß im Schnee, fand es total gut und bin dabei geblieben.“ Zur Fußpflege gehe er deswegen nicht, betont er, während er das Geheimnis seiner (sichtlich strapazierten) Fußsohlen lüftet. „Aber ein allabendliches Fußbad. Viel mehr braucht es ansonsten nicht.“ Seine Unten-ohne-Erfahrungen gibt er als Therapeut weiter. „Zuerst arbeitete ich im Reha-Bereich, beschäftigte mich aber zunehmend mit den Füßen.“ Sie seien häufig Ursache für Schmerzen. „Schuhe, die nicht ganz genau passen, verändern die natürliche Position unserer Zehen und Füße und das mit Folgen, zum Beispiel für Rücken oder Nacken.“ Sein Wissen gibt Wölffling inzwischen als selbstständiger Barfußcoach weiter. Er analysiert Stellung der Füße und Zehen sowie den Gang der Leute, misst die Füße, gibt Tipps. „Unser Fuß ist normalerweise V-förmig. Schauen wir ihn genauer an, ist er aber schuhförmig. Das tut auf Dauer nicht gut.“ Für ihn gelte das „Dawos-Prinzip“ (da, wo’s weh tut). Dort setze er an, denn „Gesundheit ist für alle da“.

Schuhe seien Werkzeug, erklärt Wölffling in seinen Seminaren, wie jüngst im Vivobarefoot-Concept-Store bei Annett Sorgenfrei in der Karl-Liebknecht-Straße 8, wo sich nach Ladenschluss ein Dutzend Interessierter versammelte. Selbst Ötzi und die Naturvölker nutzten Schuhe als Schutz vor Kälte und Verletzungen. „Heutzutage, wenn man gesellschaftlich unterwegs ist, sind sie auch Blickschutz, denn nicht jeder mag Füße.“ Dass er zu Jeans oder Anzug darauf verzichte, nennt Wölffling zwar „unten einen kompletten Stilbruch“. Macht sich aber nichts daraus. Barfußschuhe, die es inzwischen von verschiedenen Herstellern gibt, wären natürlich eine Alternative. Er selbst arbeite „markenunabhängig“, wie er betont.

Enrico Becker trägt sie. „Dreimal in der Woche bin ich barfuß unterwegs“, erzählt der IT-Fachmann aus Dessau, der in Leipzig arbeitet und gern mehr zum Thema wissen will. „Im Wald sind bei uns viele Schotterwege, da sind die Füße bald wie abgestorben“, erklärt er seinen Wunsch nach einem Barfußschuh. Anderthalb bis zwei Jahre brauche es aber schon, sich an das Tragegefühl zu gewöhnen. „Inspiriert hatte mich das Buch ,Born to Run’ von Christopher McDougall. Mittlerweile gehe ich zu Hause, im Garten und bei Spaziergängen barfuß. Auf Arbeit geht es leider nicht“, so der 43-Jährige.

Gitte Domgall muss darauf keine Rücksicht nehmen. „Ich trage als Physiotherapeutin auch keine Schuhe“, erzählt die 40-Jährige. Ihr steht der erste Barfuß-Winter aber noch bevor. „Ich hab erst im Frühjahr damit begonnen, was ich übrigens als günstigen Zeitpunkt empfand.“ Sie merke zwar, dass der Boden kalt ist, „in Schuhen hab ich aber mehr gefroren“. Nach ihrer Ausbildung habe sie sich der Ganzheitlichkeit gewidmet und sei so aufs Barfußlaufen gestoßen. „Das war für mich ein ganz neues Thema. Ich dachte, das probierst du mal.“ Inzwischen sprechen sie auch Patienten darauf an, in der Kita ihres Sohnes gibt es Barfußläufer und auf der Straße entdecke sie auch immer mehr Gleichgesinnte. „Kein Wunder. Ich sehe bei meiner Arbeit täglich so viele Füße, die deformiert sind! Auch ich fühlte mich in Schuhen oft eingeengt und bin froh, dass ich meine Füße jetzt befreit habe – und auch keine Socken mehr brauche. Künftig also nur noch unten ohne? „Sicher nicht, obwohl ich sportlich unterwegs bin. In der Schwimmhalle trage ich Badelatschen und beim Autofahren geht es auch nur mit.“

Von Cornelia Lachmann

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