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Unterwegs mit Leipzigs oberstem Handwerker

HWK-Präsident Unterwegs mit Leipzigs oberstem Handwerker

"Ich bin noch nicht mal warm", sagt Claus Gröhn zwischen Latte Macchiato und Rührei. Seit einem halben Jahr ist der Diplom-Ingenieur Präsident der Handwerkskammer (HWK) Leipzig und legt in seinem beigen Anzug ein sportliches Tempo zurück.

Schneiderin Annett Kalaizis zeigt HWK-Präsidenten Claus Gröhn (links) und Kreishandwerksmeister Wolfgang Herzog filigrane Origamie-Blüten.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Insgesamt 15 Leipziger Betriebe will er in den nächsten Wochen besuchen, die Stimmung unter den Handwerkern einfangen und im Anschluss der Vollversammlung vortragen. Auf dem heutigen Programm stehen fünf Unternehmen - eine Sechs-Stunden-Tour querbeet durch Leipzig. Zwei Betriebe haben Gröhn und sein Team bereits besucht. Jetzt ist Pause.

In einer Bäckerei ruht der Löwe einen kurzen Moment. Gröhn hat zwar keine Krallen, trotzdem kämpft er um sein Revier, das macht er deutlich. "Wir müssen auch strampeln, nicht nur die, die Fahrrad fahren", sagt er. Gröhn mag das Spiel mit den Metaphern. Die Wahrnehmung und Wertschätzung des Handwerks komme für ihn im Lokalen zu kurz. "International ist das deutsche System hoch anerkannt", erzählt er. "Ausländische Unternehmen haben großes Interesse daran, unsere Strukturen zu übernehmen."

Zur Leipziger Handwerkskammer zählen 12100 Unternehmen in der Stadt sowie in den Landkreisen Nordsachsen und Leipzig. Derzeit werden 3500 Lehrlinge ausgebildet. Doch mit Blick auf den Nachwuchs legt sich Gröhns Stirn in Falten. Er spricht davon, dass sich das Image gegenüber Akademikern verbessern muss und legt Fakten auf den Tisch: 50 Prozent der Studierenden würden ihr Studium abbrechen. "Das kostet ein gesellschaftliches Vermögen." Er könnte noch weiterreden und argumentieren, aber der nächste Termin rückt näher. "Handwerker müssen immer auf die Uhr schauen. Sie sind ja auch zeiteffizient", sagt er. Die Gläser sind leer, der Magen gefüllt. Auf geht's.

Beim Steinmetz

In einem Mölkauer Produktionsgebäude stapeln sich bunte Marmorplatten und in der hinteren Ecke kreischt eine Säge. Klaus-Michael Rohrwacher zeigt stolz die moderne technische Ausstattung seines Natur- und Steinmetzbetriebes. Auf Knopfdruck werden Platten geteilt. Zurück zur manuellen Handhabung - undenkbar. Das Team der Rohrwacher GmbH fertigt bundesweit Treppen, Fußböden sowie Fensterbretter an, und restauriert historische Natursteinbauwerke. Laut Rohrwacher aber eine Arbeit, die von der heutigen Jugend nicht mehr gemacht werden will. Die Lehrlinge bleiben aus. "Die Industrie saugt alles weg", sagt er. Für das Handwerk bleibe fast keine Chance, an qualifizierten Nachwuchs zu kommen.

Beim Schneider

Sorgsam gleitet Annett Kalaizis über das samtene Kleid, das eine stattliche Schneiderpuppe trägt. "Momentan sind die Preise für Seide gestiegen. Das ist ein Problem für die Zulieferer", erzählt sie. In ihrem lauschigen Maßatelier im Zentrum-Ost kreiert Kalaizis Mode, die Damen und Herren auf den Leib geschneidert ist. Zehn bis zwölf Stunden Arbeit sind für die gelernte Damenschneiderin üblich, vor allem mit Start der Brautsaison ab März jeden Jahres. "Das ist für mich nicht problematisch, weil ich es gerne mache." Von der heutigen Ausbildung ist Kalaizis wenig überzeugt: "Was heute an den Schulen innerhalb von drei Jahren gelernt wird, ist nichts Halbes und nichts Ganzes."

Beim Polsterer

Radiomusik dudelt im Hintergrund, während Torsten Otto in seiner in die Jahre gekommenen Werkstatt in Gohlis-Mitte Fotoalben durch die Runde reicht. Vorher-Nachher-Bilder von ramponierten zu luxuriösen Sofas. "Mittlerweile achten die Leute wieder unseren Beruf, weil sie den Werdegang sehen, welche Arbeit dahinter steckt", sagt er. Für Nachwuchs sei in der Branche gesorgt. Otto selbst beschäftigt keine Auszubildenden, weil seine Werkstatt zu klein sei. Sorgen bereiten ihm gegenwärtig die Inhalte der Ausbildung zum Raumausstatter: "Polsterer werden in der Ausbildung benachteiligt. Denn die Zeit reicht nicht aus, um den Lehrlingen die Vielfältigkeiten dieser Spezialausrichtung beizubringen."

Beim Hörgeräteakustiker

"So, das ist wunderschön", sagt Gröhn, als er Gabriele Gromke eine goldene Ehrennadel ans Jackett steckt. Ihr soziales und innovatives Engagement, das sie neben ihren unternehmerischen Tätigkeiten an den Tag legt, wird ausgezeichnet. Die Hörgeräteakusterin strahlt. In ihrer anschließenden Rede blickt sie auf 24 Jahre harter Arbeit zurück. "Ich habe sehr zeitig mit Innovation angefangen. Ich bin eine begeisterte Zertifiziererin. Das bringt eine Linie ins Unternehmen", sagt sie. Dreh- und Angelpunkt bei Gromke Hörzentrum mit Hauptsitz in Reudnitz-Thonberg bilden individuelle Hörsysteme. Mit Auszubildenden habe das Unternehmen keine Probleme: Fünf Lehrlinge werden gerade ausgebildet.

Beim Gerüstbauer

Modelle aus Aluminium und Edelstahl stehen auf dem Bürotisch von André Weiße. Ein Vorgeschmack auf das, was der gelernte Gerüstbauer errichten kann. Mit seiner Firma Weiße Unternehmensgruppe Gerüstbau, die in Zentrum-Ost sitzt, haben er und sein Team schon die Europäische Zentralbank in Frankfurt/Main und das Völkerschlachtdenkmal metallisch eingekleidet. Das Gerüstmaterial dazu werde angemietet. Die Auftragslage sei gut. "Mehr als wir bewältigen können", sagt Weiße. Nur der Nachwuchs sei schlecht zu finden. "Das Problem sind die Bereitschaft zur Montage. Und dann ist da noch die Entlohnung, denn als Ungelernter verdient man weniger als ein geprüfter Kolonnenführer."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.07.2015
Victoria Graul

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