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Lokales Unterwegs mit Nachtwächter & Co.: Besondere Spaziergänge in Leipzig haben Konjunktur
Leipzig Lokales Unterwegs mit Nachtwächter & Co.: Besondere Spaziergänge in Leipzig haben Konjunktur
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00:26 29.07.2015
Henkersfrau Helma - alias Grit Nitzsche - erzählt beim Rundgang "Frivoles zur Nacht" Klatsch und Tratsch. Leipzig war bei Nacht in der Vergangenheit ein Hort der Trunksucht, Völlerei und vor allem der Unzucht. Quelle: André Kempner
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Leipzig

"Hört Ihr Leut' " - mit Laterne und Hellebarde zieht Nachtwächter Bremme mit einem Schwarm Gäste im Schlepptau durchs nächtliche Leipzig. Sein Rundgang gehört zu den Publikumsrennern bei Treffpunkt Leipzig. Das ist eine der 17 Firmen und Anbieter, die Touristen und Einheimischen die schönsten Seiten von Leipzig zeigen.

 Thomas Reininger reicht seinen Gästen beim Streifzug durch die Gassen einen Nachtwächtertrunk. Das kommt ebenso an wie die netten Plaudereien über die Geheimnisse seiner Zunft. Manchmal begegnet der Nachtwächter Henkersfrau Helma, die den Leuten erzählt, was Leipzig für ein Hort der Trunksucht, Völlerei und vor allem der Unzucht war. Neben Händlern und Messegästen sind hier auch Gauner, liederliche Frauenzimmer und "loses Gesindel" zu Geld gekommen.

 "Frivoles zur Nacht" heißt dieser Rundgang samt "Armesünderschluck", der bei der Firma Leipzig Erleben zu den Rennern am Abend gehört. Ebenso wie die Krimitour, die Henner Kotte regelmäßig anbietet. "Die Leute lieben authentische Geschichten über Diebe, Mörder oder betrügerische Bürgermeister", sagt Kotte und erzählt von den Studenten, die einer kopflosen Leiche vier Köpfe (aus der Anatomie) gaben und damit die Polizei verwirrten.

 Bei Leipzig Details, einem weiteren Anbieter, wird derweil gelogen, dass sich die Balken biegen. Ungestraft wird geflunkert und Quatsch erzählt - der Gast muss dann entscheiden, ob ihm die Wahrheit oder eine faustdicke Lüge aufgetischt wurde. "Das kommt gut an. Die Leute mögen unterhaltsame Stadtführungen", erzählt Geschäftsführer Michael Schaaf von Leipzig Details, die natürlich auch faktenreiche Touren offerieren - etwa im Rathaus mit Turmbesteigung und hinab in die Kasematten der Pleißenburg. Was ihn besonders freut: "Auch die Leipziger buchen unsere Touren, um ihre Stadt besser kennenzulernen." Das bestätigt Anke Knote, die Chefin von Leipzig Erleben: "Trotz der Sommerhitze laufen unsere historischen Angebote, etwa zu 1000 Jahre Leipzig sowie die Passagen-Führung, sehr gut."

 Bei ihrem Nachtwächter musste Sonja Pfeifer-Suppee, die Geschäftsführerin von Treffpunkt Leipzig, sogar zulegen. "Die Nachfrage ist derart gestiegen, in dieser Saison bieten wir unseren Nachtwächter jetzt Donnerstag bis Sonntag an vier Abenden an." Wer möchte, kann auch einen speziellen Nachtwächter-Schmaus buchen. Gut angenommen wird auch ein Angebot speziell für die Mädels, die Junggesellinnen-Abschied feiern möchten. Das muss keineswegs immer ein "Besäufnis" im Häschen-Kostüm sein. "Tour l`Amour" heißt die Offerte auf amourösen Spuren rund um die schönste Nebensache der Welt. "Bei Männern ist das weniger gefragt, für sie haben wir die Bier-Tour im Angebot", so Pfeifer-Suppee. Derzeit weniger gebucht sind Rundfahrten im geschlossenen Bus.

 Eins haben alle Gästeführer festgestellt: Die Nachfrage nach Rundgängen ist mit dem Touristenboom in Leipzig deutlich größer geworden. "Ich finde es erstaunlich, dass sich der August als buchungsstärkster Monat entwickelt", so Knote. Bislang liefen eher Frühjahr und Herbst besser, weil dann viele Gruppen zu betreuen waren. Jetzt ist die Zeit der individuellen Gäste. "Die Leute sind an Städtereisen interessiert. In den Ferien kommen auch viele Ältere, die ihre Enkel mitbringen", ergänzt Christina Macourek von Leipzig Erleben. Zwischen 150 und 200 professionelle Gästeführer, die oft für verschiedene Firmen oder auf eigene Faust arbeiten, sind regelmäßig im Einsatz. Dabei findet sich für jeden Geschmack etwas: Wer Lust hat, kann mit Waschweib Brunhilde dreckige Wäsche waschen, mit Lene Voigt Kaffee trinken, auf den Drallewatsch gehen, das Bundesverwaltungsgericht oder den Hauptbahnhof besichtigen ...

 Bei der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH freut man sich über den Zuspruch. Wie berichtet, hatte das Statistische Landesamt der Messemetropole in den ersten fünf Monaten dieses Jahres gerade wieder ein Übernachtungsplus bescheinigt. "Ein klassisches Sommerloch, wie vielleicht noch vor fünf Jahren, gibt es in Leipzig schon lange nicht mehr", sagt LTM-Sprecher Andreas Schmidt. Erfreut werde registriert, dass auch gerade in den Sommermonaten viele ausländische Städtetouristen anreisen. Das macht sich vor allem in der Leipzig-Information bemerkbar, wo fremdsprachige Prospekte und Flyer gefragt sind. Die Gästeführer haben sich seit Jahren darauf eingestellt. Die Firma Leipzig Erleben bietet ihre Touren in Deutsch sowie zwölf weiteren Sprachen an.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.07.2015
Mathias Orbeck

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