Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Lokales Ursachenforschung nach Zerstörung auf jüdischem Sportplatz – Baustopp gefordert
Leipzig Lokales Ursachenforschung nach Zerstörung auf jüdischem Sportplatz – Baustopp gefordert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:31 03.03.2016
Das verloren gegangene Relief. (Archivfoto)  Quelle: Wolfgang Zeyen
Anzeige
Leipzig

 Auf einem ehemaligen Sportplatz in Leipzig-Eutrizsch sind Überreste des jüdischen Fußball-Vereins SK Bar Kochba zerstört worden. Unter anderem wurde auch ein Relief vernichtet, das in den vergangenen Jahren verstärkt als Gedenkort für den Club und seine Sportler diente. Auf der Suche nach den Schuldigen tappt die Stadtverwaltung noch im Dunkeln. Derweil werden Forderungen laut, die Bauarbeiten grundsätzlich zu unterbrechen, um dort nach weiteren Überresten jüdischer Kultur zu suchen.

Nach Bekanntwerden der Bauarbeiten auf dem Gelände an der Delitzscher Straße haben Mitarbeiter des Amts für Bauordnung und Denkmalpflege (ABD) sich am Mittwoch vor Ort ein Bild der Lage gemacht. Ein benachbartes Autohaus will dort einen überdachten Parkplatz für mehr als 80 Fahrzeuge errichten, hat dafür bereits Bäume gefällt, Boden planiert und einen Wall begradigen lassen. Für die inzwischen zerstörte, sogenannte „Judenmauer“ und das mutmaßlich unter Geröll verschüttete Relief mit David-Stern und Inschrift ist das Autohaus aber nicht verantwortlich. „Die Arbeiten sind korrekt und auch nur im genehmigten Rahmen“, sagte Roland Quester, Sprecher des Baudezernats. Das mit schwerem Gerät beräumte Autohaus-Gelände sei nur ein Teil des ehemaligen Sportplatzes. „Man muss dazu wissen: Es gibt hier inzwischen verschiedene Teilflächen mit verschiedenen Besitzern“, so Quester.

Zur Galerie
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Feist und Rabbiner Zsolt Balla machten sich am Mittwochmorgen einen Bild von den Bauarbeiten auf dem Gelände.

Bauamt wusste nichts vom beantragten Denkmalschutz

Auf den anderen Teilflächen wurde in den vergangenen Wochen ebenfalls gearbeitet und dabei die historischen Überreste des jüdischen Fußballvereins zerstört. „Die Beräumung eines Grundstückes muss nicht beantragt werden, sofern sich hieran keine Baumaßnahme anschließt“, sagt der Sprecher des Baudezernats. Zu welchem Grundstück die nun verlorenen gegangenen Überreste des SK Bar Kochbar gehören, werde derzeit noch geprüft. Die Recherche ist offenbar aufwendig.

Möglicherweise wussten die Zerstörer ohnehin nicht, was sie dort an jüdischer Geschichte planieren. Denn wie Quester sagt, hatten selbst die Mitarbeiter im ABD bisher keine Ahnung davon. Das schon vor Jahren von der Kommune beantragte Verfahren auf Anerkennung des Denkmalschutzes für die Sportplatzüberreste wurde offenbar nicht bis zum Bauamt durchgesteckt: „Seit Jahrzehnten gibt es schon unterschiedlichste Absichten auf dem Gelände. Ein Verfahren beim Landesamt für Denkmalpflege war der Unteren Denkmalschutzbehörde bisher aber nicht bekannt“, so Quester gegenüber LVZ.de.

Mehr zum Thema

Baustopp auf ehemaligem jüdischem Sportplatz in Leipzig

Überreste jüdischer Geschichte fallen in Leipzig Bauarbeiten zum Opfer

Inwieweit die Prüfung in Dresden fortgeschritten war bleibt auch weiter unklar: In der Landesbehörde grassiere derzeit die Grippe, Informationen seien unmöglich, hieß es am Mittwoch. Christoph David Schumacher vom Verein Tüpfelhausen, der sich seit Jahren für das Gedenken an den SK Bar Kochbar engagiert, will von einer anstehenden Entscheidung in den kommenden 14 Tagen erfahren haben.

SPD fordert Baustopp – alternativer Gedenkort im Gespräch

Wiederbeschaffen wird man die zerstörten Überreste des Sportplatzes nicht mehr – aber vielleicht noch retten, was darunter liegt: „Die Stadt sollte ernsthaft einen vorübergehenden Baustopp auf dem Gelände prüfen, so dass Archäologen retten können, was noch zu retten ist“, forderte SPD-Stadtrat Christopher Zenker am Mittwoch. Die Hauptschuld für die Misere sieht der Sozialdemokrat auch bei der Landesbehörde, die eine Entscheidung über die mögliche Denkmalsicherung jahrelang hinausgezögert habe: „So müssen die engagierten Bürgerinnen und Bürger ohnmächtig zusehen, wie ihre Bemühungen nun ins Leere laufen und Tatsachen geschaffen werden“, sagte Zenker.

So wie bereits Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft, und CDU-Bundestagsabgeordneter Thomas Feist, fordert die SPD auch einen Ersatzgedenkort für den SK Bar Kochbar und seine Sportler in der Messestadt. Bestenfalls auf dem Gelände des früheren Sportplatzes. „Aus unserer Sicht ist es nun notwendig, dass sich das Kulturamt, der Eigentümer des Geländes sowie die jüdische Gemeinde und vielleicht auch das Sportmuseum zusammensetzen und eine Lösung finden, wie auch künftig vor Ort an den Sportverein und damit auch die jüdische Geschichte in Leipzig erinnert werden kann“, erklärte Stadtrat Claus Müller, der Mitglied in der Jüdisch-Christlichen Arbeitsgemeinschaft ist. Unterstützung erhielten die Politiker am Mittwoch außerdem vom Parkplatzerbauer: „Die Geschäftsleitung wird auf alle Beteiligten zugehen, um gemeinsam über Möglichkeiten zu sprechen, die dazu beitragen, dass der Verein SK Bar Kochba in würdiger Erinnerung bleibt“, hieß es auf Anfrage.

Zwischen 1922 und 1938 trug der SK Bar Kochba auf seinem Gelände an der Ecke Delitzscher Straße seine Spiele aus. Danach wurde der Verein von den Nationalsozialisten verboten, viele der Spieler starben in Konzentrationslagern. Nach einer Weiternutzung als Sportplatz bis zur Wende, verödete das Gelände in den vergangenen Jahren. Im November 2013 organisierten Leipziger Fußballenthusiasten ein Gedenkspiel.

Von Matthias Puppe

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Leipzig gibt es ein Pilotprojekt für Langzeitarbeitslose, die an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leiden. Dieses psychosoziale Coaching soll nun wegen des Erfolgs auch in anderen Regionen eingeführt werden.

02.03.2016

Wegen einer zweieinhalbstündigen Störung im Stellwerk Gröbers ist es am Mittwoch zu Verspätungen und Ausfällen im Zugverkehr rund um Leipzig gekommen. Bahnreisende zwischen Halle und Leipzig saßen für kurze Zeit in den Zügen fest.

02.03.2016

Das Heinrich-Budde-Haus in Gohlis soll saniert werden: Das fordert der Ortsverein Nord der Leipziger SPD. In der kommenden Sitzung des Stadtbezirksbeirates Nord am Donnerstag wird ein entsprechender Antrag eingereicht.

02.03.2016
Anzeige